Ludwigshafen
Kinderbuchautorin Silke Schellhammer zu Besuch in Ludwigshafen
Am Tag vor der Lesung hat sie sich mit der Autorin dieser Zeilen zu einem Gespräch getroffen. Der Rhein fließt gemächlich an diesem Nachmittag zwischen Ludwigshafen und Mannheim. „Die Isar würde da wohl fünfmal hineinpassen“, sagt Silke Schellhammer und blickt staunend auf den breiten Fluss. Mit dem Zug ist die Münchnerin kurz zuvor aus der bayrischen Hauptstadt angereist. Der Rhein beeindruckt sie. So wie sie viele Dinge neugierig betrachtet, beobachtet sie auch ihre Umwelt: aufmerksam, interessiert und stets auf der Suche nach neuen Geschichten.
So war es schon in ihrer Kindheit, erzählt sie. Als kleines Mädchen dachte sie sich bereits Geschichten aus. Fantastische Abenteuer, ungewöhnliche Figuren, spannende Wendungen. „Ich fand das lustig“, sagt sie. Aufgeschrieben hat sie diese Geschichten allerdings nie. „Schreiben fand ich zu anstrengend, ich hätte es nicht vom Kopf aufs Papier gebracht“, sagt sie. Vielleicht fehlte ihr damals auch das Selbstvertrauen. Denn, so meint sie weiter: „Ich dachte nicht, dass ich etwas zu erzählen hätte.“
Erste Schritte im Jugendbuchbereich
Heute gehört die 58-Jährige zu den erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen Deutschlands. Dass es einmal so weit kommen würde, war lange nicht abzusehen. Schellhammer studierte Sportwissenschaften, absolvierte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und schrieb unter anderem wissenschaftliche Fachbücher. Fantastische Geschichten waren zunächst nur eine ferne Idee. Der entscheidende Anstoß kam durch eine Kollegin. Diese ermutigte sie, sich doch einmal an fiktionalen Texten zu versuchen. Die ersten Schritte machte Schellhammer im Jugendbuchbereich. Doch der große Durchbruch gelang ihr erst mit einer Reihe, die inzwischen Tausende Kinder begeistert: „School of Talents“.
Auf den ersten Blick wirkt die Buchreihe wie eine klassische Internatsgeschichte. Doch hinter den fantastischen Elementen verbirgt sich weit mehr. Die Schüler der School of Talents besitzen besondere Fähigkeiten. Manche können mit Tieren sprechen, andere Gedanken lesen, Wasser in Eis verwandeln oder sich schrumpfen lassen. Viele dieser Talente sind allerdings keineswegs praktisch. Im Gegenteil: In der normalen Welt sorgen sie häufig für Probleme, Missverständnisse und Ärger.
„Es ist okay, wie man ist“ als Botschaft
Genau das macht den Kern der Reihe aus. Schellhammer möchte Kindern vermitteln, dass Anderssein nichts Schlechtes ist. Dass jeder Mensch seine eigenen Stärken und Schwächen besitzt. Und dass niemand sich verbiegen muss, um dazuzugehören. „Es ist okay, wie man ist“, lautet die Botschaft ihrer Bücher.
Dabei greift die Autorin Themen auf, die viele Kinder aus ihrem Alltag kennen. Es geht um Ausgrenzung, um das Gefühl, nicht dazuzugehören. Um Versagensängste und Selbstzweifel. Die talentierten Kinder ihrer Geschichten müssen oft mehr aushalten als jene, die sich problemlos anpassen können. Sie fallen auf, ecken an und werden missverstanden. Erfahrungen, die auch viele Kinder ohne magische Fähigkeiten gut kennen.
Kritik am Schulsystem
Mit ihren Büchern übt Schellhammer zugleich Kritik am bestehenden Schulsystem. Ihrer Ansicht nach werden Kinder zu früh miteinander verglichen. Noten sortieren, unterscheiden und bewerten. Dadurch entstehen nicht selten Selbstzweifel und das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Die School of Talents stellt deshalb bewusst einen Gegenentwurf dar. Dort wird anders gelernt. Praxisorientierter. Die Schüler dürfen forschen, ausprobieren und Fehler machen. Jeder lernt in seinem eigenen Tempo. Nicht Konkurrenz, sondern individuelle Entwicklung steht im Mittelpunkt.
Dieser Blick auf Kinder hat auch mit Schellhammers früherem Beruf zu tun. Als Physiotherapeutin arbeitete sie viele Jahre mit benachteiligten Kindern mit motorischen Defiziten. Dabei erlebte sie immer wieder, wie unterschiedlich Kinder lernen und welche Folgen ständige Vergleiche haben können. Diese Erfahrungen fließen in ihre Geschichten ein. Inzwischen hat das Schreiben ihr Leben vollständig verändert. Seit zwei Jahren arbeitet Schellhammer hauptberuflich als Autorin. „Die Kombination aus Beruf, Schreibarbeit und zahlreichen Lesereisen war irgendwann nicht mehr zu bewältigen“, erzählt sie. Heute schreibt sie zwei bis drei Bücher pro Jahr.
Neuer Band erscheint Ende Juni
Und die Ideen gehen ihr noch lange nicht aus. Ende Juni erscheint bereits der neunte Band der „School of Talents“-Reihe. Im Herbst folgt der zweite Band eines Spin-offs, in dem die Talentschüler immer zu zweit neue Orte besuchen. Den zehnten Band hat Schellhammer gerade erst beim Lektorat abgegeben, Ideen für Nummer elf gibt es auch bereits.
Wenn Silke Schellhammer von ihren Büchern spricht, wird schnell klar, dass es ihr nicht nur um spannende Geschichten geht. Hinter den fantasievollen Abenteuern steckt eine Haltung. Die Überzeugung, dass Kinder nicht normgerecht sein müssen, um wertvoll zu sein. Dass Unterschiede keine Schwächen sind. Und dass jedes Talent – selbst das scheinbar unnützeste – seinen Platz haben darf. Vielleicht ist das die eigentliche Magie der School of Talents: Nicht die besonderen Fähigkeiten ihrer Figuren, sondern die Gewissheit, dass jeder Mensch gut ist, wie er ist.