Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Kinder ohne Deutschkenntnisse: Lücke bei der Schulpflicht

Alle Kinder ab einem Alter von sechs Jahren sind in Deutschland schulpflichtig.
Alle Kinder ab einem Alter von sechs Jahren sind in Deutschland schulpflichtig.

Anfang September standen 15 Kinder ohne Deutschkenntnisse auf einer Warteliste für einen Platz an einer weiterführenden Schule. Wie passt das zur Schulpflicht im Land?

Im Jahr 2024 wurden der Stadt Ludwigshafen nach Angaben der Verwaltung 160 geflüchtete Kinder im Alter von unter 18 zugewiesen. 65 dieser Mädchen und Jungen waren bis sechs Jahre alt, 60 zwischen sieben und 13 Jahren und 35 zwischen 14 und 17 Jahren. 95 dieser Kinder und Jugendlichen waren also schulpflichtig. Denn in Rheinland-Pfalz müssen laut Bildungsministerium alle Kinder zur Schule gehen, die bis zum 31. August im Einschulungsjahr sechs Jahre alt werden. Die Schulpflicht endet erst mit der Vollendung des 18. Lebensjahrs, und sie gilt für alle Kinder und Jugendlichen mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthalt im Land. Auch für Geflüchtete und Zugewanderte ohne Deutschkenntnisse.

So steht es im Gesetz, aber die Realität ist anders: Flüchtlingshelfer wie der Verein „Respekt: Menschen!“ beklagen, dass es für einige Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien in der größten Stadt der Pfalz längere Wartezeiten auf einen Platz an einer weiterführenden Schule gebe. Ein Vater aus Afghanistan hatte Ende Februar im Gespräch mit der RHEINPFALZ berichtet, dass er für zwei Söhne und eine Tochter mehrere Monate auf Plätze an der weiterführenden Schule warten musste.

Dass in Ludwigshafen stetig Geflüchtete aus den weltweiten Krisenregionen und Arbeitsmigranten mit ihren Familien ankommen, ist für die Kommune als Träger der Schulen sowie für das Land, das für Schüler und Lehrer zuständig ist, eine Herausforderung. Eine Sprecherin der Schulaufsicht ADD erklärt auf Anfrage zur Umsetzung der Schulpflicht: „Ich kann Ihnen mitteilen, dass wir bestrebt sind, neu ankommenden Schülerinnen und Schülern umgehend einen Schulplatz zur Verfügung zu stellen. Dazu sind alle Beteiligten fortlaufend im Austausch. Die Arbeitsabläufe werden dabei kontinuierlich evaluiert und optimiert.“

Freie Plätze in Deutschintensivkursen nötig

Im vergangenen Schuljahr wurde nach weiteren Angaben der Sprecherin eine Koordinierungsstelle für die Stadt Ludwigshafen eingerichtet, welche die Verteilung der Schüler ohne beziehungsweise mit nur geringen Deutschkenntnissen übernimmt. Der Koordinierungsstelle gehören demnach Vertretungen der sechs Realschulen plus, der drei Integrierten Gesamtschulen und der sechs Gymnasien an.

Wie kommen die geflüchteten und zugewanderten Kinder und Jugendlichen an einen Platz in einer Schule? Betroffene Schülerinnen und Schüler werden der Sprecherin zufolge von der Koordinierungsstelle einer Schule zugewiesen, die Kapazitäten in einem Deutschintensivkurs hat. Das Einwohnermeldeamt teilt der Koordinierungsstelle mit, wenn Kinder in Ludwigshafen angekommen sind. Die Koordinierungsstelle weist dann die Kinder einer für sie erreichbaren Schule zu, die Kapazitäten in einem Deutschintensivkurs hat, und teilt den Eltern die notwendigen Informationen zur Anmeldung mit. Unter anderem in Mainz und in Kaiserslautern seien vergleichbare Stellen eingerichtet worden, welche sich für die Eltern und Sorgeberechtigten als große Hilfe erwiesen hätten, da diese bei Ankunft in Deutschland oft noch nicht hinreichend über die hiesigen Regelungen informiert seien.

