Ludwigshafen
Internationales Erzählfest in Ludwigshafen: Geschichten versetzen Besucher in andere Welt
Zur Langen Nacht im Park sind am Samstag viele Besucher ans Heinrich-Pesch-Haus gekommen. Die Katholische Akademie Rhein-Neckar hatte zum achten Internationalen Erzählfest geladen. Unter dem Motto „Geschichten öffnen Horizonte“ sorgten zwölf Künstler für Spannung, Witz und Fantasie.
Postamt, Baumbühne, Feuerkorb oder Erzählzelte – die Besucher des Internationalen Erzählfests haben die Qual der Wahl, wo sie am Samstagabend im Park des Heinrich-Pesch-Hauses spannenden Geschichten lauschen wollen. Gebannt sitzen kleine und große Besucher vor Heike Vigl aus Südtirol, die mal auf Deutsch und mal auf Russisch von einem Soldaten erzählt, der sich unsterblich in die Allweise Jilene verliebt hat. Vigl arbeitet viel mit ihrer Stimme und spricht mal laut und mal leise, mal kräftig und mal zart. Auch Klänge der Querflöte fließen immer wieder in die Geschichte ein.
Selma Scheele, die zusammen mit Susanne Tiggemann die künstlerische Leitung des Fests übernommen hat, erzählt indes mit ihrem Körper und arbeitet mit viel Gestik. Bei den Besuchern kommt das gut an. „Es ist sehr lebendig und erinnert ein bisschen ans Theater“, sagt Susanne Christmann aus Ludwigshafen, die das Erzählfest zum dritten Mal besucht.
Recherche ist meiste Arbeit
Scheele, die in München aufgewachsen ist und mittlerweile in Köln lebt, hat Theaterpädagogik studiert. Das Fach Erzählkunst hat sie besonders begeistert und so hat sie sich in diesem Bereich weiter spezialisiert. Seither hat sie viele Festivals der Erzählkunst-Szene besucht. Vor zwei Jahren war sie auch schon einmal in der Metropolregion Rhein-Neckar für das Internationale Erzählfest, das von der BASF und der Heinrich-Pesch-Stiftung finanziert wird, unterwegs. „Ich finde es spannend, mich damit zu beschäftigen, was Erzählen in verschiedenen Kulturen bedeutet“, sagt Selma Scheele.
Zu Beginn hat sie oft türkische Geschichten erzählt. Da ihre Mutter aus der Türkei kommt, war dadurch ein Bezug da. Aber jetzt haben es ihr auch nordamerikanische oder asiatische Geschichten angetan. Eins ist jedenfalls sicher: Die meiste Arbeit macht das Recherchieren.
Nicht nur Lustiges
Für das Motto „Geschichten öffnen Horizonte“ haben sich die verschiedenen Erzählkünstler speziell vorbereitet. Die Geschichten sollen die Fantasie beflügeln. „Denn mit Fantasie ist alles möglich“, sagt Scheele. So entdeckt in der Geschichte der Kölnerin eine kleine Maus einen großen heiligen Berg, den sie ohne Mut und Fantasie wohl nie hätte erklimmen können.
Es ist aber nicht nur Lustiges, das die Besucher in der Langen Nacht im Park zu hören bekommen. Thomas Hoffmeister-Höfener hat ein ungarisches Märchen mitgebracht über eine alte Frau, die vom Tod heimgesucht wird, sich aber entschieden dagegen wehrt, zu sterben. Hoffmeister-Höfener erzählt mit Witz und verhüllt so an manchen Stellen die Tragik der Geschichte, die mal wagemutig und mal traurig daherkommt.
Sprachentwicklung fördern
Das Erzählfest übernimmt auch eine pädagogische Aufgabe. Die Sprachentwicklung von Kindern soll durch das Erzählen nachweislich gefördert werden. André Wülfing aus Dortmund ist seit 20 Jahren in der Szene unterwegs und hat über die Zeit miterlebt, dass sich immer mehr auch Kitas und Schulen für das Thema interessieren und dann auch Erzähler zu sich einladen.
Für Wülfing ist die Emotion beim Erzählen von besonderer Bedeutung. „Zwischen einer Geschichte und mir muss es funken“, sagt er. Das heißt, das Erzählte muss zu einem Teil von ihm werden und die Worte so aneinandergereiht werden, dass es für ihn passt. „Bis ich eine Geschichte draufhabe, muss ich sehr viel lesen und die Worte dann immer wieder sprechen“, sagt Wülfing.
Rund 20 Geschichten hat er für das Fest, das auch an anderen Orten in der Metropolregion mit Aktionen vertreten ist, vorbereitet. Einige davon präsentiert er den Zuhörern dann rund um den Feuerkorb am Heinrich-Pesch-Haus. Und beim Knistern des Feuers können sich die Besucher in eine andere Welt hineinversetzen. Der Kunst des Erzählens sei Dank.