Ludwigshafen
Kindertransporte in der NS-Zeit: „Koffer gepackt und überlebt“
Ursula Michel war 15 Jahre alt, als sie mit einem der letzten Kindertransporte ihre Heimatstadt Ludwigshafen mit Ziel England verlassen konnte. Dies rettete dem jungen Mädchen das Leben – während ihre Schwester und die Eltern am Ende im Konzentrationslager ermordet wurden.
Den Kontakt und die Einladung von Michels Tochter Judith Rhodes als Zeitzeugin hat der Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ vermittelt, der die Geschichte ihrer Familie seit 2013 aufgearbeitet hat. Zum Gedenken wurden am ehemaligen Wohnort der Familie Michel in der Pfalzgrafenstraße 67 vier „Stolpersteine“ angebracht. Mithilfe von Sponsoren konnte der Verein vor einigen Jahren auch einen 17-minütigen Dokumentarfilm mit dem Titel „Koffer gepackt und überlebt“ produzieren lassen.
England nahm 10.000 Kinder auf
Rhodes selbst sowie Zeitzeugen und Bekannte der Familie schildern darin ihre Erinnerungen an die tragischen Vorgänge dieser Zeit. Bereits im Jahr 2019 war die heute 69-Jährige auf Einladung des Vereins „Stolpersteine“ bei Schulklassen in Ludwigshafen und Umgebung zu Gast, um mit dem Film und historischen Bildern im Gepäck eine Geschichtsstunde besonderer Art zu ermöglichen. Vor wenigen Tagen ist sie nach drei Jahren Pause wieder im Paul-von-Denis-Gymnasium in Schifferstadt zu Besuch gewesen (wir berichteten).
Judith Rhodes selbst hat die tragische Geschichte ihrer Mutter Ursula Michel erst nach deren Tod durch ihre hinterlassenen Briefe richtig erfahren. Zu Lebzeiten wollte oder konnte die Mutter darüber nicht reden. Zu sehr hatte es sie offenbar seelisch belastet, dass nur sie selbst und nicht einmal ihre jüngere Schwester Lilli dem Holocaust entkommen konnte. Vater Heinrich Michel war jüdischen Glaubens, und obwohl Mutter Gertrud und die beiden Töchter evangelisch waren, änderte das nichts an jenem Schicksal, das Juden in Nazi-Deutschland widerfuhr. Dem Berufsverbot des Vaters, einem Justiziar am Amtsgericht, folgten Repression und mit der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 die nackte Gewalt.
Im August 1939 gelang es den Eltern noch, die 15-jährige Ursula in einem der letzten, von Kirchenorganisationen ermöglichten „Kindertransporte“ nach England unterzubringen. Die dortige Regierung hatte sich bereiterklärt, 10.000 Kinder aufzunehmen, „sofern sie nicht dem Staat zur Last fielen“. Eine Pflegefamilie nahm Ursula Michel auf.
Film ein „Herz-Öffner“
Ihr Ziel sei es, jungen Menschen die historischen Ereignisse auch menschlich und emotional erfahrbar zu machen, betont Judith Rhodes beim Gespräch im Stadtarchiv und erzählt, dass sie mit ihrem Film auch immer wieder Schulen ihrer englischen Heimat besucht. „Der Film ist ein Herz-Öffner“, macht sie seinen Wert deutlich. In den 9. bis 11. Klassen, denen der Film in Deutschland im Geschichtsunterricht gezeigt werde, seien inzwischen viele Schüler mit eigenen Fluchterfahrungen.
„Das ist genau meine Geschichte“, habe so kürzlich eine 14-jährige Schülerin nach dem Film zu ihr gesagt, die nach Deutschland geflüchtet war. Der Film „Koffer gepackt und überlebt“ ist im Internet auf der Seite http://www.ludwigshafen-setzt-stolpersteine.de verfügbar.