Klassenmesszahl wird nicht überschritten

In den Sommerferien gab es der Schulaufsicht zufolge 20 eingewanderte Schüler, die zum Schuljahresbeginn an den weiterführenden Schulen gestartet sind. Die jeweilige Klassenmesszahl, also die festgeschriebene maximale Anzahl an Kindern in einer Klasse, werde in der Regel nicht überschritten, sagt die ADD.

Jedoch nicht alle Kinder und Jugendlichen ohne Deutschkenntnisse bekommen direkt nach ihrer Ankunft einen Platz in einer Schule: Anfang September waren laut ADD noch 15 Deutsch-Intensiv-Kurs-Schüler auf der Warteliste.

VHS bereitet auf die Schule vor

Daher spielt eine besondere Schule in Ludwigshafen eine wichtige Rolle: Mit der Volkshochschule (VHS) bestehe ein enger Austausch und eine Kooperation, so die ADD-Sprecherin. „In der Vergangenheit konnten so zum Beispiel Zuwanderungsspitzen überbrückt werden, und insbesondere die Feriensprachkurse der VHS erfreuen sich großer Beliebtheit und ergänzen das schulische Angebot.“

Um jungen Menschen im Alter von zehn bis 13 Jahren den Schulstart zu erleichtern, hat die VHS Ludwigshafen etwa im vergangenen Sommer einen intensiven Schulvorbereitungskurs durchgeführt. Das Projekt richtete sich an schulpflichtige Schüler, die trotz Schulpflicht noch keiner Regelschule zugewiesen worden waren. Im Mittelpunkt standen die Alphabetisierung sowie der Erwerb grundlegender Deutschkenntnisse für den Schulalltag.

Kooperation seit mehreren Jahren

Nur dank eines Sponsors ist dieses Projekt möglich: die Stiftung „alphafit4future“ leistet einen Beitrag zur Bildungsintegration in Ludwigshafen. „Die Stiftung trägt durch ihre Spende maßgeblich dazu bei, dieses Bildungsprojekt zu realisieren und für die Jugendlichen einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einem erfolgreichen Schulabschluss zu legen“, erläuterte Olga Kormilicina, die den Kurs bei der VHS Ludwigshafen organisiert.

Die Engpässe im Schulsystem gibt es schon lange: Die VHS und die Stiftung arbeiten seit dem Jahr 2021 zusammen. Begonnen wurde im Schuljahr 2021/22 mit drei Alphabetisierungskursen für zugewanderte Kinder an der Karolina-Burger-Realschule plus in Mundenheim. Die Kinder, die aufgrund ihres Alters und ihrer vorherigen Schulbesuche im Herkunftsland in die fünften bis achten Klassen eingestuft waren, konnten zusammen mit Angeboten der Schule zum Teil erstmalig, zum Teil als sogenannte Zweitschriftlerner in der lateinischen Schrift alphabetisiert werden.

Lücke im Schulsystem

Im Jahr 2024 wurde der erste zweimonatige Schulvorbereitungskurs für 20 neu zugewanderte Schüler der Sekundarstufe zur Alphabetisierung und Sprachförderung organisiert. Der größte Teil der Teilnehmer konnte anschließend in eine Berufsbildende Schule wechseln. Alle Kurse werden von Dozenten der VHS geleitet. Darunter sind Deutschlehrkräfte, die sonst in der VHS Erwachsene unterrichten, aber auch pensionierte Lehrer.

„Durch die Förderung der Stiftung ,alphafit4future’ können wir für neu angekommene Kinder und Jugendliche eine Lücke im Übergang von der Ankunft in Deutschland bis zum Besuch einer Schule schließen“, ergänzt Heike Ettischer, pädagogische Mitarbeiterin an der Volkshochschule.

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