Ludwigshafen In der Handballer-WG

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LEMGO. Nur einen Steinwurf von der Spielstätte des Handball-Bundesligisten TBV Lemgo entfernt und mit Blick auf die Lipperlandhalle ist eine der drei Wohngemeinschaften (WG), in denen der talentierte Nachwuchs des TBV untergebracht ist. Im Lüttfeld 15 im Stadtteil Brake ist im Erdgeschoss eines langgezogenen Mehrfamilienhauses das Zimmer von Julius Herbert. Nach dem Klingeln dauert es etwas, bis einer der vier Bewohner öffnet. Es ist Linus Geis, ein Talent des Jahrgangs 1998 aus Bayern. Gleich danach kommt Herbert aus seinem Zimmer. Er freut sich auf den Besuch aus der Pfalz, mit dem er nicht gerechnet hat. Deshalb ist es in seinem Zimmer wohl auch etwas unaufgeräumt. Auf dem Schreibtisch stapeln sich jede Menge Unterlagen für die Schule – Aufzeichnungen zum Hambacher Fest im Jahr 1832. Dahinter ist ein Regal mit unzähligen Büchern und Zeitschriften zu sehen und auf der anderen Seite steht der Ständer mit trockener Wäsche. Daneben ist eine nicht ganz gefüllte Wäschetonne platziert. Am Montag ist Waschtag. Dazwischen liegt noch die Partie beim Bergischen HC und da kommt am Sonntagabend noch einiges an Sportkleidung dazu. „Die Wäsche macht jeder von uns einmal in der Woche selbst“ sagt Julius Herbert. Der 19 Jahre alt Schüler, der derzeit die 12. Klasse des Marianne-Weber-Gymnasiums besucht, hat sich mittlerweile in Ostwestfalen eingelebt. Aber der Schritt vom Elternhaus in die WG eines Handball-Bundesligisten brachte eine Reihe von Veränderungen mit sich. „Das war nicht immer einfach“, betont Herbert. In den ersten Wochen haben ihm seine Eltern den Weg in die Selbstständigkeit erleichtert. Sie besuchten ihn, machten ihm Mut. Nicht nur das Heimweh plagte, auch so manche gewohnte Unterstützung war plötzlich nicht mehr da. Dazu kam noch der Schulwechsel und die Integration in eine fremde Mannschaft. Es war ein tiefer Einschnitt in seinem Leben. Herbert ging diesen Weg, auch wenn es für ihn keine leichte Entscheidung war. Seine Eltern hinderten ihn nicht daran, nach Lemgo zu gehen, aber sie drängten ihren Sohn auch nicht zu diesem Schritt. „Julius wusste, dass es Veränderungen geben wird, deshalb war es wichtig, dass er die Entscheidung selbst trifft“, sagt Frank Herbert. Der Rückraumspieler war Wunschkandidat von TBV-Jugendkoordinator Christian Plesser. Der hatte 2011, damals noch in Diensten des TV Großwallstadt, den Hofheimer im Trikot der JSG Riedstadt in der hessischen Oberliga entdeckte und zu einem Wechsel ins Lipperland ermutigt. Vor seiner Zusage weilte der 1,95 Meter große Rückraumspieler zu einer Trainingswoche in Lemgo. „Ich wollte etwas Neues ausprobieren“, verdeutliche Herbert. „Das Training ist härter, die Umfänge höher und ich sah auch eine bessere Perspektive in der individuellen Förderung“, erzählt der 19-Jährige. Die Übergänge zwischen den einzelnen Jahrgängen in der Jugend bis hin zu den Youngster und zum Bundesliga-Team sind durchlässiger. Fünf Einheiten mit der A-Jugend, dazu nach noch drei mit den Youngster und individuelles Krafttraining sind in der Vorbereitung Standard. „Da habe ich schon meine Grenzen gespürt“, gibt Herbert zu. Es gab auch Rückschläge aufgrund von Verletzungen. Sein Ehrgeiz ist dennoch ungebrochen. „Mein Ziel ist es, so hoch wie möglich zu spielen. Und dafür muss ich etwas tun“, erläutert Herbert. Inzwischen ist er eine feste Größe im Rückraum der A-Jugend und zählt zu den erfolgreichsten Torschützen. Als das schönste Erlebnis bezeichnete Herbert den 34:33-Sieg gegen den amtierenden Deutschen A-Jugendmeister Füchse Berlin in der vergangenen Spielzeit. Aktuell führt Lemgo in der Weststaffel die Tabelle an und will alles dransetzen, diese Position zu verteidigen, um das Viertelfinale der DM zu erreichen. Auch bei den Youngster, der Reserve des Bundesligisten in der Dritten Liga, gehört der abwehrstarke Südhesse zum Kader und wurde schon eingesetzt. Trainer Plesser setzt auf ihn. Die Ostwestfalen legten Herbert einen Vertrag für die nächste Saison vor. „Da im Sommer das letzte Schuljahr beginnt, werde ich hier bleiben“, sagt der Handballer. Eine Rückkehr in die Pfalz schließt er nach dem Abitur nicht aus. Erinnerungen wurden aber an diesem Abend wach. Die TSG Friesenheim war zum Gastspiel ins Lipperland gekommen. Diese Partie ließ er sich nicht entgehen. Auf dem Weg dorthin machte Herbert einen kleinen Umweg. Ein Döner zur Stärkung vor der Partie gegen seinen Ex-Verein gehöre einfach dazu, sagt er. Dass der TBV mit einem glücklichen Punktgewinn zufrieden sein musste, damit hatte er nicht gerechnet. „Friesenheim hat mich positiv überrascht“, gesteht Herbert, ehe er sich gegen 22 Uhr verabschiedet und zu Fuß in die 400 Meter entfernte WG zurückgeht.

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