Ludwigshafen
Kleidertreffs: Wo ein Brautkleid nur 20 Euro kostet
Der Kleidertreff in der Bahnhofstraße im Westend ist ein heller, freundlicher Laden. Hier ist es fast so wie in einem normalen Bekleidungsgeschäft: Es gibt eine Kinder-, Damen- und Herrenabteilung. Strampler, T-Shirts, Blusen, Hosen und Sakkos hängen an Kleiderständern oder liegen ordentlich zusammengefaltet in den Regalen. Kunden stöbern durch das Warenangebot. Eine Frau nimmt ein blaues Kleid in die Hand und prüft, ob das wohl das richtige Teil für sie ist.
Ungewöhnlich sind die Preise: Eine Hose, ein Rock oder ein Kleid kosten fünf Euro. Ein Mantel ist für acht Euro zu haben, In einem Regal liegt ein gereinigtes, verpacktes Brautkleid für 20 Euro. Ein Pulli für Kleinkinder kostet einen Euro. Der Kleidertreff Mitte in der Bahnhofstraße ist erst kürzlich in die Räume umgezogen. Vorher war die Einrichtung in einer Wohnung untergebracht, neu einen Steinwurf entfernt. Als eine Pizzeria in dem Ladenlokal schloss, ergab sich über die Wohnbaugesellschaft GAG die Möglichkeit für den Kleidertreff, hierhin umzuziehen. Die Lage ist ideal: Nebenan liegt die Erich-Kästner-Grundschule. Mit mehr als 600 Schülern ist sie die größte Grundschule in Rheinland-Pfalz. Der Migrationsanteil unter den Schülerinnen und Schülern liegt bei über 90 Prozent. Die Kinder stammen größtenteils aus Familien mit einem schmalen Geldbeutel.
Beschäftigungsprogramm für Frauen
„Unsere Kunden sind Bürgergeldempfänger und Menschen mit geringem Einkommen, wie Senioren oder Alleinerziehende“, sagt Karl Heinz Samstag. Der 64-Jährige ist Projektleiter der fünf städtischen Kleidertreffs. Neben dem Laden im Westend gibt es vier weitere Kleidertreffs in West, der Ernst-Reuter-Siedlung in der Gartenstadt, in Oggersheim-West und in Friesenheim. Die Läden sind weitaus mehr als ein Einkaufsangebot für arme Menschen.
Seit 1988 werden in den Kleidertreffs arbeitslose Frauen – meist ohne Berufs- oder Schulabschluss – beschäftigt und an die Anforderungen des Berufslebens herangeführt, berichtet Steffen Bierwag. Der 55-Jährige ist Abteilungsleiter für die städtische Beschäftigungsförderung. 38 Plätze bietet das Beschäftigungsprogramm, 31 Frauen arbeiten derzeit in den fünf Kleidertreffs. Sie lernen dort, wie ein Laden funktioniert, wie man Kunden begegnet oder eine Kasse bedient. Dank des Programms gelinge es immer wieder, den Frauen als Verkäuferinnen auf dem freien Arbeitsmarkt einen Job zu vermitteln, etwa in einer Bäckerei oder in der Gastronomie, erzählt Bierwag.
Angebot trägt sich
„Die Kleidertreffs sind eine Erfolgsgeschichte und liegen mir sehr am Herzen“, sagt Sozialdezernentin Beate Steeg (SPD, 65). Da sich das Jobcenter Vorderpfalz an den Kosten beteiligt, tragen sich die Kleidertreffs nahezu zu 100 Prozent. Gewinn dürfe die Stadt mit den Läden ohnehin nicht erwirtschaften. Das Projekt laufe so gut, dass die Sozialdezernentin gerne in den kommenden Jahren noch einen sechsten städtischen Kleidertreff eröffnen würde, eventuell im „Dichter-Quartier“, dem ehemaligen Eisenbahnerviertel zwischen Süd und Mundenheim. „Das ist aber noch Zukunftsmusik. Aber der Bedarf ist da. Neben dem sozialen Nutzen sind die Kleidertreffs auch nachhaltig“, verweist Steeg darauf, dass hier hochwertige Second-Hand-Bekleidung zum kleinen Preis verkauft wird.
Nicht alle der fünf städtischen Kleidertreffs verfügen über solch moderne Verkaufsräume wie in der Bahnhofstraße. In Oggersheim und der Gartenstadt sind die Treffs in normalen Wohnungen untergebracht. Der Vorteil eines Ladenlokals liegt auf der Hand: „Seit wir hier richtige Geschäftsräume haben, ist die Nachfrage steil nach oben gegangen“, sagt Projektleiter Samstag und deutet auf ein halbes Dutzend Kunden, die sich gerade im Laden in der Bahnhofstraße 58 nach passender Kleidung umsehen. Gemeinsam ist allen Treffs eine knallblaue Schaufensterpuppe, die auf das Angebot aufmerksam macht.
Unterschied zu Kleiderkammern
Neben der Stadt bieten auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Oggersheim, die Diakonie im Hemshof, die Privatinitiative „Tragbar“ oder der Kinderschutzbund in einem „Stöberstübchen“ im Westend ebenfalls Kleidung und Dinge für den persönlichen Bedarf für arme Menschen an. Doch es gibt einen Unterschied zu den städtischen Kleidertreffs, denn dort findet eben auch die Beschäftigung und Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen statt. Sie waschen, sortieren und verkaufen die gebrauchte Ware.
Gemeinsam ist allen Einrichtungen, dass sie auf Kleiderspenden aus der Bevölkerung angewiesen sind. In den Kleidertreffs der Stadt können Kleidung, Schuhe und andere Textilien wie Bettwäsche während der Öffnungszeiten (montags, dienstags, donnerstags 9 bis 16 Uhr, mittwochs bis 17 Uhr, freitags bis 13 Uhr) abgegeben werden. Eine Konkurrenz zu „normalen“ Bekleidungsgeschäften sind die Treffs nicht, denn hier dürfen nur Menschen einkaufen, die ihre Bedürftigkeit nachgewiesen und eine Kundenkarte haben. Das Angebot nutzen im Jahr etwa 13.500 Personen.
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Weitere Infos zu den Kleidertreffs im Netz unter ludwigshafen.de