Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Künstlerpaar Illig & Illig denkt in Ludwigshafener Hochhaus über Freiheit nach

Aufforderung zum Mitdenken: Constanze und Norbert Illig.
Aufforderung zum Mitdenken: Constanze und Norbert Illig.

Im Erdgeschoss des Mosch-Hochhauses am Berliner Platz in Ludwigshafen hat das Künstlerduo Illig & Illig einen Projektraum auf Zeit eingerichtet. Jeden Freitag wird hier künstlerisch und kauzig nachgedacht – über Freiheit. Das Publikum ist zum Mitdenken eingeladen. Die Ergebnisse sollten eigentlich in Form von Objekten und Installationen ausgestellt werden. Nun wandern sie ins Internet.

Freiheit – ein Thema, das uns in der nächsten Zeit noch sehr beschäftigen wird. Und schon vor Corona beschäftigt hat. In der gesamten Rhein-Neckar-Region sollte über Freiheit nachgedacht werden. Das Kulturförderprogramm „Tor 4“ der BASF hatte nämlich „Wie geht Freiheit wirklich?“ als gesellschaftlich relevante Fragestellung ausgeschrieben. Das Projekt von Illig & Illig ist eins von 14, die ausgewählt wurden. Es hat den ulkigen Titel „Kauzeitverlängerung“. Er ist sicher ein Hinweis darauf, dass Freiheit eine komplexe und harte Speise ist, an der man länger kauen sollte – kauen muss? 13 Wochen sind dafür veranschlagt. Biss, Spaß und Aha-Erlebnis inklusive. Kooperationspartner ist der Verein Kultur Rhein-Neckar.

Projektstart am 6. März

Das Ehepaar Norbert und Constanze lllig wohnt in Worms. Beide haben Architektur und Kunst studiert und im Lauf der Zeit ihren Aktionsradius mehr und mehr ins Künstlerische verschoben. Neben thematischen Installationen in unterschiedlichen Räumen sind Sprechperformances, die sie „Begriffsbilder“ nennen, ihre Spezialität.

Eine solche hatten sie zum Projektstart-Frei-Tag am 6. März mitgebracht. Dazu einen umfänglichen Zettelkasten als materialisiertes Brainstorming für die kommenden Freitage. Einiges daraus ist bereits in die Sprechperformance zur Eröffnung eingegangen, die, wie stets bei Illig & Illig, vergnüglich, pointiert, humorig bis bissig und kenntnisreich war. Schwarz gewandet, standen sie nebeneinander, jeder mit einem Notenständer vor sich, und deklamierten vom Blatt. Alles Mögliche, was irgendwie zum Begriff „Freiheit“ passt, wurde – nein, nicht durchgekaut, dicke knallgelbe Kaugummikugeln im Glas standen nur zu Dekorationszwecken neben ihnen. Es wurde lustvoll angerissen und knackig auf den Punkt gebracht. Ein verbaler Parcours aus griffigen Zitaten von klugen Köpfen, ironischen Kalauern und Aphorismen Marke Illig & Illig.

Einsam im Stadtraum

Ja, die Freiheit … Was ist sie? Wo ist sie? Wo ist sie in Luwigshafen? Wer hat sie? Wer nimmt sie sich und wozu? Was, wo und für wen ist sie nicht? Der nächste Projekt-Freitag war der 13. März – jener Tag, an dem Schluss war mit so ziemlich allem, was uns an Freiheit lieb und wert ist. Als Thema war „gute und schlechte Verstecke“ angesetzt. Die Illigs waren ziemlich einsam im Stadtraum unterwegs. Wo hat sich die Freiheit versteckt? Haben sie eine Spur gefunden?

Ja, haben sie. So schnell lassen sich Künstler nicht unterkriegen, die zehn Monate Vorarbeit in ihr Projekt gesteckt haben. Illig und Illig machen weiter. Wie angekündigt, sind sie jeden Freitag von 18 bis 19.30 Uhr im Projektraum. „Der Unterschied zu Vor-Corona-Zeiten besteht in der Zuschauer-Situation“, erklärt Norbert Illig. Die jeweils erarbeiteten Objekte seien von außen sichtbar. Außerdem würden sie ins Netz gestellt. Und das, wo die beiden doch von sich sagen: „Wir bauen etwas, in das man hineingehen kann und in dem etwas zu sehen, zu hören und zu erfahren ist.“ Statt sinnlich jetzt also virtuell.

Ins Internet verlagert

Gehen wir also auf die Webseite zum nächsten Thema „Freiheitskleidung“. Da posiert Constanze Illig im Drahtkleid: „Abstand bitte, Distanz wahren!“ Verbal geht es um Kittel, Arztkittel, Schutzkleidung … Im Zettelkasten können die Begriffe vor zwei Wochen noch nicht gewesen sein. „Sehen und (nicht) gesehen werden“ stand da im Fokus. Das ist kein Thema mehr, wenn alle zu Hause sitzen und an sich selbst erfahren, wie Freiheit wirklich (nicht) geht.

Für Freitag, 27. März, war „Mutproben, persönliche Grenzen überschreiten“ angesagt, also Selbstverwirklichungsschnee von gestern. Da steht jetzt: „Schutzfrei“. Illig und Illig haben Schutzmasken („vor und für“) gebastelt. „In harten Zeiten fallen die Masken und die Sicht wird frei“, konstatieren sie trocken. „Auf einmal bekommt Freiheit wieder diesen gefährlichen Geschmack nach Abenteuer. Wir können nicht mehr frei unsere Wege gehen. Da helfen Gedankengänge. Die Gedanken sind ja frei. Aber das Virus kann sie jagen, kann sie lähmen, kann sie töten.“ Freiheit geht wirklich auch so. Das wusste ohne Internet schon Freiheitsdichter Friedrich Schiller. Für den 3. April war „Freisprechanlage – fast ein Beichtstuhl“ angekündigt. Was wirklich kommt, kann jeder selbst nachsehen.

 

Im Netz

Bis 29. Mai, www.illig.pro, illigundillig auf Facebook und Instagram

 

 

 

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