Ludwigshafen Käfertal: Heartbeat-Studio zieht junge Rapper an
Hinter den Kulissen: Sie kritisieren eine geldgierige Welt, erzählen von ihrem Stadtteil, von ihren Ängsten und wie sie sich davon befreien wollen: mit Musik! In einem professionellen Tonstudio im Käfertaler Kulturhaus haben junge Menschen Rap-Songs aufgenommen. Ihr neues Album feiern sie am 22. Dezember mit der „fettesten Show“. Ein Besuch im Heartbeat-Studio.
Sobald der Beat sie trägt, hat sie alles vergessen und singt die Leute in Grund und Boden. Das Bass wummert. Um Caprice Chevalard herum wippen die Jungs in Kapuzenpullis rhythmisch mit den Köpfen und Oberkörpern. „Schon mit acht hab’ ich gewusst, Rap ist mein Ding, bei tagelangem Frust. Und hatt’ ich auf gar nichts mehr Lust, rappte ich Beats, die ich atme wie Luft“, textet das Mädchen in ihrem Song, in dem sie von Waldhof, Postleitzahl 305, erzählt. „305, jeden Tag in der Hood. Zu viele Leute im Arsch und kaputt, auf Gras oder im Suff. Auch mich zog es runter, doch damit ist Schluss. Mein Kopf war für Jahre verschwunden, lange gesucht, jetzt hab ich gefunden, mich selbst, meinen Weg, meinen Traum und klarere Stunden.“
Eigener Stil
Wie andere 13-Jährige trägt Caprice enge Jeans und Turnschuhe, und wenn sie kichert, verbirgt sie ihre Zahnspange hinter der Hand. Ein Verschleifen der Silben hat sie so geschickt in den Text eingebaut, dass sie ihren eigenen Stil damit kreiert. „Brutal gut. Caprice ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt Tobias Schirneck, seines Zeichens „Rapagoge“, eine coole Mischung aus Rap-Schuldirektor und Sozialpädagoge. Als er das Mädchen vor zwei Jahren zum ersten Mal im Kulturhaus in Käfertal traf, traute sie sich kaum, den Mund zu öffnen, war in sich gekehrt wie eine Schildkröte. Ein halbes Jahr lang hatte sie sich geweigert, in die Schule zu gehen, wo sie sich fertig gemacht fühlte. „Wenn jetzt jemand sagt, du bist hässlich, interessiert mich das nicht, denn ich weiß, was ich kann“, sagt Caprice. Und die anderen wissen es auch: In der Turnhalle ihrer Schule trat sie vor 400 Leuten auf, zitternd wie noch nie. Aber sie konnte dabei punkten und sich Respekt verschaffen. Am 22. Dezember erscheinen ihre Songs auf dem Younity-Album „68 Heartsbeats“. „Das ist kein Laien-Album“, betont der 35-jährige Tobias Schirneck. „Das ist richtig ehrlicher Rap aus Mannheim, selbst getextet. Damit bringst du auf die Bühne, wer du bist.“
Tonstudio und Schaukeln
Breite leere Straßen am Rande des Benjamin-Franklin-Village, eine verlassene Grundschule im dunklen Dämmerschlaf: Drinnen strahlen weiß-orangefarbene Wände, es riecht nach Spekulatius und frisch gesägtem Holz. Hier schlägt jeden Donnerstag das Herz der Rapper zwischen elf und 25 Jahren in dem funkelnagelneuen Tonstudio samt Probenbühne und Schaukeln aus Skateboards, auf denen man beim Texten baumeln kann. 10.000 Euro an Preisgeldern, die das Kulturhaus Käfertal und Schirnecks Rap-Schule Who am I Creative Academy für ihre gemeinsame Jugendkulturarbeit 2017 erhielten, investierte die Projektleiterin Ute Mocker in diese Räume. Ihre Kooperation mit der Rap-Schule wurde vor vier Jahren noch misstrauisch beäugt. Ursprünglich wollte sie mit dem Projekt Geflüchtete erreichen, weil die Hip-Hop-Kultur international funktioniert. Entstanden ist daraus ein Treff für Song-Writing, Streetdance und Capoeira, mit dem Anspruch, auf professionellem Niveau Musik zu machen. „Wir wollen unsere Leute ja glänzen lassen“, sagt der Rapagoge. 94 Sänger und Tänzer gehören zur Younity Family, 20 kommen regelmäßig ins Studio und nehmen mitunter lange Anreisen aus Limburgerhof, Frankenthal oder Neustadt auf sich, denn es hat sich herumgesprochen, dass es gutes Equipment und eine nette soziale Gruppe gibt. „Man wird so herzlich aufgenommen. Keiner lacht einen aus“, sagt Caprice. „Wir sagen hier: Das war gut, aber das kannst du noch besser.“ Als einige Sänger auf der Probenbühne bei der Ansage ihrer Tracks ins Stocken kommen, verklickert ihnen der Rapagoge, dass sie die Ansprache im Schlaf herunterbeten müssen. Und sie sollen beim Singen einzelne Zuhörer fixieren. „Erst wenn ihr mit dem Körper und den Augen beim Publikum seid, wird es ein Spitzentrack!“ Deutliches Artikulieren lernen sie dabei, das Spielen mit der Sprache, selbstbewusstes Auftreten, höfliche Umgangsformen und Werte. Ausgerechnet mit Rap?
Durchdachte Texte
Die typische Haltung im Gangster-Rap sei durchkriminalisiert und durchkommerzialisiert, meint Schirneck. „Aber jemand wie Kollegah, der Jura studiert hat und Gewalt verherrlicht, ist nicht authentisch. Echte Kriminelle suchen nach einem Ausweg.“ Wer im Heartbeat-Studio mitmachen will, muss also seine Texte überdenken. „Man darf sagen, dass das Leben scheiße ist, aber nicht, dass andere Menschen scheiße sind“, führt Kulturhaus-Leiterin Mocker als Beispiel an. Während sie erzählt, haben vier Iraner ihren neuesten Track auf Farsi aufgenommen. Sie stecken die Köpfe zusammen und besprechen, welche Addlips, also Wortschnipsel, sie als Betonungen ergänzen. Ihr Song handelt wovon? Adnan, der Iraner mit der Wollmütze und den melancholischen Augen, erklärt: Es gehe darum, dass Männer und Frauen gleich wert sind. Die Künstler sollen Multiplikatoren sein, die mit ihren Songs in die Mannheimer Stadtgesellschaft wirken, sagen die Projektleiter und hoffen auf weitere Auftrittsmöglichkeiten und mehr Sponsoren. „Wir bringen feinste demokratische Messages unters Volk“, sagt Schirneck. „Unsere Lyrik ist unsere Waffe gegen Kriminalität.“
Termin
Treffpunkt für Hip-Hop-Kultur im Heartbeat-Studio, Wasserwerkstraße 70, Mannheim-Käfertal, donnerstags 17 bis 21 Uhr. Release-Konzert des Younity-Albums „68 Heartbeats“ mit 26 Tracks im Kulturhaus Käfertal, Gartenstraße 8, am 22. Dezember, 20 Uhr. Kontakt kulturhaus@kaefertal-net.de, Telefon 0621/738041.