Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Investor Nephrocare schließt Rheumatologie-Praxis

Schmerzende und geschwollene Gelenke sind ein typische Symptome von Rheuma. In Ludwigshafen haben Patienten derzeit aber kaum ei
Schmerzende und geschwollene Gelenke sind ein typische Symptome von Rheuma. In Ludwigshafen haben Patienten derzeit aber kaum eine Chance, einen niedergelassenen Arzt zu finden, der sie behandelt.

Im Juni ist die Rheumatologie-Praxis von Beate Göttle geschlossen worden. Angestellt war die Medizinerin im Versorgungszentrum des industriellen Anbieters Nephrocare, der sich auf Nachfragen zur Schließung sehr zugeknöpft zeigt. Für die Patienten beginnt indes die verzweifelte Suche nach medizinischer Betreuung.

Angeblich sei die Rheumatologie-Praxis nicht rentabel gewesen, erzählt Heide Rose Burgey der RHEINPFALZ und hat Zweifel, ob das wirklich der Fall sein kann. „Schon seit Jahren lief ein Band bei Nephrocare in Mundenheim, dass die rheumatologische Praxis keine neuen Patienten mehr aufnehmen kann. Vielleicht hätte man die Praxis also eher vergrößern statt schließen sollen, damit sie sich besser rentiert“, ärgert sich die 68-jährige Oggersheimerin. „Der Skandal ist jetzt, dass die Patienten ohne Rheumatologen dastehen. Und wenn man versucht, in einer Praxis unterzukommen, dann heißt es immer: Wir nehmen keine neuen Patienten mehr auf.“

Dabei benötigt Burgey dringend Hilfe. „Ich gehe wirklich nicht zum Vergnügen zum Arzt“, betont sie, „sondern weil ich große Schmerzen habe“. Das Rheuma zerstöre ihre Gelenke, fortbewegen könne sie sich inzwischen – wenn überhaupt – nur noch mit dem Rollator. „Meine Krankenkasse hat mir bei der Suche nach einem neuen Rheumatologen einfach nur viel Glück gewünscht“, erzählt die Seniorin immer noch ein bisschen fassungslos von ihren bisherigen Bemühungen, um eine möglichst wohnortnahe fachärztliche Betreuung.

Fresenius: „Auf Kernkompetenz konzentrieren“

Ob hinter der Aufgabe der rheumatologischen Praxis in Mundenheim wirtschaftliche Beweggründe stehen, die mit Profitstreben zu tun haben, bleibt indes eine Mutmaßung. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine Angaben zur Wirtschaftlichkeit des bisherigen rheumatologischen Angebots machen werden“, teilt ein Pressesprecher von Fresenius Medical Care mit. Zum Kerngeschäft des weltweit tätigen Unternehmens mit Sitz im hessischen Bad Homburg gehören hochwertige Dialyseprodukte, die dazugehörigen Dienstleistungen für Patienten mit Nierenerkrankungen werden in Mundenheim über den firmeneigenen Geschäftszweig „Nephrocare“ angeboten.

„Nephrocare hat beschlossen, sich am Standort Ludwigshafen künftig ganz auf die Kernkompetenz Nephrologie zu konzentrieren“, begründet Fresenius die Einstellung des rheumatologischen Angebots und damit den Weggang von Beate Göttle. Die Medizinerin selbst, die inzwischen in einer Praxis im baden-württembergischen Weinheim tätig ist, will sich zu dieser Entscheidung von Fresenius nicht äußern.

Aufnahmestopps

„Wenn alle Stricke reißen, muss ich am Ende wohl wirklich nach Weinheim fahren“, sagt unterdessen Heide Rose Burgey, „aber dann benötige ich einen Krankentransport, denn alleine schaffe ich es bis an die Bergstraße nicht mehr“. Prinzipiell könnte ihr zwar auch ein Hausarzt die benötigten Medikamente verschreiben, erzählt die 68-Jährige. Aber da sie aktuell eine sogenannte Biologika-Therapie wegen zu großer Nebenwirkungen abgebrochen habe, müsse sie medikamentös neu eingestellt werden – und bräuchte dafür einen Facharzt. „Im Moment sehe ich in Ludwigshafen für mich als einzige Möglichkeit, mich stationär ins Krankenhaus einweisen zu lassen“, sagt Burgey. „Alle ambulanten Anlaufstellen für Rheumapatienten haben bereits abgewunken, es gäbe aktuell keine Kapazitäten.“

Einer, der schon im vergangenen Jahr im RHEINPFALZ-Interview gesagt hatte, dass seine Kapazitätsgrenze längst überschritten ist, ist Rheumatologe Philipp Bolze. Heute sagt der in der Pfingstweide niedergelassene Mediziner: „Mit dem Ausscheiden von Frau Göttle hat sich die Situation der Versorgung von Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen weiter verschärft. Meine Mitarbeiterinnen erhalten täglich mehrfach Anfragen von Patienten, die bisher bei ihr in Behandlung waren.“ Bei über 2000 Patienten pro Quartal könne er in seiner Praxis aber keine weiteren Patienten mehr annehmen.

