Ludwigshafen Kinder mit Peitsche zur Arbeit gejagt
Tamara Kamenkowa ist 1942 im Alter von fünf Jahren mit ihrer Familie nach Ludwigshafen verschleppt worden. Die Weißrussen mussten in einem Lager an der Maudacher Straße leben. „Der Aufseher für die Kinder war ein alter Deutscher, der mit der Peitsche in die Baracke kam und sang: ’Aufstehn, Arbeiten gehen, ku ku!’ Wenn jemand trödelte, wurde er mit der Peitsche geschlagen“, erinnerte sich Kamenkowa in einem Brief an die Stadtverwaltung Ludwigshafen. Sie musste als Seniorin nachweisen, was ihr widerfahren war, um einen Anspruch auf Entschädigung geltend machen zu können. Bis zum Sommer 1944 gab es über 22.000 Fremdarbeiter in der Stadt. Sie machten rund ein Drittel aller zivilen Beschäftigten in Ludwigshafen aus, wie in der Stadtgeschichte vermerkt ist. Ludwigshafener Betriebe wie die IG Farben (heute BASF), Halberg und Giulini hatten eigene Fremdarbeiterlager. Von der IG Farben ist noch ein Strafbuch erhalten, in dem Vergehen der Ausländer notiert sind. Das Mitnehmen einer Serviette von einem Tisch für Deutsche sei mit drei Tagen Haft bestraft worden, berichtet Stadtarchivar Klaus Jürgen Becker. Die Nazis holten sich aus den von der Wehrmacht eroberten Gebieten in Osteuropa Arbeitssklaven für ihre Wirtschaft. Der Historiker Becker macht deutlich, dass Verschleppung, Ausbeutung und Diskriminierung unmittelbare Folgen der nationalsozialistischen Rassenideologie waren. Ziel war es, Deutschland von Agrarimporten unabhängig zu machen, Rohstoffe zu gewinnen und die Bevölkerung der eroberten Gebiete zu knechten. Bereits am 8. März 1940 sei der Polenerlass in Kraft getreten. Die drei Millionen polnischen Zwangsarbeiter in Polen und im Reichsgebiet mussten sichtbar eine Raute mit dem Buchstaben P tragen. Sie wurden kaum entlohnt, durften kein Geld bei sich haben, keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, keine Gaststätten besuchen. Polen und Menschen aus Osteuropa galten den Nazis als „minderwertig“, sexuelle Beziehungen zu Deutschen waren als „Rassenschande“ geächtet. Beschuldigte Osteuropäer konnten ohne Gerichtsverfahren getötet werden, Deutschen drohte das Konzentrationslager. Verschleppt und zur Arbeit gezwungen wurden nicht nur Männer und Frauen. Becker zeigt den Ausweis eines neunjährigen Mädchens, das aus Polen in die Pfalz verschleppt worden ist. Die Polen seien vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt worden. Damit wollten die Nazis sicherstellen, dass die Deutschen während des Krieges nicht Hunger leiden, wie dies im Ersten Weltkrieg der Fall war. Deutsche Männer waren als Soldaten eingezogen. Sie fehlten bei der Ernte und auch in der Industrie. Als Ludwigshafen ab 1943 bombardiert wurde, waren es Zwangsarbeiter, die Opfer bergen und Blindgänger entschärfen mussten. Für sie selbst gab es keinen Schutz. So erkläre sich, dass über die Hälfte der Ludwigshafener Luftkriegsopfer Zwangsarbeiter sind, sagt Becker. Erst im Juni 1944 habe die Industrie Schutzräume für Zwangsarbeiter eingerichtet – die Verluste waren zu groß geworden und gefährdeten die Produktion. Auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof erinnert ein 1950 angelegtes internationales Ehrenfeld an die Zwangsarbeiter. 596 Menschen sind dort bestattet, die während der Naziherrschaft gestorben sind. Davon stammten 194 aus Polen und 168 aus der ehemaligen Sowjetunion. Das Gedenken hat am Samstag an einem besonderen Datum stattgefunden: Der 23. März ist der Tag der Befreiung Ludwigshafens von der Naziherrschaft. An jenem Frühlingstag im Jahr 1945 besetzten US-Truppen die Stadt und der Zweite Weltkrieg war für die Bewohner zu Ende. Im Rest des Deutschen Reichs dauerte der Krieg noch bis zur Kapitulation am 8. Mai. 74 Jahre später trafen sich in Ludwigshafen zum zweiten Mal Vertreter der Stadtgesellschaft mit Nachfahren und Landsleuten von Zwangsarbeitern auf dem Hauptfriedhof. In diesem Jahr wurde besonders der Menschen aus Polen gedacht. Bei der Feierstunde auf dem Hauptfriedhof begrüßte Peter Runck, Sprecher des Organisationsteams, Kinder und Enkel von Zwangsarbeitern. Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) erinnerte an die Verpflichtung der Deutschen, gemeinsam mit den Staaten Europas gegen eine Wiederholung der Untaten zu kämpfen. Der polnische Generalkonsul Jakum Wawrzyniak dankte allen, die die Erinnerung an die Opfer wach halten und sich für die Freiheit einsetzen. Pfarrer Boguslaw Banach sprach Gebete und Fürbitten. Mit Entschädigungen für erlittenes Unrecht ließ sich der deutsche Staat bis zur Jahrhundertwende Zeit: Von drei Millionen Polen sind nur 488.000 entschädigt worden.