Mannheim
Kolonie stabli: So geht es den Störchen im Luisenpark in Mannheim
„Das ist ein stabiler Kerl“ – Helmut Stein ist beeindruckt. Rund 4300 Gramm bringt der Jungstorch auf die Waage, den der Experte auf „etwa sechs bis sieben Wochen“ schätzt. Nur einer von zahlreichen Artgenossen, die in der Vorwoche im Luisenpark gezählt, vermessen und vor allem beringt wurden. Und manchmal sogar mehr als das.
Die Storchenkolonie im Mannheimer Luisenpark bleibt einigermaßen stabil. „Wir haben 50 belegte Nester“, erklärt Manuela Roth. Bei ein bis zwei Jungvögeln im Nest entspricht das etwa 80 Jungstörchen. Die Revierleitung der Vogelwelt im Stadtpark erklärt auch den Rückgang gegenüber dem Vorjahr. „Viele Altvögel sind aus dem Vorjahr nicht zurückgekommen.“ Im Jahr 2025 hatten immerhin noch 53 Paare rund um den Kutzerweiher gebrütet. „Die meisten wurden wohl ein Opfer der Vogelgrippe.“ Mit insgesamt rund 1000 toten Vögeln, die nicht aus dem Winterquartier in Spanien an ihre Heimatorte zurückgekehrt sind, seien die Verluste aber nicht ganz so stark ausgefallen wie befürchtet.
Horst per Hubwagen
Über die genaue Anzahl der belegten Nester, der Brutpaare und vor allem der ausgebrüteten Jungvögel soll die Zählaktion von Helmut Stein Aufschluss geben. Der Weißstorchbeauftragte für die Region zählt, ausmisst und beringt die Jungvögel. Und teilweise sogar mehr als das. „Vier erhalten auch einen Sender, mit dem man ihre Bewegungen künftig per App verfolgen kann.“
Dieser Bewegungsradius ist aktuell noch überschaubar. Auch das sieht Stein bei seinen Besuchen in luftiger Höhe. Die Storcheneltern haben sich schließlich sicherheitshalber beim Besuch des Hubsteigers verkrümelt, beobachten das Geschehen eher aus sicherer Entfernung. Die Abwehrreaktion der Jungvögel besteht in erster Linie darin, sich regungslos zu stellen. Optimale Arbeitsbedingungen für Stein und seine Kollegin Manuela Roth, Revierleiterin der Vogelwelt in den Stadtparks. Zur besseren Bearbeitung nimmt Stein die Jungvögel schließlich mit zurück auf den Boden. „Oben arbeitet es sich ein wenig zu beengt.“ Obwohl der Experte die Vögel selbstverständlich auch dort beringen und kartieren kann. Sicherer ist es für alle Beteiligten aber auf dem Boden.
Gewohnheitstier Storch
Rund 150 Nester habe er allein in der Region in seinem Revierbereich. „Jeweils 50 in Mannheim, Heidelberg und Weinheim“, rechnet er zusammen. Dabei sind die Störche längst nicht mehr nur auf alleinstehenden Kaminen oder Kirchtürmen zu Hause, sondern bauen ihre Nester auch mitten in Baumkronen. „Das ist ein bisschen Erziehungssache. Wenn die Störche in einer Baumkrone aufgewachsen sind, dann bauen sie als erwachsene Vögel ihre Nester ebenfalls dorthin.“ Der Storch sei ein Gewohnheitstier.
Störche sind „horsttreu“. Das bedeutet, dass die Brutpaare zwar getrennt überwintern, aber im Frühjahr wieder zu ihren alten Nestern zurückkehren. Wenn sich dort beide Partner wieder einfinden, wird auch wieder gemeinsam gebrütet. Wenn nicht, gebe es mehrere Möglichkeiten, sagt Roth. Partnertausch sei eine davon. Und manchmal komme auch nur ein Altvogel aus dem Winterquartier zurück und wartet vergebens auf den Partner. „Solche Nester zählen für uns als nicht belegt“, erklärt Roth.
Störche per Internet ortbar
Auf sie und Helmut Stein wartet ein arbeitsreicher Tag, denn die Fachleute wollen möglichst allen Nestern im Park einen Besuch abstatten. „Von unten kann man nicht immer erkennen, ob die Nestern belegt sind und wie viel Jungstörche sich darin befinden.“ Ein ohnehin aussichtsloses Unterfangen, denn nicht alle Nester sind auch mit dem Hubsteiger erreichbar, höchstens auf die Entfernung einsehbar. Die erreichbaren Jungvögel werden dann nicht nur beringt, sondern teilweise sogar mit einem Peilsender ausgestattet. Eine Neuerung im Luisenpark.
So trägt etwa Weißstörchin „Olli“ schon seit geraumer Zeit einen 55 Gramm schweren Rucksacksender der Storchenwarte Radolfzell. Ihre Nachkommen haben es deutlich leichter. Die namenlosen Jungstörche aus der Nachbarschaft erhalten noch leichtere Senderringe ans Bein. Damit sind sie künftig über die App Icarus der Max-Planck-Gesellschaft weltweit zu orten. Und alle Interessierten können verfolgen, wo die Störche ihre Nahrung suchen, wann und wohin sie Richtung Süden aufbrechen und vor allem, ob und wann sie wieder in den Luisenpark zurückkehren.
Die kostenlose App ist unter www.icarus.mpg.de/de abrufbar. Die vier Sender der Mannheimer Jungstörche tragen die Nummern 123 86, 123 87, 123 88 und 123 89. Aktuell ist die Verfolgung allerdings noch eher ereignislos. „Flügge werden sie erst in zwei, drei oder sogar vier Wochen“, erklärte Stein. Bis dahin stellen sich die Vögel beim Besuch von Fremden im Nest einfach regungslos.