Mannheim
Interview: Oliver Augst über das Spiel mit dem Hören
Herr Augst, wie würden Sie selbst ihre künstlerische Tätigkeit beschreiben?
Ich bewege mich zwischen Komposition und Klangkunst und bin auch als Musiker aktiv. Die Hörspiele, die ich mache, kommen auch vom Klang her. Ich mache keine literarischen Hörspiele.
Können Sie diesen Unterschied erklären?
Das Hörspiel war mit der Entstehung des Rundfunks das Pendant zum Schauspiel, also Theater ohne Bilder. Das ist auch heute wieder verbreitet und bei Rundfunkanstalten das bevorzugte Format. Ich verstehe dagegen Hörspiel zuerst als ein Spiel mit dem Hören. Das läuft dann unter Namen wie „Klangkunst“ oder „Audio Art“. Heidi Grundmann in Österreich war mit ihrer Sendung „Kunstradio-Radiokunst“ eine Pionierin dieses Formats.
Und die Klangistallation „Leben“ im Zeitraumexit wird so ein Werk der Klangkunst?
Genau. Das ist eine Auftragsarbeit zum 25-jährigen Bestehen der Malwerkstatt der Lebenshilfe Bad Dürkheim. Dort sind Menschen mit Behinderungen kreativ. Der Gründer und Leiter ist Wolfgang Sautermeister, der Mitgründer von Zeitraumexit. So kam die Anfrage.
Können Sie die Idee zu diesem Werk etwas erläutern?
Es muss generell ums Leben gehen, dachte ich mir und ich wollte nicht die Unterscheidung von Menschen mit und ohne Behinderungen. Und weil das Leben ein ständiger Fluss ist, wird auch das Hörspiel keine endgültige Form haben.
Das heißt, sie improvisieren live?
Ja, wobei einen Teil der Arbeit ein sehr komplexes Programm übernimmt. Mit dessen Hilfe kann ich bestimmte Klangereignisse abrufen. Dafür habe ich vorher Aufnahmen im Atelier der Lebenshilfe gemacht. Ich habe auch einige Klavierstücke komponiert und von Sprecherinnen literarische Texte von Menschen mit Behinderungen aufgenommen. All das sind Gedanken zum Leben – und auch der Tod spielt eine wichtige Rolle.
Könnte man das als eine Collage aus Klängen bezeichnen, mit denen Sie dann eine Klang-Erlebnis-Landschaft gestalten?
So ist es. Es wird dabei Pausen geben, wie im Leben. Es wird auch mal kompliziert, wie im Leben. Aber auch mal wahnsinnig schön. Es soll poetisch sein, aber auch hart. Ich habe viel daran gearbeitet denke, dass es keine Koketterie ist, den Titel „Leben“ darüber zu stellen. Es wird weitere Aufführungen an anderen Orten geben und jedesmal wird dabei ein neuer Ablauf entstehen, so wie eben jeder Tag im Leben anders ist.
Offenbar können Sie aus vielen Quellen schöpfen. Können Sie beschreiben, wie Ihre künstlerische Entwicklung Sie dahin gebracht hat?
Ursprünglich bin ich studierter Bühnenbildner, also immer auch mit einem Auge dabei. Aber ich habe auch Popularmusik, Hauptfach Gitarre, in Hamburg studiert. Und Anfang der 1990er Jahre entstand eine Musik, die mich sehr fasziniert hat – Techno.
Techno? Diese Maschinenmusik?
Als die Musik entstand, war sie anders als heute. Da gab es zum ersten Mal die technischen Möglichkeiten mit beliebigen Klängen zu arbeiten. Und es wurde auch wirklich alles verwendet, selbst technische Störgeräusche, Übersteuerungen und mehr. Ich komme ja aus Frankfurt, wo diese Musik entstand und bin in die Clubs gegangen, um das zu hören. Ich habe gar nicht getanzt, sondern nur in der Ecke gestanden und auf die Sounds gehört. Da hab ich auch die Gitarre kaum noch angefasst und immer mehr am Computer mit Klängen gearbeitet. Plötzlich ging das und jeder konnte seine eigenen Sounds im eigenen Tonstudio produzieren. Das wurde eine eigene Bewegung und ich war mittendrin.
Das gab ihnen die Möglichkeit für neue Klänge und Klangverarbeitung und damit auch Ihre besonderen Hörspiele?
Das Spiel mit dem Hören habe ich schon relativ früh entdeckt. Da ist für mich eine Nische aufgegangen, wo ich und einige andere Leute einen Ort gefunden haben, wo wir unsere Ideen verwirklichen können. Anfangs war es schwierig, weil die Rundfunkanstalten nur die literarische Form des Hörspiels kannten und meine Hörspiele mit langen Erklärungen versehen abgelehnt haben. Es hat mich eher herausgefordert, die nächste Sache trotzdem einzureichen. Ich habe dann auch ganz lange die Gitarre stehen lassen und auch nicht mehr gesungen.
Aber sie machen doch auch wieder als Musiker und Sänger Konzert und veranstalten auch mit anderen Wohnzimmerkonzerte und mehr?
Ich habe dann ja auch gemerkt, dass ich Sänger bin und bin wieder zurück gekommen.
Zur Person
Oliver Augst wurde 1962 in Andernach am Rhein geboren. Er studierte Visuelle Kommunikation/Bühnenbild in Offenbach und Popularmusik in Hamburg. Seit 1991 ist er als Schöpfer von Theater-, Hörspiel- und Musikproduktionen aktiv und arbeitet international. Er lebt seit sechs Jahren in Ludwigshafen und hat ein zweites Standbein in Paris, wo er ebenfalls verschiedene Projekte mit französischen Künstlern betreibt. Unter anderem führte er für den japanischen Konzeptkünstler On Kaware Regie bei der HR-Hörfunk Produktion „One Million Years“ und brachte diese Arbeit auch als Live-Klanginstallation zur Documenta 11 nach Kassel. Inzwischen hat er eine Vielzahl von Hörspielen realisiert, er spielt als Musiker mit verschiedenen Projekten, als Komponist hat er schon für viele Film- und Theaterproduktionen gearbeitet. Viele seiner Produktionen wurden ausgezeichnet, wie etwa die Filmmusik „Winterspruch“ mit dem Hessischen Filmpreis. Von 2010 bis 2014 war Augst Leiter der Diskussionsreihe „Utopie Station“ im Nationaltheater Mannheim.
Termin
Leben – Hörspiel, Klanginstallation von und mit Menschen mit und ohne Behinderungen. Freitag, 1. September, 20.30 Uhr, Zeitraumexit, Mannheim, Hafenstraße 68. Kartenreservierung unter Telefon 0621 33 93 97 55