Ludwigshafen
Interview: Warum für Europameister Erik Schmidt Handball immer noch nahbar ist
Erik Schmidt (26) war der erste Handballer, der bei den Eulen Ludwigshafen zum A-Nationalspieler wurde. Heute spielt der Kreisläufer beim SC Magdeburg. Schmidt rechnet am Donnerstag (19 Uhr, Eberthalle) mit einer unangenehmen Partie. Er verrät, warum der Wechsel von Berlin nach Magdeburg kein Kulturschock war und worauf er bei Städten Wert legt.
Erik, Berlin gilt als sexy. Magdeburg klingt jetzt nicht gerade sexy. Überzeugen Sie uns doch bitte mal, warum Magdeburg sexy ist.
Berlin ist eine Metropole. In Magdeburg wird sehr viel investiert, vieles neu ge- oder umgebaut. Die Stadt wird nach und nach, auch für junge Familien, attraktiv gemacht. Es gibt jedenfalls viele schöne Ecken in der Stadt.
War es für Sie dennoch ein kleiner Kulturschock, wenn man von einer Metropole wie Berlin nach Magdeburg kommt?
Es ist definitiv ein Unterschied zu Berlin. Aber es ist kein Kulturschock gewesen. Ich hatte zuvor in Mannheim und in Hannover gewohnt. Das sind auch lebendige Städte, in denen etwas los ist. Das ist Magdeburg auch.
Ist es für einen Profisportler wichtig, in welche Stadt er zieht?
Es kommt auf den Menschen an. Es gibt Spieler, die brauchen eine Wohnung drei Meter neben der Halle, andere wollen Angebote in der Stadt und Abwechslung.
Worauf legen Sie Wert?
Ich bin ein Mensch, der einen gewissen Wert auf die Stadt legt, in der er lebt. Ich möchte mich wohl fühlen. Ich brauche Abwechslung. Ich bin ein Stadtkind. Kulturelle Angebote sind wichtig.
Sportlich wurde Magdeburg vor zwei Jahren Fünfter, vorige Saison Dritter. Führen wir dieses Zahlenspiel fort, dann müsste Magdeburg diese Saison Meister werden…
Das Schöne in diesem Jahr ist, dass die Liga so ausgeglichen ist. Jedes Spiel muss zu 100 Prozent angegangen werden. Das Problem bei uns ist, dass wir manche knappe Spiele nicht gewonnen haben. Da hätten wir etwas mehr Glück gebraucht oder aber konsequenter sein müssen. Wir haben zehn Minuspunkte. Wir verlieren unnötig in Melsungen, knapp gegen Berlin, in Wetzlar. Aber wir sind noch dran, das ist doch entscheidend.
Macht so eine ausgeglichene Saison die Situation für die Spieler einfacher? Dadurch ist doch der mentale Druck für einen Spieler viel größer.
Er ist allgemein groß in der Bundesliga. Es gibt einen großen mentalen Druck. Bei den Spitzenteams gibt es außerdem einen Erfolgsdruck. Den will man für den Verein und für sich persönlich erfüllen. Den Druck machen sich auch viele Spieler selbst. Aber so eine Drucksituation, so eine ausgeglichene Lage macht doch die Liga attraktiv. Die Löwen sind mit diesem Kader national und international eine Top-Mannschaft. Wenn die ihre Leistung auf den Platz bringen, dann schlagen die jeden Gegner. Aber dagegen haben nunmal viele Mannschaften etwas.
Ihr seid diese Runde eine Art Serientäter. Vier Siege zum Auftakt, dann vier Niederlagen in Folge, ein Sieg, eine Niederlage, dann wieder vier Siege, nun gegen Berlin eine Pleite. Nach diesem Zahlenmuster müsste also am Donnerstag in Ludwigshafen eine Niederlage folgen….Sind solche Spiele bei Underdogs Partien, die man nur verlieren kann als klarer Favorit?
Es wird eine unangenehme Partie. Gerade in dieser Saison kann man nicht davon sprechen, dass Ludwigshafen in irgendeinem Spiel chancenlos war. Das haben sie in Kiel, in Flensburg bewiesen oder gegen die Löwen. Das wird jedenfalls eine ganz harte Nummer. Ich hoffe jedenfalls nicht, dass wir da deine prognostizierte Serie da fortführen.
Kann man denn heute überhaupt noch eine Mannschaft überraschen?
Kann man schon. Wenn die Eulen plötzlich eine 1:5-Deckung spielen würden, dann wäre das zunächst einmal überraschend, würde sich dann aber schnell wieder relativieren, weil sich der Gegner darauf einstellen kann.
Stichwort Sky: Im Fußball sehen wir, wie sich dieser Sport von der Basis entfremdet hat. Verliert die Handball-Bundesliga ihre Nahbarkeit, Ihre Natürlichkeit nicht langsam auch?
Nein. Handball ist immer noch ein nahbarer Sport. Ich bin aber auch sehr in der Blase drin. Da sollte man lieber einen Zuschauer fragen.
Rechnen Sie sich insgeheim noch Chancen aus, mit zur Europameisterschaft nach Trondheim zu fahren?
Nein. Es gibt vier Kreisläufer, die das unter sich ausmachen werden, das sind Patrick Wienczek, Johannes Golla, Jannik Kohlbacher und Hendrik Pekeler. Die werden sich im Zentrum darum prügeln, wer mitfährt. Die sind klar präferiert beim Bundestrainer. Dahinter kommt eine Gruppe an Kreisläufern, in der ich mich auch sehe.
Zur Person:
Der 2,04 Meter lange Kreisläufer Erik Schmidt kam 2012 vom Drittligisten Groß-Umstadt zur TSG Ludwigshafen-Friesenheim. 2015 wechselte der Student der Wirtschaftspädagogik zum Bundesligisten TSV-Hannover-Burgdorf, obwohl der Vertrag bei der TSG noch bis 2016 lief. Die Niedersachsen kauften den 38-maligen Nationalspieler aus dem Vertrag heraus. Dann ging es zu den Füchsen Berlin und seit dieser Runde spielt der Europameister für den SC Magdeburg. Erik Schmidt gab im September 2014 gegen die Schweiz sein Debüt in der Nationalmannschaft. Sein Vater war Ruderer und nahm an Welt- sowie Europameisterschaften teil. Er wäre auch 1988 zu den Olympischen Sommerspielen nach Seoul gefahren. Eine Rückenverletzung ließ es nicht zu.