Interview
Innovation im Klassenzimmer: Einer der besten Lehrer Deutschlands ist ein Pfälzer
Herr Schön, herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Lehrkräftepreis. Wie haben Sie von der Auszeichnung erfahren? Läuft das wie beim Nobelpreis, dass irgendwann der berühmte Anruf kommt und man dann völlig fassungslos aus allen Wolken fällt?
Nein, einen Anruf gab es nicht. Ich habe eine E-Mail bekommen. Und ehrlich gesagt konnte ich mit der Betreffzeile „Deutscher Lehrkräftepreis“ zunächst gar nichts anfangen. Den Anhang der E-Mail wollte ich schon mal gar nicht öffnen, weil ich dachte, das Ganze könnte auch in den Spam-Ordner gehören.
Aber?
Den Text der E-Mail hab ich dann doch gelesen, denn er war ja an mich persönlich adressiert. Dass aber wirklich ich gemeint war, das habe ich erst begriffen, als ich kurz darauf zig Glückwunschnachrichten von Schülern auf meinem Handy hatte. Die haben nämlich zeitgleich mit mir die E-Mail bekommen, dass ich den Deutschen Lehrkräftepreis erhalten werde.
Ihre Schüler haben Sie also für die Auszeichnung nominiert und Ihnen die ganze Zeit kein Sterbenswort gesagt?
Genau. Sie haben seit Monaten komplett dichtgehalten, ich wusste wirklich von gar nichts.
Gelobt werden Sie insbesondere für Ihr großes Engagement in der Robotik-AG. Woher nehmen Sie die Energie für ein solch intensives außerschulisches Engagement?
Ich habe diese Robotik-AG von Beginn an aufgebaut. Das Arbeiten mit jungen Leuten gibt mir einfach wahnsinnig viel zurück. Derzeit sind neun Schüler aus den Jahrgangsstufen sechs bis zehn in unserer Turniermannschaft, mit der wir jedes Jahr bei der „First Lego League“ mitmachen. Zusätzlich nehmen aber auch noch 15 unserer ehemaligen Abiturienten regelmäßig an der AG teil. Sie coachen die jüngeren Schüler und fahren auch teils mit auf die Wettbewerbe.
Was genau machen die Schüler, um an diesen Wettbewerben teilzunehmen?
Sie bauen und programmieren Roboter. Unabhängig von der Robotik forschen sie aber auch zu Problemlösungen, die wir auf den Wettbewerben als kleines Theaterstück präsentieren. Zum Beispiel ging es schon mal um die Themen „Müllvermeidung“ oder auch „Leben im Weltall“.
Warum begleiten Sie ihre Schüler so gerne bei den Erfahrungen, die sie in der Robotik-AG machen?
Weil die Teilnahme an den Wettbewerben sehr viele Kompetenzen schult, die man später im Berufsleben braucht: Zum Beispiel Teamfähigkeit, aber auch das freie Sprechen und Präsentieren von Ideen vor sehr vielen Leuten.
Müssen Sie viele Impulse geben? Oder ist das ein Selbstläufer, wenn sich Ihre Schüler nachmittags treffen und programmieren?
Tatsächlich baue und programmiere ich mit den Kindern so gut wie nie etwas. Dadurch, dass unsere ehemaligen Abiturienten die Jüngeren so toll unterstützen, kann ich mich komplett darauf konzentrieren, gute Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die Gruppe einfach frei arbeiten kann. Da werden zum Beispiel 3D-Modelle am Computer entwickelt und gedruckt, bei denen ich dann frage: „Woher kannst du das?“ Die Antwort lautet oft: „Ach, ich hab’ mir dazu mal ein You-Tube-Video angeschaut.“ Es ist toll, zu erleben, was Schüler alles drauf haben, wenn man einfach mal ins Vertrauen geht und sie machen lässt.
Konflikte innerhalb der Gruppe wird es aber bestimmt trotzdem geben. Wie gehen Sie dann vor?
Ich sage immer: Man muss den Menschen hinter den Schülern sehen. Und natürlich weiß ich, wie schnell Worte auch weh tun können. Deshalb ist mein Ansatz immer, so fair wie möglich zu sein, den Schülern auch zu erklären: Das sind meine Gedanken, aus diesem Grund habe ich so oder eben auch anders entschieden. Transparenz ist aus meiner Sicht wirklich ein ganz großes Wort, das man als Lehrer im Wahnsinn des Schulalltags versuchen muss, rüberzubringen.
Die Jugendlichen danken es aber offensichtlich auch, wenn man ihnen auf diese Art und Weise begegnet.
Wenn man es als Lehrer schafft, dass die Schüler merken: Hey, der meint es ja eigentlich gut mit mir und steht auf meiner Seite – und zwar auch, wenn er manchmal streng ist und Entscheidungen trifft, die ich selbst nicht so cool finde. Dann sind die allermeisten in der Tat sehr dankbar und öffnen sich einem auch. Insbesondere, wenn man als Lehrer in Situationen, in denen die Schüler Fehler machen, hilft und aufmunternd sagt: „Komm, ich weiß, das ist jetzt nicht gut gelaufen. Aber ich bin trotzdem bei dir und unterstütze dich.“ Dann bedanken sie sich dafür auch noch zehn Jahre nach ihrem Abitur.
Was steht denn typischerweise über Sie in der Abi-Zeitung? Ich bin sicher, dass Sie zu jenen gehören, die dort genannt werden.
„Grüßt mich immer, wenn er mich sieht“, zum Beispiel. Aber für mich ist das wirklich selbstverständlich. Ich interessiere mich für die Menschen – und ich frage Schüler auf dem Flur auch sehr gerne mal, wie es ihnen gerade geht. Wenn sie nämlich irgendwelche größeren Probleme haben, dann kann ich auch ihr Verhalten im Unterricht sehr viel besser einschätzen.
