Mannheim
Klanggewitter und eine Prise Chaos: „40 Fingers“ im Mannheimer Rosengarten
Es ist erstaunlich, was wieselflinke Finger von Ausnahmemusikern so alles leisten können. Sie zupfen, sie picken, sie schlagen und sie gleiten elegant über die Saiten ihrer Akustikgitarren, sodass es selbst Rocklegenden die Freudentränen in die Augen treiben würde. Und da behaupte noch einer, reine Instrumentalkonzerte seien langweilig. Nach diesem Feuerwerk der Noten müssen die Kritiker verstummen. Matteo Brenci, Emanuele Grafitti, Enrico Maria Milanesi and Andrea Vittori schaffen es bereits mit ihrem ersten Titel, dass mancher Mund im ausverkauften Musensaal vor Staunen erst einmal offen steht: „Highway Star“ von Deep Purple mit jenem filigranen Originalsolo von Ritchie Blackmore. Und die vierzig Finger liefern – atemberaubend schnell und synchron auf ihren kostspieligen „Langhalslauten“.
Bei jedem der 15 Stücke, die dann folgen, spürt der Zuhörer das Können und die Spielfreude der so unterschiedlichen Typen. Brenci, 32 Jahre, der mit den Beatles und Oasis aufwuchs, ist ein Popmusik-Fan. Seine Bandkollegen hingegen bevorzugen andere Genres. Milanesi, 38 Jahre, ist Jazzer, Vittori, 52 Jahre, steht auf Rock und Blues, und der 31-jährige Graffiti, der Spaßvogel der Truppe, ist klassisch ausgebildet. So unterschiedlich wie die Charaktere sind, die auf den Bühnenhockern sitzen, so bunt ist auch das Programm. Die Soundtracks von „Piraten der Karibik“, „Der letzte Mohikaner“ und „Star Wars“ stecken im Überraschungspaket, ebenso Mozarts „Figaro“ und „Für Elise“ von Beethoven. Klassik, Rock, Jazz, Weltmusik rauschen ohne Pause durch den Saal. Ein Highlight in dieser wilden Klangwelt voller Dynamik und Gefühlen heißt „Hotel California“. Vergisst man vorübergehend den unverwechselbaren Harmoniegesang der Kalifornier, dann klingt die Interpretation der Azzuri am Ende haargenau wie „Eagles unplugged“ bei ihrem MTV-Abschiedskonzert.
Wo war die ordnende Hand?
Apropos Gitarrensolo, wenn „40 Fingers“ zum Dire-Straits-Klassiker „Sultans of Swing“ ansetzen, würde sogar dem knorrigen Mark Knopfler ein Kompliment über die Lippen zwingen. Alle Achtung vor so viel Virtuosität im Viererpack! Ein Lob auch an den Techniker, der Scheinwerfer und Lampen auf sparsamer Flamme, aber wirkungsvoll in Szene setzte.
Ungeachtet des Könnens hätte die Auswahl und Reihenfolge der Musikstücke vielleicht eine ordnende Hand gebraucht. „Volare“ als eine Hommage an die Heimat der Musikanten geht noch als Anheizer durch. Aber was macht das „Mamma Mia“ der schwedischen Beat-Fox-Gruppe in einem anspruchsvollen Programm? Oder das bis zur Ermüdung im Radio genudelte Simon & Garfunkel-Requiem „The Sound of Silence“? Zum Glück haben die Saitenakrobaten noch „Bohemian Rhapsody“ im Köcher. Gitarrist Brian May von der Gruppe Queen hat die 40-Finger-Version mit einer offiziellen Veröffentlichung auf der Website der Band gewissermaßen geadelt. Am Schluss des Crossover-Cover-Festivals kocht der Saal und singt lauthals den Refrain des Beatles-Dauerbrenners „Hey Jude“. Nach eineinhalb Stunden haben die Musiker 40 glühende Finger vom Dauereinsatz und die Zuschauer bei stehenden Ovationen brennende Handflächen vom Dauerapplaus.