Ludwigshafen
Kitas: Eltern verzweifeln wegen dramatischer Betreuungslücke
Martin Schöne ist Vater eines Kita-Kindes, gehört dem Ludwigshafener Stadtelternausschuss an und vertritt im Jugendhilfeausschuss die Kindertagesstätten. Die vielen Zahlen im aktuellen Bericht der Verwaltung über die Kitas der Stadt und der freien Träger spiegeln nach seiner Ansicht nicht die Dramatik der Lage in Ludwigshafen wider. Als Beispiel nennt er die Kita seines Sohns in Mundenheim: Von 100 Plätzen seien dort aktuell nur 57 belegt. Und auch diese 57 Kinder würden nur tage- und stundenweise betreut, weil Personal fehlt. Die pädagogische Grundbildung und Chancengleichheit, wie sie in einer Kita eigentlich allen Kindern eröffnet werden sollte, existiere nicht, beklagt Schöne. Zudem vermisst er einen Plan für die Zukunft, wie das Kita-Drama für kommende Generationen aufgelöst werden könnte.
Erstmals hat die Verwaltung den Bedarfsplan Kindertagesbetreuung 2023/24 und den Kindertagesstättenbericht 2021/22 in einer Publikation zusammengefasst. Als Lektüre für den Nachttisch ist das Werk ungeeignet. Denn es ist mehr als 100 Seiten stark und listet das Angebot an Kitaplätzen in den einzelnen Stadtteilen und die voraussichtlichen Bedarfe für das kommende Kita-Jahr detailliert in Texten und Tabellen auf. Dabei wird zwischen unter und über Zweijährigen unterschieden, da die Planer davon ausgehen, dass nur ein Drittel der Kleinkinder Betreuung in Anspruch nimmt.
Keine Entspannung in Sicht
Zu Beginn des Kindertagesstättenjahrs 2023/24 werden nach dem Bericht für die Altersklasse der über Zweijährigen 9079 Kitaplätze gebraucht, aber nur 7174 stehen zur Verfügung. Macht ein Defizit von 1905 Plätzen. Die längsten Wartelisten gebe es in Oggersheim, Süd und Friesenheim. Für die Kinder unter zwei Jahren ergibt sich laut Verwaltung ein Fehlbedarf von 120 Plätzen. Auch gebe es bei Weitem nicht so viele Tagesmütter und -väter, wie sich die Stadt das seit Jahren wünscht. Ende des vergangenen Jahres standen hier nur 357 Plätze zur Verfügung. Nicht zu vergessen, dass Erzieherinnen fehlen: „Aufgrund des schon seit Jahren anhaltenden großen Mangels an pädagogischem Personal ist davon auszugehen, dass auch 2023/24 nicht alle Plätze belegt werden können“, bilanziert der Bericht. Unterm Strich mussten im Vorjahr rund 2600 Kinder zu Hause bleiben. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.
Die Verwaltung hofft darauf, dass die Kinderzahlen in der Stadt in den nächsten Jahren zurückgehen: Der demografische Scheitelpunkt der Anzahl der Ludwigshafener Kinder im Vorschulalter sei zum jetzigen Stand im Kitajahr 2022/23 erreicht. Für die Bedarfsplanung 2023/24 gehen die Planer von voraussichtlich 8648 über zweijährigen Kindern aus, 60 weniger als in diesem Jahr. Ebenfalls rückläufig sei sich die Anzahl der Einjährigen: Mit absehbar 1769 Kindern seien das 157 weniger als 2022/23.
Immer mehr Schulkinder
Weiter unverändert aufwärts hingegen geht es mit der Anzahl der Schulkinder. In dieser Altersklasse rechnet die Verwaltung für 2023/24 mit 11.102 Sechs- bis unter Zwölfjährigen. Das sind 80 Kinder mehr als derzeit. „Dabei bleibt anzumerken, dass die genannten Zahlen einer gewissen Unsicherheit unterliegen, ausgelöst durch Migrationsbewegungen aufgrund der derzeitigen sicherheitspolitischen Lage in Europa und anderen Teilen der Welt“, erläutern die Verfasser. Auch müsse beobachtet werden, ob es sich bei dem aktuellen Rückgang der Einjährigen nur um eine Delle handelt oder sich diese Entwicklung verfestigt.
Rückblickend auf das Kindertagesstättenjahr 2021/22 habe es noch leichte Zuwächse in allen Altersklassen gegeben: Die Anzahl der Eineinhalb- bis unter Sechsjährigen zu Kindertagesstättenjahresbeginn belief sich auf 8703 Kinder, 43 mehr als 2020/21. Mit 1897 Einjährigen gab es zehn Kinder in diesem Jahrgang mehr als im Jahr zuvor. Und die 10.655 sechs- bis unter zwölfjährigen Schulkinder übertrafen die Zahl des Vorjahrs sogar um 70.
43 Integrationskräfte fehlen
Die Personalnot in den Einrichtungen der Stadt und der beiden großen kirchlichen Träger beziffert die Verwaltung auf
71,5 stellen im Teilzeitbereich für Kinder über zwei Jahre und auf 70,2 Stellen im Vollzeitbereich. Das bedeutet, dass Hunderte Kitaplätze, die baulich zur Verfügung standen, nicht vergeben werden konnten. Auch bei den unter Zweijährigen schlage bei Planung und Betrieb der Kindertagesstätten der immense Fachkräftemangel durch: Im November 2022 konnten wegen der Personalnot in den Einrichtungen der Stadt und der Kirchen im Teilzeitbereich 7,9 und im Ganzzeitbereich 34,2 Personalstellen nicht besetzt werden. Für die Inklusion von Kindern mit Beeinträchtigungen fehlen 43 Integrationskräfte für bewilligte Einzelfördermaßnahmen, sodass die Förderbedarfe der Kinder nicht gedeckt werden können.
Zum Stand des Kita-Ausbaus teilt die Verwaltung mit, dass „bei 17 Projekten die Planung bereits so weit fortgeschritten ist, dass sie konkret benannt werden können“. Insgesamt sollen damit 1155 zusätzliche Plätze für die Zweijährigen bis zum Schuleintritt und 60 zusätzliche Plätze für die unter Zweijährigen geschaffen werden. Für die dann noch ausstehenden 810 Plätze „werden entweder noch Realisierungsmöglichkeiten gesucht oder die Lösungsansätze befinden sich in einem frühen Planungsstadium und können wegen der gebotenen Vertraulichkeit noch nicht benannt werden“.