Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Jazz mit Botschaft: Sebastian Gramss bei Enjoy Jazz im Haus

Philipp Zoubek, Sebastian Gramss und Dominik Mahnig (von links) beim Konzert im Haus.
Philipp Zoubek, Sebastian Gramss und Dominik Mahnig (von links) beim Konzert im Haus.

Zeitgenössischen Jazz brachte Bandleader Sebastian Gramss zum 25. Festival Enjoy Jazz nach Ludwigshafen und eine klare Botschaft. Um den Zustand unseres malträtierten Planeten sorgt sich der umtriebige Kontrabassist nämlich genauso wie um perfekt ausgelotete Kompositionen.

Thematisch passte er perfekt in die letzten Festivalwochen. Die sind überschrieben mit „Old and New Friends“ und „Horizontal Escapes“, das eine meinte alte und neuere Bekannte, die gern immer wieder eingeladen werden, das andere Musiker, die für einen experimentellen Aufbruch im Jazz stehen. Und da ist Sebastian Gramss zweimal richtig. Der in Köln lebende Kontrabassist war mehrfach beim Festival Enjoy Jazz zu Gast, mit eigenen Ensembles wie dem Projekt Bassmasse, bei dem 13 Kontrabassisten auf der Bühne standen, oder bei den Spontan-Jazz-Kollektiven, die Drummer Erwin Ditzner mit seiner Carte Blanche jedes Jahr zusammenstellen darf. Hier wäre etwa das wunderbare Trio mit der Pianistin Marilyn Crispell zu nennen. Nun war er erneut eingeladen, mit seinem wichtigsten Ensemble States of Play.

Die Band Meteors

Das ist eigentlich ein Nonett, das musikalisch in drei Trios aufgespalten werden kann und damit viele kompositorische Möglichkeiten eröffnet. Ins Ludwigshafener Haus kam Sebastian Gramss mit der aus States of Play hervorgegangenen kleineren Band Meteors, einem Sextett aus Bass, Schlagzeug, zwei Keyboards und zwei Altsaxophonen. Man ahnt, dass der experimentierfreudige Bandleader auch hier die Möglichkeiten an binnenstruktureller Interaktion auslotet. Gramss denkt ja eher selten in traditionellen Jazzmustern von komponierten und improvisierten Parts, verzahnt stattdessen unterschiedliche Konstellationen und Begegnungen einzelner Musiker oder Musikergruppen, entwickelt Spannungsbögen zwischen nervös vibrierenden Klangflächen und energetischer Intensität, alles irgendwo zwischen Jazz-Avantgarde und Neuer Musik.

Natürlich benötigt man für ein solches Konzept die richtigen Musiker. Gramss kann hier auf einen Pool exzellenter Solisten zurückgreifen, die oftmals aus dem Umfeld der Kölner Jazzszene und der dortigen Musikhochschule kommen. Ein langjähriger Gefährte ist zum Beispiel der österreichische, Pianist und Keyboarder Philip Zoubek, der seit seinem Studium in Köln lebt und gleich mehreren Formationen von Gramss angehört.

Schnörkellose Pianoparts

Beim Auftritt in Ludwigshafen steuert er nicht nur die schnörkellosen Pianoparts bei, sondern auch perkussive Elektroniksounds, und einmal bringt er die Klaviersaiten ganz direkt mit irgendwelchen Hilfsmitteln zum Dröhnen. Mit Zoubek hat der Schweizer Schlagzeuger Dominik Mahnig schon zusammengearbeitet, der auch übers Studium nach Köln und zu Gramss kam und beim Meteors-Ensemble für ein gleichermaßen zurückhaltendes wie omnipräsentes Perkussionsgeprassel sorgt. Mahnig ist die nie erlöschende Energiequelle dieser Band. Ihr Soundmagier ist Christian Lorenzen, der zwischen Keyboard und Synthesizern unterwegs ist und das komplexe Geschehen mit elektronischen Sounds und perkussivem Dripping unterfüttert. Der gebürtige Kieler kommt aus der Improvisationsmusik und hat unter anderem auch in Köln Klavier studiert.

Den Altsaxophonisten Hayden Chisholm konnte man vor zehn Jahren im Ludwigshafener Haus näher kennenlernen, als ihm dort der SWR-Jazzpreis verliehen wurde und er sich mit zwei Ensembles vorstellte. Der Neuseeländer spielte mit Gramss auch schon in der Band Underkarl zusammen, noch so ein Projekt des umtriebigen Kontrabassisten, bei dem man auf humorvolle Weise Versatzstücke aus Jazz, Rock und Elektronik zusammenrührt und auch mal auf den Spuren bekannter Jazzgrößen wie Miles Davis, Stan Getz oder Thelonious Monk wandelt. Bei den Meteors geht es weniger humorvoll und postmodern zu, werden die kunstvoll gebauten Stücke präzise und mit großem Ernst durchexerziert. Viel Raum für Improvisationen blieb da nicht für Chisholm, immerhin durfte er mit einer lyrisch-schönen, in diesem Kontext fast überraschenden Sequenz auf sich aufmerksam machen.

Alle spielen mannschaftsdienlich

Ansonsten spielte er mannschaftsdienlich, absolvierte ausgedehnte Passagen unisono mit seinem Bläser-Kollegen Wanja Slavin. Der spielte an Stelle der eigentlich vorgesehenen Posaunistin Shannon Barnett, kommt nicht aus Köln, sondern aus Berlin und wurde vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Schlagzeuger Christian Lillinger bekannt. Auch er hatte hier wenig Gelegenheit, seine funkensprühenden Improvisationsgewitter zu entfachen und gab wie alle anderen diszipliniert den Teamplayer.

Erwähnenswert sind noch die Titel der Kompositionen. Die heißen „Trolle und Bots“, „Die kleine Koalition“, „Wonderful World“ und sind durchaus satirisch gemeint. Um es ganz deutlich zu machen hat Gramss seiner Musik sogar ein leicht zynisches Gedicht beigefügt, eine Art Botschaft der Meteors an die Außerirdischen. Da wird von einem wunderbaren Planeten mit perfekten Lebensbedingungen berichtet, der von seinen Bewohnern leider nicht so gut behandelt wird. „Augmented Clusterfuck“ lautet ein weiterer Stücktitel, aber an das Riesenchaos haben wir uns ja längst gewöhnt.

x