Ludwigshafen
Klinikumchef: Politik versagt in der Pandemie
„Wenn wir so weitermachen, dann erleben wir die fünfte, sechste oder siebte Corona-Welle“, prophezeit Günter Layer. Der 61-jährige Professor ist Ärztlicher Direktor des mit 3277 Mitarbeitern und knapp 1000 Betten zweitgrößten Krankenhauses in Rheinland-Pfalz. Er ist ebenso bestürzt über die deutsche Impfpolitik wie Hans-Friedrich Günther, der 65-jährige Geschäftsführer des Ludwigshafener Klinikums. Zum Mediengespräch haben sie am Donnerstag eingeladen, um wachzurütteln, um zu warnen, aber auch, um angestauten Frust loszuwerden.
„Virus wieder ernst nehmen“
„Wir müssen das Virus wieder ernst nehmen. Die Signale von der Politik spiegeln die Situation, wie wir sie wahrnehmen, in keiner Weise wider“, sagt Günther. Das Verhalten der Landes- und Bundespolitik sei „so verheerend und enttäuschend, dass ich befürchte, dass das kein gutes Ende nimmt“. Die Politik diskutiere, statt zu handeln und treffe völlig unsinnige Entscheidungen, pflichtet ihm Layer bei. „Weihnachtsmärkte wie in Ludwigshafen ohne Beschränkungen zu öffnen, geht voll am Thema Pandemie vorbei“, nennt Günther ein Beispiel und ergänzt: „Diese vierte Welle ist selbst verschuldet. Verantwortlich handelnde Politiker hätten sie verhindern können, indem sie frühzeitig klare Botschaften senden. Das haben sie nicht getan. Das ist ein komplettes Politikversagen.“
„Bin extrem wütend“
Zum zweiten Mal sei ein Sommer nicht genutzt worden, um die Pandemiebekämpfung strategisch vorzubereiten, ärgert sich Günther. „Ich bin extrem wütend. Man darf nicht nur Parolen verkünden, Sprechblasen produzieren und Wahlkampf machen mit dem Thema.“ Layer sagt: „Das ist eine Ignoranz, die keiner versteht. Die vierte Welle läuft seit sechs Wochen. Die Inzidenz steigt mit Ansage ungebremst. Wir haben nie gesagt, dass die Pandemie zu Ende ist.“
Beide appellieren an die Vernunft der Menschen, sich konsequent an die Hygienevorschriften zu halten, sich impfen und sich nach sechs Monaten auch boostern zu lassen – und sich trotzdem an die AHA-Regeln zu halten. Die derzeitigen „Wechselbotschaften“ aus der Politik seien extrem verwirrend und suggerierten auch bei einer vollständigen Impfung eine Sicherheit, die es nicht gebe. „Ich muss nicht ohne Maske in ein Fußballstadion mit 60.000 Leuten gehen. Ich muss nicht ein Konzert besuchen und keine Maske tragen, unabhängig davon, ob dort 2G – geimpft, genesen – oder 3G – geimpft, genesen, getestet – gilt“, verdeutlicht Günther. „Wir stellen derzeit auch fest, dass Grippe- und Magen-Darm-Erkrankungen wieder zunehmen, weil sich immer weniger Menschen an die Hygienevorschriften halten.“
Für einen Normalbürger seien die Signale der Politik „inkonsistent und inkonsequent“, schimpft Günther. Viele glaubten, die Pandemie sei zu Ende. „Das ist sie mitnichten, auch nicht für Geimpfte“, betont er mit Verweis auf die Lage in seinem Haus.
34 Covid-Patienten, zehn auf Intensivstation
Im Klinikum werden derzeit 34 Covid-Patienten im Alter von 17 bis 89 Jahren behandelt, zehn davon auf der Intensivstation. Für beide Stationen gilt: Die eine Hälfte sind Ungeimpfte, die andere Geimpfte. Nächste Woche soll eine zweite Covid-Station eröffnet werden, bis zu sechs Covid-Stationen waren es im Dezember 2020. Eine Gruppe, die derzeit sehr stark betroffen sei, seien Eltern von Schulkindern, viele 30- bis 40-Jährige, berichtet Günther. Weil sich deren Töchter und Söhne infizieren, häufig nicht erkranken, keine Symptome zeigen, das Virus aber weitertragen würden.
„Die Corona-Fälle steigen seit Wochen wieder kontinuierlich an, das ist für uns nicht weiter überraschend. Die Regel ist, dass sich alle Nichtgeimpften infizieren werden, aber auch bei den Geimpften gibt es Durchbrüche. Sie infizieren sich zwar weniger als Nichtgeimpfte und erkranken viel seltener, aber sie kommen derart oft mit dem Virus in Kontakt, dass es immer wieder Durchbrüche gibt“, schildert Günther.