Kein internistischer Rheumatologe mehr in LU

Auf die Frage, ob es aus seiner Sicht sein kann, dass sich eine Rheumatologie-Praxis für einen industriellen Investor wie Nephrocare wirtschaftlich wirklich nicht rentiere, sagt Bolze: „Da ich Orthopäde und Rheumatologe bin, kann ich nicht genau sagen, ob sich für eine breit aufgestellte internistische Praxis ein Patient mit Herz- oder Nierenerkrankungen mehr ,rentiert’ als ein rheumatologischer Patient – aber das Gerücht, dass rheumatologische Patienten bei den Internisten weniger rentabel sind, habe ich schon mehrfach gehört.“

Zur Einordnung, was es bedeutet, dass in Ludwigshafen mit dem Weggang von Beate Göttle kein niedergelassener internistischer Rheumatologe mehr vor Ort ist, erklärt Bolze: „Der internistische Rheumatologe ist eher auf rheumatische Erkrankungen mit Beteiligung des Gefäßsystems und innerer Organe spezialisiert, der orthopädische Rheumatologe mehr auf rheumatische Erkrankungen, die den Bewegungsapparat, also die Gelenke, Wirbelsäule, Muskeln und Sehnen betreffen, ausgebildet.“ Es gebe viele Überschneidungen, Medikamente bis hin zu den sogenannten Biologika dürften von beiden Fachgruppen verordnet werden.

1,5 unbesetzte Arztsitze

Patienten wie Heide Rose Burgey hilft das angesichts des Aufnahmestopps in der Praxis von Philip Bolze allerdings nur wenig. Es fehlt in Ludwigshafen derzeit schlicht an niedergelassenen Fachärzten, die sich ihrer annehmen können.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) teilt zur aktuellen Versorgungssituation auf Anfrage mit, dass es nach der Bedarfsplanung insgesamt fünf niedergelassene Rheumatologen in der sogenannten Raumordnungsregion Rheinpfalz gibt. Diese umfasst ein Gebiet, das sich von Ludwigshafen über den Rhein-Pfalz-Kreis, Frankenthal, Bad Dürkheim, Neustadt, Speyer, bis hin nach Landau, Germersheim und den Kreis Südliche Weinstraße erstreckt. „Derzeit sind 1,5 rheumatologische Arztsitze unbesetzt“, erläutert ein Pressesprecher und bestätigt, dass Nephrocare seinen halben Arztsitz für Rheumatologie in Ludwigshafen bei der KV hat ausschreiben lassen. „Bisher gibt es für diesen Sitz keine Interessenten“, heißt es gegenüber der RHEINPFALZ.

„Versorgung bei akutem Behandlungsbedarf“

Und was rät die KV Patienten, die mit dem Weggang von Frau Göttle ihre behandelnde Ärztin verloren haben? Zum einen unterstütze man diese Betroffenen mit dem sogenannten Praxisfinder, der auf der Homepage der KV zu finden sei und zum anderen biete der Patientenservice 116117 eine telefonische Vermittlung an die nächstgelegene Arztpraxis an. „Grundsätzlich ist dazu anzumerken, dass Patientinnen und Patienten mit einem akuten Behandlungsbedarf eine entsprechende Versorgung erhalten. Termine für aufschiebbare Untersuchungen können aufgrund des Ärztemangels jedoch mit Wartezeiten verbunden sein“, betont die KV.

Dass infolge des demografischen Wandels eine zunehmende Zahl behandlungsbedürftiger Patienten auf eine kleiner werdende Zahl praktizierender Ärzte trifft, ist eine Entwicklung, gegen die im Moment kaum ein Kraut gewachsen zu sein scheint. „Viele Arztpraxen können in Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden und die Versorgungsqualität für ihren Patientenstamm keine weiteren Patientinnen und Patienten aufnehmen“, lautet die Einschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung. Verantwortungsbewusste Ärztinnen und Ärzte benötigten Zeit für ihre Patientinnen und Patienten. Die KV unternehme jedoch „alles in ihrer Macht stehende, um die ambulante vertragsärztliche Versorgung in Rheinland-Pfalz sicherzustellen“.

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