Ludwigshafen
Inna Artemova mit ihren rätselhaften Architekturen „Utopia“ in der Galerie Lauth
Denn darum geht es, um Veränderung – und um den Zweifel, ob die Dinge so sind (oder sein können) wie wir sie uns erträumen. Inna Artemova wurde 1972 in Moskau geboren. Heute lebt sie in Berlin. Sie hat Architektur studiert, aber nie als Beruf ausgeübt. Das Ende der Sowjetunion und die Unsicherheit über die Übergangszeit und das, was ihr folgen könnte, gehört zu ihrer Sozialisation. „Ich war dabei!“ sagt sie im Gespräch. Davon erzählen ihre zum Teil großformatigen Bilder bei Lauth, sechs sind es, dazu eine Zeichnung, alle aus den letzten Jahren.
Winzige Menschen, aber wozu?
Die Farbigkeit ist gedämpft, beschränkt sich auf Schwarz, Grau, Weiß und helles Ocker. Es sind Reflexionen über einen historischen Moment, akribisch ausformulierte utopische Landschaften, gefasst in perspektivisch irrwitzig fluchtende Architekturen, in denen die Unsicherheit und das Verhängnis wie eine böse Drohung hausen. Hier trifft man Menschen meist nur als banale Assistenzfiguren, die sich winzig klein mal auf einer Wiese zu sammeln scheinen, absurde Geräte auf ihren Köpfen tragen oder als „Arbeiter“ mit technischen Gerät hantieren. Wozu? Nichts Genaues weiß man nicht. In ein wirres Gitterwerk eingepasste Module könnten als menschliche Behausungen dienen. Könnten, auch hier ist der Betrachter alleingelassen in einer fast surrealen Bilderfindung, in deren Grau in Grau inszenierten Ortlosigkeit kein einziger Strahl der Hoffnung aufblitzt. Da fällt selbst der für alle Bilder durchgängige Titel „Utopia“ ins Leere.
Perfekt durchkonstruiert
Aber vielleicht sollte man Inna Artemovas unbeirrbar ihren Weg folgende Kunstpraxis nicht so pessimistisch sehen. Die Bilder haben ihre unbestrittene Qualität. Sie sind perfekt durchkonstruiert, dabei unlogisch bis in ihr letztes Detail. Ihre Entschlüsselung ist fast unmöglich. Was, dies nebenbei, den ästhetischen Mehrwert beträchtlich erhöht. Die Malerin sieht die Schwierigkeiten der anderen gelassen. Jeder möge seinen eigenen Assoziationen folgen. Andersherum: Wer allein gelassen ist, der ist auch frei: Soviel ist richtig. Man kann – auch das gibt die Malerin zu bedenken – aktuelle politische Inhalte in die Bilder hineininterpretieren und käme dann doch keinen Schritt weiter. Das über Inna Artemovas ersonnenen Architekturen schwebende Wort „Utopia“ könnte eine Richtung weisen zum uralten Sehnsuchtsort Utopia, jenem Nie-und-Nimmer-Land, das keiner je erreicht hat. Zwischen zwei Buchdeckeln ist es am schönsten.