Ludwigshafen Klamauk mit Kommissaren

90 Minuten mit Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl – das garantiert fast immer gute, spannende, vergnügliche Unterhaltung. An diesem Wochenende konnte man die beiden „Tatort“-Kommissare aus München aber nicht im Fernsehen erleben, sondern live im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens. Dort haben sie Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“ erzählt.
Vor genau 175 Jahren, am 19. Dezember 1843, hat Charles Dickens seine Erzählung „A Christmas Carol“ veröffentlicht. In unzähligen Varianten ist sie seitdem auf die Bühne und auf die Leinwand gebracht worden, es gibt Hörspielfassungen und Musicals, Puppentheater und Songs, die sie erzählen: die Geschichte der Wandlung des Ebenezer Scrooge vom Geizkragen zum Menschenfreund. Die große Beliebtheit lässt sich mit zwei Dingen erklären. Damit, dass Dickens in einer zeitlosen, sehr dichten Sprache erzählt. Und damit, dass die Botschaft eine stets moderne ist. An Weihnachten, so erinnert uns Dickens Jahr für Jahr, sollten wir an die Armen und Einsamen denken, an die Kranken und Traurigen. Jetzt haben also Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec den Klassiker auf die Bühne gebracht. Sie bewiesen, dass man der Erzählung nicht gerecht wird, wenn man sie auf ihren sozialkritischen Kern reduziert. Es ist auch ein ziemlich witziger Text. An vielen Stellen hat Regisseur Martin Mühleis kleine Gags eingebaut, er ließ Raum für Klamauk. Das fing bei den fünf Streichern an, die mit plüschigen Engelsflügeln auf dem Rücken Geige und Bratsche, Cello und Kontrabass spielten, und hörte bei den Tänzchen, die Wachtveitl und Nemec miteinander tanzten, noch lange nicht auf. Seit 27 Jahren spielen Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl die „Tatort“-Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr. Außer der Ludwigshafener Kommissarin Lena Odenthal ist niemand länger dabei, und keine Ermittler haben so viele Fälle gelöst wie die beiden. Natürlich sind sie ein eingespieltes Team, und es ist keine Überraschung, dass sie auf der Bühne perfekt zusammenwirken. Mal nimmt sich der eine zurück, mal dreht der andere auf. Nemec mimt Scrooge, dem dreimal der sprichwörtlich gewordene „Geist der Weihnacht“ erscheint: der vergangene, der diesjährige und der zukünftige. Er begegnet seinem verstorbenen Geschäftspartner Jakob Marley, einem kleinen Jungen, der vielleicht sterben muss, und besucht seinen eigenen Grabstein. Er reist – im Traum, wie sich später herausstellt – durch seine eigene Vergangenheit und wird mit allen Ungerechtigkeiten und Boshaftigkeiten konfrontiert, die er sich im Lauf seines Lebens geleistet hat. Und geläutert. Dickens’ Geschichte hat die Inszenierung unverändert gelassen. Sie ist nach wie vor angesiedelt in einer Zeit, in der die Straßen mit Gaslaternen beleuchtet wurden und die Menschen nicht mit Handys telefonierten. Anstatt verkrampft einen Aktualitätsbezug herzustellen, erzählen Wachtveitl und Nemec einfach die Geschichte. Und genießen es offensichtlich, auf der Bühne richtig aus sich herausgehen zu können. Da stößt Wachtveitl drohend den Zeigefinger in die Luft, da verursacht Nemec einen Lacher, als er nach der Pause scheinbar noch genauso daliegt wie eine halbe Stunde zuvor. Die Streicher forcieren mal den Fortgang der Geschichte, mal spielen sie ganz zurückhaltend im Hintergrund. Zum 66. Mal ist das Bühnenmärchen an diesem Abend gezeigt worden. Wachtveitl und Nemec merkte man kein bisschen Routine an. So fröhlich, so lebendig spielten sie, und am Ende sangen alle zusammen aus voller Kehle: „We wish you a merry Christmas.“