Ludwigshafen „In Mannheim ist die Welt zu fassen“

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Das Mannheimer Nationaltheater setzt seine im vergangenen Jahr begonnene Reihe zum Thema Flüchtlinge fort. „Spiel ohne Grenzen“ heißt der neue Theaterabend, der als Verwirrungs- und Aufklärungsshow im Stil einer Unterhaltungssendung des Fernsehens konzipiert ist. Premiere ist am 1. November. Autor Peter Michalzik hat schon einmal ein wenig von dem verraten, was die Zuschauer erwartet.

„Spiel ohne Grenzen“ hieß in den 1960er und 1970er Jahren eine Fernsehshow, in der europäische Städte miteinander in einen sportlichen Wettstreit traten. Außer dem Grand Prix Eurovision de la Chanson war es damals die einzige nationenübergreifende Sendung im deutschen Fernsehen und zeugte von Völkerverständigung und einem zusammenwachsenden Europa. „Eine schöne Erinnerung“, sagt der 53-jährige Peter Michalzik, wenn er an die Sendung zurückdenkt. „Eine schöne Erinnerung an ein zukunftsfrohes, offenes, schwimmbadschönes Europa“, präzisiert er, denn in dem immer im Hochsommer ausgetragenen Finale, gingen die Verlierer gewöhnlich baden. „Spiel ohne Grenzen“ heißt jetzt auch ein Theaterabend, mit dem das Nationaltheater seine Flüchtlingen gewidmeten Projekte fortsetzt. Was in den 1960er Jahren als großes Versprechen einer Auflösung von Grenzen gemeint war, hat inzwischen seine Bedeutung grundlegend geändert. Der Titel weist für Peter Michalzik, der die Texte geschrieben hat, darauf hin, „dass wir gedankliche und inhaltliche Grenzen nicht akzeptieren“. Der Abend ist angelehnt an eine Fernsehshow, wird allerdings nach Auskunft des Autors zwischen Heiterkeit und Beklemmung schwanken. Es gibt zwei Moderatoren, dargestellt von den Schauspielern Klaus Rodewald und Sven Prietz. Ferner spielen zwei Flüchtlinge mit, die noch nicht lange in Deutschland leben. Der eine stammt aus Syrien, der andere aus Nigeria. Und es tritt Nektarios Vlachopoulos auf, der 2011 die deutsche Slam-Poetry-Meisterschaft in Hamburg gewonnen hat. In einer lockeren, spontanen Form, so der Autor, entwickeln die fünf Darsteller einen Handlungsfaden, der sich um die Frage dreht: Was bewirken Gerüchte? Gerüchte haben für Peter Michalzik gegenwärtig eine große Bedeutung, ja geradezu „eine realitätsbildende Macht“, wie er sagt. Als Beispiel aus Mannheim nennt er die Geschichte einer angeblich von einem Ausländer vergewaltigten Frau am Wasserturm, die sich dann als Erfindung herausgestellt hat. Als weiteres Beispiel für ein Gerücht, das in ganz Deutschland kursiert, nennt er die Behauptung, die Flüchtlinge würden Deutschland ruinieren, finanziell und mental. „Theater des Gerüchts“ heißt der Abend deshalb im Untertitel. Michalziks Anspruch ist groß, denn der Autor hat sich nicht weniger vorgenommen, als den gegenwärtigen Zustand der Welt auszuloten. „In Mannheim ist die gesamte Welt zu fassen“, meint er. Verstärkt durch Internet und die Digitalisierung, zeigten Vorgänge, die sich in weiter Ferne abspielten, Wirkung in unmittelbarer Nähe. Zur gegenwärtigen Situation zählt für ihn auch das weltweit zu beobachtende schwindende Vertrauen in demokratische Politikstrukturen. Auch den Zuspruch, den semidiktatorische Führungspersonen in einem Teil der Bevölkerung finden, gehört für Michalzik zu diesem Befund. Trump, Putin, Erdogan, LePen nennt er als Beispiele. Zu beobachten sei eine sich auflösende Gesellschaft, „eine Erosion von Werten“ und eine sich aus der Globalisierung ergebende Verunsicherung. Vor einem Jahr hat Peter Michalzik auch schon für „Mannheim Arrival“, den Theaterabend mit Flüchtlingsgeschichten, die aus Interviews hervorgegangenen Texte geschrieben. Bis vor ein paar Jahren war Michalzik der Theaterkritiker der „Frankfurter Rundschau“. Inzwischen hat er eine Professur an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, kuratiert die Biennale in Wiesbaden und schreibt Texte für das Theater. Am Mannheimer Nationaltheater hat er auch schon zwei seiner Bücher vorgestellt: seinen Schauspielführer „Die sind ja nackt!“ und „Heinrich von Kleist – Dichter, Krieger, Seelensucher“, seine im 200. Todesjahr erschienene Biografie des Dichters. Den Einfluss des Theaters auf gesellschaftliche Entwicklungen schätzt Michalzik zunächst einmal gering ein. „Ich möchte Theater nicht als politisches Werkzeug verstanden wissen“, erteilt er Agitprop eine klare Absage. Aber als Instrument, um gesellschaftliche Entwicklungen auf den Begriff zu bringen, hält er Theater für unterschätzt. Insofern habe Theater dann doch wieder eine Rückwirkung auf die Gesellschaft. Termin „Spiel ohne Grenzen“ wird am Dienstag, 1. November, 20 Uhr , im Studio Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters uraufgeführt. Kartentelefon 0621/1680150.

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