Ludwigshafen
Junges Nationaltheater Mannheim feiert seinen 40. Geburtstag
Mit einem Programm aus Feiern, Nachdenken und Vorzeigen hat das Junge Nationaltheater Mannheim seinen 40. Geburtstag gefeiert. Im Fokus stand nicht – wie sonst bei Jubelfeiern üblich – das Erreichte, sondern der Blick in die Zukunft.
Das Junge Nationaltheater ist das älteste Kinder- und Jugendtheater in Baden-Württemberg und eins der ältesten in Deutschland. So fehlten unter den Gratulanten nicht die beiden früheren Leiterinnen mit Delegationen aus ihren derzeitigen Wirkungsstätten Stuttgart und München. Unter der mütterlichen Hand von Brigitte Dethier ist das als „Schnawwl“ geborene Theaterküken nach Höhen und Tiefen seiner Kinderjahre erwachsen geworden. Andrea Gronemeyer hat seinen Wirkungskreis ständig erweitert.
Unter der Intendanz von Ulrike Stöck geht es weiter in Richtung Partizipation, Diversität, Mut zum Experiment in performativen Theaterformen. Die jüngste Produktion „Hier kommt keiner durch“ (ab vier Jahren), das Gastspiel „Zehn Meter in den Wilden Westen“ (ab zwölf Jahren) und Teil eins von „Happyland“, einem Projekt der Jungen Bürgerbühne, führten das anschaulich vor. Das Theater möchte sich mehr für Randgruppen öffnen, die durch Sprache, Kultur oder Behinderung bisher ausgeschlossen waren. Als ein Versuch wurden die Veranstaltungen in Gebärdensprache simultan übersetzt.
„Hier kommt keiner durch“ ist in der Inszenierung von Carlos Manuel ein turbulentes Spektakel, das im Gegensatz zu dem preisgekrönten portugiesischen Bilderbuch wohl nur von Erwachsenen verstanden und als absurde Satire genossen werden kann. Die Macht, verkörpert in einem General, hat einen Raum willkürlich abgesperrt. Im Bilderbuch ist das die rechte Seite, die leer bleibt, während sich die linke zunehmend dichter mit Menschen füllt, die hinüber wollen. Ihrem Druck gibt „der Aufpasser“ schließlich nach und wird dafür als Held gefeiert.
Für die geniale Idee der leeren Seite hat die Inszenierung keine überzeugende Lösung gefunden. Nach ziellosem Herumwandern und Bekritzeln eines denkmalartigen Aufbaus in der Raummitte werden die Zuschauer in der einen Raumhälfte zusammengetrieben. Hinter einer Absperrung erzählen und agieren Uwe Topmann und Katharina Breier als General, Aufpasser und einzelne Figuren aus der Menge, die oft skurril erfunden sind. Die anschauliche Geschichte aus dem Buch wird mit grotesker Action, trendigem Gender-Mix und (zu) viel Text überwuchert, der übertrieben nachdrücklich bis pathetisch gesprochen wird, so dass selbst Erwachsene Mühe mit dem Handlungsfaden haben.
Turbulent geht es auch in dem Gastspiel „Zehn Meter in den Wilden Western“ zu. Mit stimmungsvoller Musik und rasantem Bewegungstheater bietet die Westernpersiflage ein kompliziertes Verwirrspiel von Namen eines ausschließlich weiblichen Personals in einer auf extreme Simplizität reduzierten Geschichte. Die gute Heldin reitet in ein Westernkaff, um die Ermordung ihrer Eltern an der bösen Heldin zu rächen. Nach wilder Schießerei sind alle tot. Nun tritt die Sheriffin vor, um etwas Licht in die Verwandtschaftsverhältnisse und ein über drei Generationen vererbtes Rache-Ritual zu bringen. Dessen spektakuläre Versionen des Gleichen sind ein Heidenspaß.
Autor und Regisseur der witzigen, intelligenten und rasant umgesetzten Westernpersiflage ist Dennis Seidel vom Hamburger Ensemble „Meine Damen und Herren“, in dem Darsteller mit geistiger Behinderung mit externen Gästen spielen. Als Autorin Christina Johnsson, die an einem Western-Roman schreibt, tritt er darin mit blonder Lockenperücke, in Jeans-Jacke über Hängerkleidchen und Stöckelschuhen auf. Träumend, mit seinen Figuren mitleidend, sich über deren Tod mit neuen Figuren hinwegtröstend, macht er den kreativen Prozess in einer Direktheit sichtbar, die tief berührt.
„Happyland“ ist ein Recherche-Projekt, das von Schauspieler Sebastian Reich geleitet wird. Zum Geburtstag präsentierte es sich am Endpunkt seiner Mannheim-Reise im Wohnwagen mit niedlich eingezäuntem Vorgärtchen. Darin stand ein aufblasbarer Pool, aus dem „Überraschungseier“ zu fischen waren. Jedes enthielt eine Frage zu latentem Rassismus in der privilegierten weißen Gesellschaft, die, wie Tupoka Ogette in ihrem Buch beschreibt, in „Happyland“ lebt. Obwohl die Antworten per Schreibmaschine oder Computer zu beantworten und die Texte dann aufzuhängen waren, ist viel zusammengekommen. Im Spielclub „Exit Happyland“ soll daraus ein Stück werden.