Mannheim
Informationen zur Situation der Frauen in Afghanistan
Keine falschen Vorstellungen über Afghanistan! So lautete die Quintessenz des Abends im Mannheimer Nationaltheater. Eingeladen zu Gespräch und Diskussion über die Situation der Menschen, insbesondere der Frauen in Afghanistan hatte Schauspielintendant Christian Holtzhauer auf die Initiative des Vereins KulturQuer QuerKultur Rhein-Neckar hin.
Dass es weder zu anhaltendem Frieden noch zu einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Afghanistan kommen wird, wenn die Frauen nicht einbezogen werden, war eine deutliche Botschaft der Veranstaltung. Welche Scham man angesichts der großen Not in Afghanistan leise empfindet, weil man in einem demokratischen Land weitgehend sicher lebt, egal, wie die sonstigen Umstände auch sein mögen, war eine andere. Es sei für die Frauen in Afghanistan auch in den vergangenen zwanzig Jahren während der Zeit der Nato-Intervention, bevor die religiös-fundamentalistischen Taliban im August zum zweiten Mal die Herrschaft übernommen haben, nicht leicht gewesen, betonte Nahid Shahalimi. Doch trotz allen Widrigkeiten hätten die Frauen viel erreicht, sagte die in München lebende Künstlerin und Autorin. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Frauen in ihrem Heimatland und gibt ihnen in Büchern, Projekten und Interviews sowie in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm „We the Women of Afghanistan“ eine Stimme, ein Gesicht und ein Forum.
Die Frauen nicht nur als Opfer sehen
Es sei viel in Bildung und Weiterbildung investiert worden, erzählte sie, und Frauen seien, wie auch ein Ausschnitt aus ihrem Film zeigte, journalistisch, politisch und wissenschaftlich tätig geworden. Seit der Machtübernahme der Taliban aber könnten afghanische Frauen fast nur noch im Gesundheitswesen, etwa als Gynäkologinnen, arbeiten. Auch das neue System könne in diesem Bereich auf Frauen nicht verzichten, weil es Kinder nötig habe. Dennoch plädierte Shahalimi dafür, die Frauen unter der neuen Herrschaft nicht als Opfer zu sehen, auch wenn die Lebensrealität für viele unzumutbar oder gar bedrohlich geworden sei. Man wisse: Politisch aktive Frauen müssten sich verstecken, und man wisse auch, dass bei der Suche nach ihnen andere Frauen getötet würden, da ihre Verfolger sie mit den Gesuchten verwechselten.
„Die Frauen sind stark und sie sind noch da“, sagte Shahalimi. „Sie brauchen eine Plattform, und sie müssen von der internationalen Politik an die Verhandlungstische gebracht werden.“ Denn dort gebe es sie kaum oder gar nicht. Dies aber ignoriere wertvolles Wissen, wie etwa die Vereinten Nationen mit Studien nachgewiesen hätten: „Investiert man in die Bildung von Mädchen, erhält ein Land doppelt so viel zurück, wie wenn es in die Bildung eines Jungen investiert.“
Hilfsgelder an Bedingungen knüpfen
Wie groß die wirtschaftliche Not in Afghanistan ist und wie sehr die Frauen und ihre Familien dadurch in die Abhängigkeit von den neuen Herrschern getrieben werden, machten die in Köln lebende Journalistin Shikiba Babori sowie Rona Yussof-Mansury vom Vorstand des Afghanischen Frauenvereins dem Publikum klar. Yussof-Mansury zeigte in einem beeindruckenden Film von Nadia Karim und Christian Schulke, wie nur in Zusammenarbeit mit der Dorfbevölkerung Hilfsprojekte gelingen könnten, etwa der dringend notwendige Brunnenbau. Darin liege aber gerade die Crux, denn die Taliban hätten seit Jahrzehnten in diesen Dörfern überlebt und stünden Hilfsprojekten von Nichtregierungsorganisationen nicht im Wege. Gleichzeitig bedrohten Kälte, Hunger und Wassermangel die Menschen. „Die Not ist riesengroß. Es geht um Leben und Tod“, fasste Babori zusammen. Aber: „Wird Hilfe geleistet, kommt dies den Taliban zugute.“ Hilfsgelder müssten daher, so die Forderung, zwingend an Bedingungen geknüpft werden. „Das wären in der Tat die ersten Schritte“, betonten die Frauen.