Mannheim
Keine Angst vor Braunbären: Die Violinistin Marie-Luise Dingler schreibt ein Kinderbuch
Es waren einmal ein Igel und ein Eichhörnchen, die Geige und Mandoline spielten und einander auf ihren Instrumenten die schönsten Melodien vorspielten. Irgendwann kamen die beiden Freunde auf die Idee, dass diese Melodien auch anderen Tieren gefallen könnten und dass sie einmal ein Konzert geben könnten. Gesagt, getan? Nein. Denn als sie bei der Konzertdirektion Braunbär anrufen, werden sie unfreundlich abgewiesen: „Soso, Geige und Mandoline. Von so einem Duo habe ich noch nie gehört. Nein, nein, das wird nichts. Das kann ich euch gleich sagen.“
Eigene Erfahrungen eingeflossen
„Ja“, sagt Marie-Luise Dingler und schmunzelt. „Man kann durchaus sagen, dass da eigene Erfahrungen eingeflossen sind.“ Sie war sozusagen oft das Eichhörnchen, das bei Konzertveranstaltern und Agenturen angerufen hat und manchmal auch an einen muffeligen Braunbären geriet. Den Satz „Von so einem Duo habe ich noch nie gehört“ kennt sie nur zu gut. Denn zusammen mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Christoph bildet sie das Geigenduo The Twiolins. Würden sie mit zwei Bratsche und Cello spielenden Kollegen auftreten, wären sie ein Streichquartett – und das wäre die viel geläufigere Besetzung.
„Natürlich gab es auch Rückschläge“
Schaut man sich die Vita der Geschwister an, scheint es, als wären sie auf der Erfolgsleiter immer nur nach oben geklettert. Marie-Luise und Christoph Dingler haben mit sieben Jahren zu Hause in Bockenheim an der Weinstraße zum ersten Mal Kindergeige gespielt und sich schnell als sehr talentiert erwiesen. Sie waren mehrfach Bundespreisträger bei „Jugend musiziert“, Mitglieder im Landes- und Bundesjugendorchester, studierten an der Musikhochschule in Mannheim und haben Konzerte auf der ganzen Welt gegeben. „Aber weil wir mit unserer Besetzung nicht für die großen Wettbewerbe in Deutschland zugelassen werden, mussten wir alles organisch aus uns selbst entwickeln“, sagt die 35-Jährige. „Wir hatten schon Unterstützer. Aber natürlich gab es auch Rückschläge.“
Profimusiker haben oft mehrere Standbeine, um von ihrer Kunst leben zu können. Marie-Luise Dingler hat erst 2016 aufgehört, Geigenschüler zu unterrichten. „Für 2017 waren wir so gut gebucht“, erinnert sie sich, „dass ich wusste, ich könnte das Risiko eingehen.“ Sie habe nicht nur die Zeit für die Konzerte und das damit verbundene Reisen gebraucht, sondern auch Ruhe für Proben und CD-Aufnahmen. Und eben die Vermarktung.
Den Lockdown genutzt
Ruhe. Davon hatte Marie-Luise Dingler im Frühjahr 2020 plötzlich mehr, als sie sich je hatte vorstellen können. Nach dem letzten Twiolins-Konzert am 9. März ist alles abgesagt oder verschoben worden, darunter große Auftritte wie beim Mozartfest in Würzburg. Oder zum Livestream degradiert. Plötzlich saß sie in ihrer Wohnung in Mannheim-Käfertal und hatte ganz viel Zeit. „Erst mal habe ich die Steuererklärung gemacht“, sagt sie und lacht. Außerdem stand im September ihre Hochzeit an. Und sie verwirklichte die Idee, die schon lange in ihrem Hinterkopf schlummerte: Sie schrieb das Kinderbuch „Hurra, wir spielen ein Konzert“, fand für wunderschöne Bilder die Illustratorin Jessica Marquardt und auch einen Verlag. Der es allerdings erst im nächsten Jahr veröffentlicht hätte. „Das hat mir zu lange gedauert“, sagt Dingler. Also nahm sie die Sache in die Hand und kümmerte sich selbst um Druck und Vertrieb. Ende November soll das Buch erscheinen. Gewidmet ist es ihrem Neffen, dem ersten Sohn ihres Bruders und Duopartners Christoph, der an der Produktion des Buches ebenfalls beteiligt war: „Es ist ein Twiolins-Projekt.“
„Wenn es einen Widerstand gibt, kann man zu Hause sitzen und weinen“, sagt Dingler. „Oder man kann selbst etwas machen.“ Immer wieder in ihrem Leben hat sie sich gegen das Aufgeben entschieden. Es gibt fast kein Repertoire für zwei Violinen? „Das soll in diesem Jahrhundert nicht noch einmal passieren“, sagt sie. Und deswegen veranstalten die Twiolins seit 2009 im dreijährigen Turnus den „Progressive Classical Music Award“ . Hunderte von Komponisten aus der ganzen Welt beteiligen sich mit Werken. Eine Auswahl spielen die Twiolins vor Publikum, das über die Preisträger entscheidet.
„Alle waren beschwingt und fröhlich durch die schönen Töne und unterhielten sich aufgeregt miteinander“, heißt es am Ende im Kinderbuch. Und: „Viele Tiere, die noch nie miteinander gesprochen hatten, lernten sich endlich kennen und fanden gleich eine Gemeinsamkeit, über die sie quatschen konnten – die Freude über die Musik.“ Und der motzige Braunbär? An den denken sie zum Glück überhaupt nicht mehr.