Kultur Komponist Emmanuel Witzthum: Ein Auftragswerk für Mannheim
Es war ein Zufallsfund, muss Emmanuel Witzthum zugeben. Woher sollte er auch wissen, dass ein verschollen geglaubtes Gebetbuch aus der zerstörten Mannheimer Synagoge den Weg in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gefunden hatte. Der junge Sohn des Kantors soll das Buch in der Pogromnacht des 9. November 1938 aus der von den Nazis in Brand gesteckten orthodoxen Synagoge gerettet haben. Dem Kantor und seiner Familie gelang danach die Flucht nach Israel, und das Gesangbuch landete in Yad Vashem.
Als Kopie ist es nun wieder in Mannheim, wo Amnon Seelig, der aktuelle Kantor der jüdischen Gemeinde, den Liedern erstmals begegnet ist und zwei davon eingesungen hat für das Auftragswerk von Emmanuel Witzthum. Die Komposition ist ein Beitrag Mannheims zum bundesweiten Projekt „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, Auftraggeber das Festival Enjoy Jazz. Uraufgeführt wird es am 4. Juni im Mannheimer Opernhaus vom Ensemble Modern und dem Komponisten selbst.
Klassische Komposition trifft elektronische Musik
Der aus Jerusalem stammende Emmanuel Witzthum hat einen vielfältigen musikalischen Hintergrund. Er ist ausgebildeter Bratschist, hat bei Michael Tree vom Guarneri Quartett studiert und im Ensemble intercontemporain unter Leitung von Pierre Boulez gespielt, hat sich mit klassischer Komposition, aber auch mit improvisierter elektronischer Musik beschäftigt.
Viele Jahre hat er in Jerusalem auch als Kulturmanager gearbeitet, dabei internationale Kooperationen angestoßen etwa mit dem jüdischen Museum in Berlin, dem IRCAM in Paris, dem ZKM in Karlsruhe oder der Alvin Ailey Dance Company. Ebenso beschäftigt er sich mit kulturellen Strategien fürs digitale Zeitalter und gehört dem Zukunftsprojekt „Thinkers in Residence“ des Enjoy Jazz Festivals an. Dort war er auch schon mit einer Soundinstallation zu erleben.
In seinen eigenen, oft multimedialen Arbeiten verwendet er auch lyrische Texte oder aufgenommene Gebetsstimmen der drei in Jerusalem vertretenen Religionen. Dabei interessiert ihn, wie er betont, weniger der religiöse Aspekt, sondern der melodische oder improvisatorische. Auch die beiden von Kantor Amnon Seelig gesungenen Lieder aus dem orthodoxen Mannheimer Gebetbuch werden nun zusammen mit den vom Ensemble Modern und elektronischen Instrumenten geschaffenen Klangflächen Teil seiner neuen Komposition sein. Durchkomponiert ist die Arbeit nicht, beschreibt Witzthum sein Konzept, es werde auch improvisierte Passagen geben. „Der zentrale Aspekt der Arbeit ist es, einen Raum zu schaffen, in dem das Ensemble zu einer Gemeinschaft wird“, so Witzthum.
Der Titel: Ein Augenblick des Dazwischen
Hier erschließt sich dann auch der Titel des Werks. Witzthum wählte den 1700. Vers aus Goethes klassischem Drama „Faust“, das berühmte Zitat „Verweile doch! du bist so schön!“. Faust und Mephisto haben gerade ihre Wette abgeschlossen. Mephisto will Faust mit all seiner Kunst die Herrlichkeiten und Reichtümer der Welt vorführen, und wenn der frustrierte Gelehrte sich tatsächlich beeindrucken lässt und diesen Satz sagt, gehört seine Seele dem Teufel. Für Witzthum ist dies ein Augenblick des Dazwischen, es gibt dunkle Vorahnungen, aber auch Hoffnung. Noch ist nichts endgültig entschieden. Das berührt für ihn auch Identitätsfragen der in Deutschland lebenden Juden, diesen „Zwischenzustand jüdischer Identität“.
Dass Emmanuel Witzthum einen Bezug zwischen Jerusalem und Mannheim herstellen wollte, lag für ihn nahe. Seit einigen Jahren ist er Mannheim mit Projekten verbunden, hat im Rahmen der UNESCO City of Music die interaktive Plattform „Mix the City“ geschaffen, mit deren Hilfe Mannheimer Musiker ihre Musik hochladen und Besucher die Stadt musikalisch kennenlernen können. Überhaupt liebt er den „innovativen, multikulturellen Charakter“ Mannheims. Als Festivalleiter Rainer Kern ihm den Kompositionsauftrag anbot, nahm er daher gerne an.
Termin
Uraufführung von „Verweile doch! du bist so schön!“ am Samstag, 4, Juni, 19 Uhr, im Opernhaus des Mannheimer Nationaltheaters.