Ludwigshafen Interview mit Museumsdirektor René Zechlin: „Qualität bringt nicht immer viele Besucher“

„Für das Profil des Hauses spielt die Sammlung eine entscheidende Rolle“: René Zechlin in der aktuellen Ausstellung „Stimme des
»Für das Profil des Hauses spielt die Sammlung eine entscheidende Rolle«: René Zechlin in der aktuellen Ausstellung »Stimme des Lichts«.

Das Wilhelm-Hack-Museum hofft wieder einmal aufs große Publikum. Die Ausstellung „Stimme des Lichts“ zeigt Hochkaräter der klassischen Moderne wie Robert und Sonia Delaunay, Kandinsky, Klee, Marc, Macke, Léger. Mit dem gemeinsam mit der BASF gestemmten Großprojekt möchte man natürlich auch überregional wahrgenommen werden. In Ludwigshafen ist das aber nicht einfach.

Herr Zechlin, eine tolle Ausstellung ist Ihnen hier gelungen, bekannte Künstler, Leihgaben aus halb Europa, begeisterte Presse. Warum ist so etwas nicht jedes Jahr möglich?

Das ist zu allererst eine Frage des Geldes. Will man Werke der klassischen Moderne zeigen, sind die Kosten für Transport und Versicherung astronomisch hoch. Bei zeitgenössischer Kunst sieht das ganz anders aus. Die Gesamtkosten dieser Ausstellung liegen bei 600.000 Euro, das wäre aus unserem laufenden Ausstellungsetat nicht finanzierbar. Wir arbeiten dabei mit der BASF als Partner zusammen, sollten wir weitere Sponsoren finden, wären solche Ausstellungen auch öfter denkbar. Fehlt es bei großen Ausstellungsprojekten nur am Geld oder sind auch Infrastruktur und Personalausstattung des Hack-Museums da nicht ausreichend? Das ist nicht das Problem. Wir könnten schon jedes Jahr ein großes Ausstellungsprojekt machen. Wir können ja jederzeit Arbeiten auslagern und externe Kräfte einsetzen. Natürlich erwarten wir auch jetzt mehr Besucher als bei den vorhergehenden Ausstellungen. Aber der Hauptunterschied zwischen „großen“ und „kleinen“ Ausstellungen ist ganz klar das Budget, und hier vor allem die Werbeausgaben. Ein größeres Werbebudget täte natürlich allen unseren Ausstellungen gut, um auch in der weiteren Region mehr Besucher zu erreichen. Bei allen Ausstellungen ist mir die Qualität der Konzeption und Umsetzung das Wichtigste. Die schlägt sich jedoch nicht immer sofort in Besucherzahlen nieder. Welche Rolle spielt der Standort Ludwigshafen? Die Stadt gilt in der Außenwahrnehmung nicht unbedingt als Kulturstadt. Andere Städte haben es da sicher leichter. Frankfurt beispielsweise hat sich in den vergangenen Jahrzehnten, was Kultur betrifft, extrem entwickelt. Da verbindet man gerne an einem Wochenende Shoppen und Ausstellungsbesuch. Auch Karlsruhe und Baden-Baden, um mal in der Nähe zu bleiben, sind kulturelle Zentren, wo auch das Umfeld stimmt mit Cafés und Restaurants. Da wird Ludwigshafen anders wahrgenommen. Um dieses Image zu verändern, müsste für unsere Stadt außerhalb viel mehr geworben werden. Wer erstmals hierher kommt, ist oft erstaunt, was hier tatsächlich geboten wird. Und Mannheim? Zwei Jahre lang war die Kunsthalle geschlossen, jetzt wird der Neubau viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ist das gut oder schlecht fürs Hack-Museum? Da bin ich einfach mal gespannt. Die Kultureinrichtungen in der Metropolregion Rhein-Neckar arbeiten ja schon längst zusammen, nicht zuletzt um dem Publikum auch außerhalb der Region zu vermitteln, dass hier viel geboten wird. Zwischen Kunsthalle und Hack-Museum könnte sich eine Art Ping-Pong-Effekt entwickeln: Wenn in beiden Instituten interessante Ausstellungen zu sehen sind, verbessert das sicher die Chancen, überregionales Publikum zu gewinnen. Unsere aktuelle Ausstellung war auch im Hinblick auf die Eröffnung des Kunsthallen-Neubaus terminiert, das hat jetzt nicht geklappt. Da könnte ich mir aber künftig eine engere Zusammenarbeit vorstellen. Bei großen Ausstellungsvorhaben war von Beginn an die BASF der wichtigste Partner der Wirtschaft, die acht großen Ausstellungen von Chagall bis „Blauer Reiter“ wurden gemeinsam mit dem Chemieunternehmen veranstaltet. Gibt es überhaupt Chancen auf andere Sponsoren? Natürlich gibt es die. Das ist aber nicht einfach, jedes Unternehmen setzt heute eigene