Die Stadtkolumne Quintessenz RHEINPFALZ Plus Artikel In fünf Wochen ist Weihnachten – von Feierlaune keine Spur

Eva Briechle
Eva Briechle

Letztes Jahr an Weihnachten ist mein Opa gestorben – an oder mit Corona. Wie es ihm damals ging, können wir als Familie bis heute nur erahnen. Er lebte in einem Altenheim, das wegen eines großen Corona-Ausbruchs hermetisch abgeriegelt worden war. Keine Chance für uns als Angehörige, ihn noch einmal zu sehen. Keine Chance, überhaupt einschätzen zu können: Wird er es schaffen oder nicht?

Er hat es nicht geschafft. Dank einer sehr netten Pflegekraft, die ein Handyvideo mit ihm aufgenommen hatte, haben wir eine letzte Nachricht per Whatsapp bekommen: „Es kommt, wie es kommt“, hat mein Opa am Abend vor seinem Tod gesagt.

Bald ist wieder Weihnachten. Und wieder werden Menschen ihren Opa oder einen anderen Verwandten an Corona verlieren. Natürlich stimmt es in gewisser Weise, dass es im Leben immer so kommt, wie es eben kommt. Aber in diesem Winter wird die vierte Corona-Welle über uns alle hinwegfegen, und wir müssen uns eingestehen: Trotz ausreichend Impfstoff sind wir immer noch im Krisenmodus. Das, was wir derzeit tun, reicht nicht. Persönlich bin ich der Ansicht, dass eine allgemeine Impfpflicht in dieser Pandemie die letzte der ergriffenen Maßnahmen sein sollte. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass der Staat alle Mittel ausgeschöpft hat, um über die Impfung zu informieren, Ängste bei den Menschen abzubauen und darüber aufzuklären, warum die Covid-19-Impfung so wichtig ist.

„Boppes hoch fürs Impfen“

Wo waren zum Beispiel die entsprechenden Aufklärungsbeiträge vor gängigen Fernsehsendungen? Oder die wirklich große Reichweite erzielenden Beiträge auf den Social Media Kanälen? Das meiner Ansicht nach beste Social-Media-Team der Republik haben die Berliner Verkehrsbetriebe. Wer’s nicht glaubt, dem empfehle ich an dieser Stelle gerne deren Spot „Wir fahren allein allein.“ Mir kann keiner erzählen, dass man diese Jungs und Mädels nicht auch für eine bundesweite „Boppes hoch fürs Impfen“-Kampagne hätte engagieren können.

Über ein Problem, das wir als Gesellschaft alle gemeinsam haben, müssten wir sowieso irgendwann mal sprechen: Dass viele Menschen nämlich gar nicht mehr auf „klassischem“ Wege erreicht werden. Auch in der Ludwigshafener Bevölkerung gibt es viele, die keine RHEINPFALZ lesen, keine Tagesschau einschalten und auch nicht auf den Internetseiten der Stadt unterwegs sind.

Aufs Wesentliche fokussieren

Über verpasste Chancen zu sinnieren ist jedoch müßig. Die Zeit läuft uns davon und wir müssen uns aufs Wesentliche fokussieren. Die alles entscheidende Begründung, warum seitens der Politik so unglaublich viel Energie darauf verwendet wurde, Menschen vor einer Covid-19-Infektion zu schützen, ist das Bestreben, den Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Und wer dies ernst meint, der muss bei Impfquoten, die vielfach immer noch zu niedrig sind, konsequenterweise jetzt auch den Schritt gehen und mindestens eine Impfpflicht für das medizinische Personal in Kliniken und Pflegeheimen aussprechen. Wenn jetzt nicht zumindest im Gesundheitssystem selbst dafür gesorgt wird, dass es nicht zusammenbricht, wo denn dann?

Darüber hinaus ist es Fakt, dass ungeimpfte Erwachsene ein weitaus höheres Risiko eingehen, mit Covid-19 auf einer Intensivstation zu landen, als geimpfte Erwachsene. Die Risikogruppe von Personen, die mindestens 60 Jahre alt sind, weist in Deutschland nur eine Impfquote von knapp über 85 Prozent auf. Allein das ist mit Blick auf die Intensivstationen schon blanker Irrsinn und gefährlich.

In diesem Sinne deshalb auch an dieser Stelle der Appell: Helfen Sie mit, dass in den kommenden Monaten auch jene eine Chance haben zu überleben, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden und einen Platz auf der Intensivstation brauchen. Lassen Sie sich gegen Covid-19 impfen! Bis der vollständige Impfschutz erreicht ist, dauert es noch eine ganze Weile – in fünf Wochen ist schon wieder Weihnachten.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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