Mannheim
„Kabale und Liebe“ mal ganz anders bei den Schillertagen
Als Clemens Sienknecht und Barbara Bürk vor zehn Jahren die skurrile Idee hatten, Fontanes Roman „Effi Briest“ als nostalgische Radioshow auf die Bühne zu bringen, trafen sie auf eine Marktlücke. Nicht nur am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg wurde die Produktion ein Publikumsrenner.
Das Verhältnis der deutschen Theater zu ihren Klassikern war ja schon damals deutlich abgekühlt, aus den Dauerbrennern der Spielpläne waren Problemfälle geworden. Man fand sie schwierig, sperrig, nicht mehr zeitgemäß und reagierte mit Bearbeitung, Überschreibung, Übersetzung in einfache Sprache und jeder Menge Kameras, Livemusik und schriller Einfälle. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg hatten der Musiker Clemens Sienknecht und die Regisseurin Barbara Bürk eben den Einfall, aus klassischen Vorlagen witzig-überdrehte Radioshows zu machen.
Zunächst benutzte man berühmte Romane als Vorlagen, startete mit „Effie Briest“, es folgten „Anna Karenina“ und „Schuld und Sühne“. Inzwischen ist man bei den Dramenklassikern angelangt, „Nibelungen“, „Faust“ (kommt nächste Spielzeit nach Ludwigshafen) und „Kabale und Liebe“, alles wie gewohnt „mit anderem Text und auch anderer Melodie“. Letzteres bot sich auch für die Mannheimer Schillertage an, wo man ja ebenfalls eher an zeitgemäß-neuen Zugängen zu Schiller interessiert ist.
Das gewohnte Bühnensetting
Zeitgemäß und aktuell wirken die Adaptionen von Sienknecht und Bürk auf den ersten Blick allerdings überhaupt nicht. Auch beim Gastspiel von „Kabale und Liebe“ im OPAL, der Ausweichspielstätte der Oper, treffen wir auf das gewohnte Bühnensetting, ein holzgetäfeltes Tonstudio in müden Brauntönen. Rechts ein Regiepult mit 50er-Jahre-Telefonen und historischer Analog-Technik, links in der Ecke ein Flügel, davor eine Sitzecke mit Rolltisch und Plattenspieler. Hinten gibt’s noch ein Fenster mit Vorhang und eine Klapptür mit Treppe für Auf- und Abgänge. Bei dem Rundfunksender, der in diesem Fall „Kanale Kabale“ heißt, handelt es sich um ein Lokalradio der ziemlich skrupellosen Art. Um Werbejingles und Publikum irgendwie zusammenzubringen, ist jedes Mittel recht, da wird dann auch ein Klassiker von jeglicher Dialogschlacke und Handlungskomplikation befreit, auf die Abfolge dramatischer Highlights zurechtgetrimmt und mit mehr oder weniger passenden Hits unterlegt.
Ein künstlerisches Himmelfahrtskommando wie dieses erfordert natürlich exzellente Darsteller, die den schluffigen Dilettantismus zur hohen Kunst erheben. Unterstützt von dem Bühnenmusiker Friedrich Paravicini sind sie hier wirklich für alles zuständig. Clemens Sienknecht ist der Anführer der Rundfunktruppe, spielt Klavier und Keyboard und gleich noch Frau Miller und den Hofmarschall von Kalb. Michael Wittenborn, Ute Hannig, Yorck Dippe, Jan-Peter Kampwirth und Markus John übernehmen die übrigen Rollen. Gleichzeitig sind alle auch ein großartiger Chor, spielen Flöte, Geige, Flügelhorn, und erzeugen – wir sind ja schließlich im Radio - die notwendigen Geräusche, wenn ein Reiter naht oder eine vergiftete Limonade geschlürft wird. Und manchmal wird zur Beschleunigung der Handlung eine Schallplatte mit dem Klassiker als Hörspiel aufgelegt, wobei die Nadel dabei auch mal in andere Stücke von Lessing oder Shakespeare verrutscht.
Auch die unentwegt eingestreuten Pop-Perlen von Frank Sinatra, Elton John, George Michael, den Beatles und vielen weiteren werden von den Darstellern mit vollem Einsatz und meist überaus ordentlich interpretiert. Und selbstverständlich sind sie bei dem Low-Budget-Sender auch für die Werbung zuständig, zwitschern Jingles, stimmen Werbeslogans an und verkünden begeistert die Sonderaktionen beim örtlichen Optiker oder an der Fleischtheke im Supermarkt.
Zwischen überfordert und abgebrüht taumeln die Darsteller durch die dramaturgischen Reste des Stücks, lassen teilhaben an Liebesglück und Todeskampf, lösen technische Probleme und erfüllen Hörerwünsche. Und gelegentlich sind sogar kleine Momente schauspielerischer Ernsthaftigkeit eingebaut. Jan-Peter Kampwirth und Ute Hannig als Ferdinand und Luise kreieren da immer wieder anrührende Verschnaufpausen verliebter Nähe, die prompt vom nächsten Jingle vernichtet werden. Lustig ist dies alles immer wieder, wenn auch die Abnutzungsspuren des eingefahrenen Formats allmählich deutlicher werden.