Schwerpunkte. Das Thema der sozialen Verantwortung in Unternehmen ist wichtiger geworden, es werden allerdings eigene Richtlinien aufgestellt und unterschiedliche Ziele verfolgt. Das deckt sich dann nicht unbedingt mit den Ausstellungsvorhaben eines Museums. Auch Stiftungen kommen als Unterstützer in Frage, sind in Rheinland-Pfalz im Vergleich zu anderen Städten und Bundesländern aber dünn gesät. Aber das Hack-Museum könnte auch für Sponsoren in Mannheim attraktiv sein. Kann man wirklich nur mit Blockbuster-Ausstellungen und prominenten Namen das große Publikum ins Museum locken? Das geht sicher nicht nur mit den großen Namen der klassischen Moderne, sondern auch mit bekannten zeitgenössischen Künstlern. Unsere Saraceno-Ausstellung hatte immerhin 8000 Besucher. Aber wir haben natürlich auch jetzt den Namen Delaunay in den Titel genommen, aber eben nicht als einziges Stichwort. Es ist schließlich eine thematische Ausstellung mit Arbeiten vieler Künstler, da sollte auch keine falsche Erwartungshaltung hervorgerufen werden. Deshalb „Stimme des Lichts“ in Großbuchstaben und kleiner darunter: „Delaunay, Apollinaire und der Orphismus“. Welche Rolle spielt bei all den Überlegungen zu neuen Ausstellungen die eigene Sammlung? Natürlich spielt die Sammlung und damit das Profil des Hauses bei der Programmplanung eine wesentliche Rolle. Einerseits indem Werke aus der Sammlung in die Ausstellungen integriert werden, denn warum soll man sie dann im Depot lassen? Gerade in Ludwigshafen ist es aber auch sehr wichtig, dem Haus insgesamt ein Profil zu geben, und die Basis dazu bildet die Sammlung. Das Münchner Lenbachhaus hat den „Blauen Reiter“, wir verfügen über die gesamte Geschichte der Abstraktion im 20. Jahrhundert. Das bietet Themen und Anknüpfungspunkte, darf aber nicht zu einseitig werden. In den 1980er-Jahren wurde hier im Wesentlichen nur konstruktiv-abstrakte Kunst gezeigt, das hat den Schwerpunkt des Hauses verdeutlicht, ist aber langfristig zu einseitig. Ich möchte da ein abwechslungsreicheres Programm zeigen. Das Hack-Museum unternimmt viele museumspädagogische Anstrengungen, von Kindern bis Senioren wird da so ziemlich jede denkbare Zielgruppe bedient. Gewinnt man damit tatsächlich neue Besucher? Das bringt schon was. Das lässt sich vielleicht nicht immer sofort in eindrucksvollen Zahlen darstellen, langfristig ist dieses Engagement aber unverzichtbar. Der Besuch einer Kunstausstellung gehört ja nicht mehr unbedingt zum Kanon des Freizeitverhaltens. Dabei gibt es viele Möglichkeiten des Zugangs zur Kunst und der Auseinandersetzung mit ihr. Neue Angebote eröffnen da neue Anreize und teilweise ganz praktische Zugangsmöglichkeiten. Bei allen Angeboten geht es aber immer darum, den Besucher in Kontakt mit den Werken im Museum zu bringen. Und welche Rolle spielt dabei der Museumsgarten? Ich nenne den Hack-Museumsgarten immer unsere Brücke zum Elfenbeinturm. Der Garten ist ein dem Museum angegliederter, aber vorgelagerter Ort. Er ist ein Treff- und Anlaufpunkt geworden, unter anderem auch für Leute, für die ein Museum immer noch etwas Befremdliches ist. Für die Menschen, die hier gärtnern und Veranstaltungen machen, ist das Museum eine Art großer Bruder, sie identifizieren sich damit. Ein Museum sollte ja grundsätzlich ein offener Ort für alle sein, man muss da auch nicht gleich alles verstehen. Da kommen dann unsere verschiedensten Angebote ins Spiel und bieten unterschiedlichste Zugangsmöglichkeiten. Die Ausstellung „Stimme des Lichts“ läuft noch bis April, was sind die weiteren Ausstellungspläne für 2018? Mitte Mai eröffnen wir eine Ausstellung mit Werken von Thomas Scheibitz, dem international renommierten Maler aus Dresden. Wir zeigen großformatige Bilder und Skulpturen und wollen auch bei dieser Ausstellung die architektonische Offenheit unseres Hauses nutzen. Scheibitz wird in diesem Jahr 50 und bringt eine neue Werkreihe mit nach Ludwigshafen. Im Herbst gibt’s „Deltabeben“ mit Gegenwartskunst aus der Region, zum Jahresende internationale zeitgenössische Zeichnung aus französischen Privatsammlungen.

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