Ludwigshafen Kleiner Frosch im großen Teich

Ein Buch und keiner liest daraus vor? Die Kinder der Kita Haus des Kindes waren anfangs verwundert über den Auftritt von Erzähle
Ein Buch und keiner liest daraus vor? Die Kinder der Kita Haus des Kindes waren anfangs verwundert über den Auftritt von Erzählerin Susanne Tiggemann, dann aber restlos begeistert.

«Schifferstadt.» „Die Welt erzählt“ – ist das Motto des diesjährigen Erzählfests in der Metropolregion Rhein-Neckar. Mit dabei waren die Kinder der Kindertagesstätte (Kita) Haus des Kindes in Schifferstadt. Dort ist die Erzählerin Susanne Tiggemann zu Gast gewesen und zeigte, dass spannende Geschichten keine große Kulisse brauchen.

Zwei Koffer hatte Susanne Tiggemann am Donnerstag mit in die Kita am Neustückweg gebracht. Und aus einem zauberte sie zu Beginn ein Buch von Jens Rassmus hervor: „Der wunderbarste Platz auf der Welt.“ Doch als sie es gleich darauf wieder zur Seite legte und anfing, die Geschichte mit ihren eigenen Worten zu erzählen, war so mancher Knirps verwirrt. „Warum liest Du das nicht vor?“, fragten zwei Jungs immer wieder. Doch eine Antwort blieb der Gast den Kindern zunächst schuldig. Die meisten Zuhörer waren ohnehin schon komplett in die Geschichte vom Frosch Boris eingetaucht, die die 57-Jährige mit passender Mimik und viel Körpereinsatz erzählte. Mit einem Buch in der Hand wären all die Bewegungen, mit denen sie die Figuren der Handlung lebendig werden ließ, kaum möglich gewesen. Sie schnappte wie der Frosch nach Fliegen, klapperte mit den Händen, als der Storch sich näherte, und schlug so ausladend mit den Flügeln, dass die ersten Kinder bereits vor Vergnügen quietschten. Auf der Flucht vor dem Storch landete der kleine Frosch in der Geschichte erst auf dem Trockenen und nach langer Wanderung wieder in einem Teich. Im Publikum machte sich schon Erleichterung breit. Nur ein Mädchen fragte besorgt: „Und was, wenn jetzt wieder der Storch kommt?“ Doch Boris bekam ein ganz anderes Problem, denn der neue Teich gehörte den Kröten. Und die wollten dort keinen Frosch. Genauso erging es Boris bei den Enten und den Karpfen. Erst der Molch war bereit, seinen kleinen Teich und seine Insel mit ihm zu teilen. Und beide nahmen es zusammen mit dem Storch auf, der zum Schrecken der Kinder plötzlich wieder auftauchte. Umso mehr freuten sie sich, als die beiden Freunde es schafften, den hungrigen Vogel in die Flucht zu schlagen, und beschlossen, für immer beieinander zu bleiben. Nach dem Happy End beantwortete Susanne Tiggemann auch endlich die Frage, warum sie nicht einfach vorgelesen hatte: „Weil ich keine Vorleserin bin, sondern eine Erzählerin. Ich merke mir die Geschichten.“ Seit 30 Jahren ist die studierte Sozialpädagogin aus Schwerte freiberuflich als Schauspielerin tätig. Ihr Werdegang im Theater führte sie zur Erzählkunst, wobei ihr das Theaterspielen zugute kommt. „Ich erzähle gern sehr physisch“, sagte Susanne Tiggemann am Rande des Erzählvormittags. „Und ich finde es zauberhaft, wenn die Kinder dann mitgehen. Die brauchen das Ventil, aber dann werden sie auch wieder ruhig. Sie möchten wissen, wie es weitergeht.“ Das zeigte sich auch bei der zweiten Geschichte, welche die Kleinkünstlerin mitgebracht hatte. Im skandinavischen Märchen „Die Prinzessin und das Schwein“ unternimmt der König eine Kutschfahrt, die Tiggemann sehr lebhaft präsentierte. Und die Kinder verwandelten sich in Sekundenschnelle in kleine Schauspieler, die sich ebenfalls begeistert in jede Kurve legten und eine ziemlich hubbelige Strecke zurücklegten. Auch jene Kinder aus anderen Herkunftsländern, die nicht jedes Wort verstehen konnten. „Geschichten sind eine sehr freudvolle Art, eine Sprache zu lernen“, sagte Susanne Tiggemann. Gerade deshalb passt das Erzählfest auch so gut in das Projekt „Offensive Bildung“, das die BASF finanziell unterstützt. Allein 16 Nationen sind im Schifferstadter „Haus des Kindes“ vertreten, das in Kooperation mit der Stadtbücherei Schifferstadt am Internationalen Erzählfest teilnahm. „Wir arbeiten interkulturell und Sprache ist für uns sehr wichtig“, sagte die Kita-Leiterin Esther Knoche. Der Vormittag sei ein voller Erfolg gewesen, fand sie: „Ich habe durchweg in begeisterte Gesichter geschaut.“ Das Erzählfestival Zum siebten Mal hat das Internationale Erzählfest in der Metropolregion Rhein-Neckar stattgefunden. Unter dem Motto „Die Welt erzählt“ kamen Geschichtenerzähler aus aller Welt in Schulen, Kindergärten und andere Einrichtungen. Die Veranstaltung ist Teil des Projekts „Offensive Bildung“, in der sich seit 2005 Wirtschaft, Spitzenverbände, Trägerorganisationen von Kindertagesstätten, Schulen, Wissenschaft und Fachpraxis gemeinsam für gute und vielseitige frühkindliche Bildung in den Kitas und Grundschulen der Region einsetzen. Initiator und Hauptsponsor des Erzählfestes ist die BASF, die in der „Offensive Bildung“ auch die Erzählwerkstatt im Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen unterstützt. Mit dem diesjährigen Motto sollte der Schwerpunkt darauf gelegt werden, dass Geschichten Menschen und Kulturen miteinander verbinden können.

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