Das Fatale sei, dass die Politik vermittle, eine Impfung sei völlig ausreichend für einen umfassenden Schutz. „Das ist schlicht und ergreifend falsch. Auch Geimpfte müssen weiter die AHA-Regeln beherzigen, also Abstand halten, Kontakte reduzieren, Hände desinfizieren, Maske tragen, wann immer es möglich ist. Ansonsten setzen wir uns dem Virus aus und erkranken.“
Weihnachtsfeiern abgesagt
Deshalb habe er auch schweren Herzens alle Weihnachtsfeiern des Personals untersagt. „Auch wenn sich unsere Mitarbeiter das verdient hätten, weil sie körperlich und seelisch erschöpft sind. Mir tut das in der Seele weh, aber das Risiko, sich bei diesen Veranstaltungen zu infizieren, ist einfach zu groß“, erläutert der Geschäftsführer.
Die Delta-Variante sei viel aggressiver als bisherige Virusvarianten, sodass man auch im Freien erkranken könne. „Auch am Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt ist die Gefahr groß, sich zu infizieren, wenn der Nebenmann positiv ist.“ Unter anderem wegen solcher Begegnungen erkrankten rund zehn Prozent der Geimpften an dem Virus. Deren Krankheitsverläufe seien zwar milder, dennoch landeten einige von ihnen auf der Intensivstation. „Und die Sterbequote unterscheidet sich nicht von jener der Nichtgeimpften.“
„Können wir nicht leisten“
93 Prozent der Belegschaft des Klinikums ist nach Günthers Angaben durchgeimpft, ein Drittel geboostert, habe also schon eine Auffrischungsinjektion erhalten. „Wir tun alles für den Schutz unserer Mitarbeiter und Patienten, werden von der Politik aber schon fast verächtlich behandelt“, klagt Günther. Sein Haus habe die Anfrage des Landes abgelehnt, als Impfzentrum zu agieren, weil man schlichtweg am Anschlag sei. „Aber das Land war nicht bereit, den gigantischen bürokratischen Aufwand, den eine Impfung mit sich bringt, zu reduzieren. Wir haben einfach nicht die Kapazität, das zu stemmen“, sagt Günther. „Es ist ein Armutszeugnis für die Politik, dass diese Anfrage überhaupt kommt“, meint Layer. Und er fragt sich: „Wofür brauchen wir für jede Impfung sieben Seiten? Wir impfen seit fast 100 Jahren. Diesen Irrsinn haben wir noch nie gemacht.“ Günther schiebt nach: „Die Ministerien und die Kassenärztliche Vereinigung maximieren auf unserem Rücken die Bürokratie. Das können wir nicht leisten. Mein gesamtes Qualitätsmanagement ist aktuell mit dem Testen der Mitarbeiter und Patienten beschäftigt.“
Coronabedingt zehn Millionen Euro Verlust
Unter der zunehmenden Auslastung des Klinikums würden in erster Linie „normale“ Patienten leiden, sagt Layer, etwa, wenn Operationen – wie im Vorjahr – verschoben werden müssten. „Das kann wieder auf uns zukommen. Wir werden jeden Notfall versorgen. Aber es ist natürlich höchst ärgerlich, wenn man durch eine selbstverschuldete neue Pandemiewelle Nicht-Covid-Patienten zurückstellen muss.“
Günther plädiert dafür, die Impfzentren wieder zu öffnen, um niedergelassene Ärzte zu entlasten. Der hohe Kostenaufwand sei kein Gegenargument. Sein Haus fahre in diesem Jahr coronabedingt über zehn Millionen Euro Verluste ein. „Trotzdem haben wir alle Maßnahmen ergriffen, die man in dieser Krise ergreifen muss.“ Sein Fazit: „Wir müssen uns wieder pandemiegerecht verhalten, auch die Geimpften. Selbst wenn uns die Regeln der Politik das nicht vorschreiben.“
Kommentar: Da läuft was aus dem Ruder
Die Kritik der Klinikumsspitze ist berechtigt. Sie muss ausbaden, was die zaudernde Politik versemmelt.
In der Bankenkrise 2008 garantierten Kanzlerin und Finanzminister den Sparern vor laufenden Kameras: „Ihre Einlagen sind sicher.“ Klare Worte zum richtigen Zeitpunkt. In der sich zuspitzenden Corona-Krise wäre es angebracht, erneut Klartext zu sprechen: Die Pandemie ist nicht vorbei. Lassen Sie sich impfen. Beherzigen Sie die Hygieneregeln, auch wenn Sie geimpft sind. So könnte ein Appell von höchster Stelle lauten. Der Aufschrei der Klinikumsspitze ist verständlich, läuft doch derzeit viel aus dem Ruder. Aber es ist kein Steuermann in Sicht, der Kurs hält. Während auf Weihnachtsmärkten munter Glühwein ausgeschenkt wird, füllen sich die Intensivstationen und Menschen sterben. Das ist unerträglich.