Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel In Worte verliebt: „Gut gegen Nordwind“ hat am Rhein-Neckar-Theater Premiere

Anderthalb Meter Abstand? Patricia Kain als Emmi und Markus Beisel als Leo in der Premiere im Rhein-Neckar-Theater.
Anderthalb Meter Abstand? Patricia Kain als Emmi und Markus Beisel als Leo in der Premiere im Rhein-Neckar-Theater.

Seit drei Wochen ist das Mannheimer Rhein-Neckar-Theater wieder geöffnet. Nun hat die erste Premiere angestanden: die romantische Komödie „Gut gegen Nordwind“ nach dem erfolgreichen E-Mail-Roman von Daniel Glattauer. Die unpersönlich abstrakte Internet-Kommunikation der Vorlage ist wie geschaffen für Corona-Kontaktauflagen an Darsteller.

„Gut gegen Nordwind“ ist ein Bestseller, den man sich kaum auf der Bühne vorstellen kann. Er besteht aus E-Mails, die hin- und hergehen zwischen Emmi Rothner und Leo Leike. Nichts als E-Mails: damit bildet er quasi die aktuelle, moderne Variante des klassischen Briefromans.

Emmi setzt diesen Mailverkehr in Gang, stellt unabsichtlich den Kontakt her, indem sie eine Mail, die sie an den Like-Verlag richten wollte, versehentlich an Leo Leike sendet. Als gebürtige Linkshänderin habe sie einen chronischen e- vor i-Fehler, wird sie später ihren Lapsus begründen. Die Mail landet bei Leike, der mit ihrer Kündigung eines Zeitschriftenabos nichts anfangen kann. Emmi insistiert, als ihre Kündigung keine Wirkung zeigt, bis Leo reagiert: „Sie sind schon der Dritte, der bei mir abbestellen will. Das Heft muss wirklich schlecht geworden sein.“

Eine virtuelle beziehung ohne Perspektive

Es gedeiht eine unverbindliche Korrespondenz im Plauderton. Das gegenseitige Interesse nährt sich aus der Mailbox. Über Monate geht das so, die Abstände zwischen den Nachrichten werden immer kürzer, bis Emmis und Leos Herzen klopfen, wenn sie sehen, dass eine Mail des anderen eingegangen ist. „Ich habe mich in Ihre Worte verliebt“, gesteht Leo in die Tastatur. Und sie tippt: „Zu meinem Glück gehören E-Mails von Leo.“

Sie sind beide intelligent genug, zu wissen, dass die Idealvorstellungen oder Phantombilder, die sie voneinander entwickelt haben, unweigerlich zerplatzen würden, wenn sie einander tatsächlich begegnen würden. So bleibt ihre virtuelle Beziehung ohne Perspektive. Leo bastelt sich aus ihren Texten eine eigene Emmi zusammen. Das ist ihm vorläufig lieber, als die echte kennenzulernen. Sie findet es fürs Erste unbefriedigend, mit einem Mann zu kommunizieren, der sie nicht sehen will. „Ich bin für Sie wie Telefonsex. Nur ohne Sex und ohne Telefon“, formuliert sie so pointiert wie enttäuscht an ihrem Laptop.

Vom Bestseller zum Hörbuch zum Theaterstück

Vor 14 Jahren erschien das Buch, vor 13 Jahren wurde der Bestseller zum Hörbuch. Zwei Jahre später wurde er für die Bühne umgeschrieben und zuletzt 2018 mit Nora Tschirner und Alexander Fehling fürs Kino verfilmt. Im Rhein-Neckar-Theater spielt Markus Beisel selbst den Leo und Patricia Kain die Emmi. Abseits des Theaters bildet sie zusammen mit Regisseurin Felicitas Hadzik übrigens das Schlagerduo Zweisamkeit, und tatsächlich setzt auch die gelungene Inszenierung immer wieder auf musikalische Akzente. Wie der literarisch anmutende Kommentar aus dem Off, den Kain und Beisel wechselweise sprechen, werden mehrfach vielsagende Songs eingespielt, die geschickt Zäsuren setzen, das Geschehen illustrieren oder Raum geben für stumme Szenen.

Ganz auf den starken Kontrast von Schwarz und Weiß setzt das Bühnenbild von Matthias Lauterbach vor der Silhouette des Wasserturms und weiterer markanter Gebäude Mannheims. Kain auf einer Couch und der unrasierte Beisel an einem Schreibtisch agieren auf einer Bühne ohne sichtliche Trennwand, nehmen einander aber scheinbar nicht wahr, reden nur indirekt miteinander und lassen zum Publikum hin die Worte ihrer Mails fühlbar lebendig werden.

Vier Premieren in der kommenden Saison

Viermal noch wird „Gut gegen Nordwind“ im Juli aufgeführt, in einem Saal, in dem nur 72 von 199 Sitzen zur Verfügung stehen. „Ab September herrscht hier wieder normaler Spielbetrieb“, zeigt der Intendant sich optimistisch und verspricht gleich vier Premieren für die kommende Saison.

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