Und wie begeistern Sie Ihre Schützlinge für den Mathe-Unterricht? Das ist ja nun wirklich nicht jedermanns Lieblingsfach.
Auch da ist meine Maxime: Angstfreier Unterricht. Die Kinder dürfen niemals das Gefühl haben: Oh, ich darf jetzt keinen Fehler machen. Sobald zum Beispiel auch Schüler anfangen, einander abwertend zu kommentieren, dann unterbinde ich das. Und was mich betrifft, wissen die Kinder, dass sie Sätze wie: „Mensch, das habt ihr doch jetzt schon dreimal gehört“, nicht gesagt bekommen. Gerade in Mathe erlebe ich so viele Schüler, die berichten, dass sie traumatisiert sind von dem, was sie schon erlebt haben. Wenn man einen schwachen Moment hat und im Unterricht Fehler macht, andere das dann aber zum Anlass nehmen, um einfach draufzuhauen, dann kann das in jungen Menschen sehr viel kaputtmachen.
Das heißt, auch Kinder, die zunächst einmal keine allzu große Begeisterung für Mathe haben, kann man Ihrer Ansicht nach gut abholen?
Auf jeden Fall. Auch Kinder, die notentechnisch nicht besonders gut sind, können Spaß am Mathe-Unterricht haben. Insbesondere, wenn man ihnen Vertrauen und eine positive Grundhaltung entgegenbringt. Das ist am Ende wichtiger, als den abgefahrensten, methodisch brillantesten Feuerwerksunterricht zu machen. Der Satz: „Du bist viel besser, als die Noten sagen“, ist zum Beispiel wirklich Balsam für viele Kinder. Gleichzeitig muss man als Lehrer aber natürlich auch das Signal geben: Verwechselt meine Fairness nicht damit, dass ihr mit mir machen könnt, was ihr wollt.
Was erleben Sie im Schulalltag als besondere Herausforderung aufseiten der Kinder und Jugendlichen?
Definitiv den deutlich gestiegenen Medienkonsum. Das ist ein großes Problem geworden in den letzten Jahren, und es gibt wirklich Kinder, die abhängig sind, irgendwann auch gar nicht mehr in die Schule kommen, weil sie sich den ganzen Tag nur noch berieseln lassen.
Wenn Sie das deutsche Bildungssystem selbst neugestalten dürften, welchen Ansatz würden Sie dafür wählen?
Ich würde das so machen, wie es bei uns in der Robotik-AG ist: Projektorientiertes, jahrgangsübergreifendes Arbeiten, bei dem man gemeinsam ein großes Ziel hat. Denn auf dem Weg dorthin benötigt man unglaublich viele Fähigkeiten und fängt an, sich zu fragen: Wie plane ich das? Mit welchem Problem sind wir konfrontiert, wie lösen wir es? Aber natürlich wäre das ein ganz radikaler neuer Ansatz, für den man auf jeden Fall auch gute Projekte bräuchte. Und fragen Sie mich bitte nicht, wie man das im Detail dann umsetzen würde (lacht). In bildungspolitischen Debatten möchte ich mich nicht aufreiben. Diese Energie investiere ich lieber an anderer Stelle.
Zum Beispiel in die besagte Robotik-AG des Scholl-Gymnasiums, die besonders im Jahr 2022 extrem erfolgreich war. Ihr habt es nämlich bis ins große und internationale Wettbewerbsfinale nach Rio de Janeiro geschafft.
Ja, in dem Jahr haben wir wirklich alle gemeinsam komplett unter Strom gestanden. Inklusive der Belastungsspitzen, die entstehen, wenn man sich auf die Suche nach Sponsoren machen muss. Und natürlich der eigenen Angst als Lehrer, den Jugendlichen am Ende sagen zu müssen: Ihr habt euch jetzt zwar sensationell gut für das Weltfinale qualifiziert, aber wir können die Reise nicht finanzieren.
Am Ende hat es aber zum Glück geklappt. Welche Kosten musste das Scholl-Gymnasium dafür stemmen?
Insgesamt knapp 25.000 Euro für zehn Tage Rio de Janeiro. Hingeflogen sind wir mit elf Schülern, jeweils im Alter von mindestens 17 Jahren. Pro Person mussten 500 Euro selbst finanziert werden. Den Rest haben wir glücklicherweise über unseren Förderverein und Sponsoren, wie Stiftungen und Unternehmen, stemmen können.
Wie war die Preisverleihung in Berlin? Sie sind ja als einziger Rheinland-Pfälzer in der Kategorie „Ausgezeichnete Lehrkräfte“ geehrt worden.
Das war wirklich ein absoluter Traum. Eine Erfahrung, die ich kaum mit Worten beschreiben kann. Es war ein Schweben zehn Zentimeter über dem Boden. Sechs meiner ehemaligen Schüler waren dabei, es war ein ganz toller Tag und eine sehr wertschätzende Veranstaltung, die ich voll und ganz genossen habe.
Zur Person
Günther Schön (46) ist Lehrer für Mathematik, Biologie und Informatik. Der dreifache Vater lebt mit seiner Familie in Maxdorf und unterrichtet seit 2008 am Ludwigshafener Geschwister-Scholl-Gymnasium in Süd.
Spendenkonto
Wer die Arbeit des Geschwister-Scholl-Gymnasiums finanziell unterstützen möchte, kann das über dessen den Verein der Freunde: IBAN DE73 5455 0010 0000 0127 57.