Ludwigshafen „Ich will jeden Tag mehr wissen“

Ein herausragender Vertreter der neuen Musikergeneration wird in der kommenden Saison bei den BASF-Konzerten vorgestellt. Der 22-jährige Pianist und Komponist Kit Armstrong sorgt derzeit weltweit für Furore, gibt umjubelte Konzerte und heimst jede Menge Preise ein. Als Artist in Residence kann ihn das Ludwigshafener Publikum in sieben Konzerten kennenlernen.
Die Kriterien des Wunderkindes hatte der in Los Angeles geborene Sohn einer taiwanesischen Investmentbankerin und eines britischen Vaters (den er übrigens nie kennengelernt hat) seinerzeit weitestgehend erfüllt. Auf dem Konzertpodium debütierte er mit acht Jahren. Gleichzeitig studierte das vielseitig interessierte Multitalent Musik und Naturwissenschaften, um dann als Teenager in London in Musik und in Paris in Mathematik abzuschließen. Letzteres Kapitel ist allerdings (zumindest vorläufig) beendet. „Die Leidenschaft für Mathematik und Naturwissenschaften“, so Armstrong im Gespräch, „begleitete mich über lange Jahre. Gegenwärtig ist sie nicht mehr aktuell“. Als Musiker setzt Armstrong dagegen nach wie vor aufsehenerregende Akzente. Seine bei Sony erschienene Debüt-CD mit (im Konzertbetrieb extrem seltenen) Choralvorspielen von Bach, dessen erster Partita, seiner eigenen Fantasie über B-A-C-H und einer Auswahl aus „Musica Ricercata“, einem Frühwerk György Ligetis, lässt aufmerken. Sie zeugt von Nachdenken über Musik und weist Armstrong als klugen Dramaturgen aus. Imponierend erscheint zudem sein Mut, ausgetretene Pfade gleich bei der Debüt-Aufnahme zu verlassen. Dass ihm Leitthemen und Querverbindungen bei seinen Programmen wichtig sind, bestätigte Armstrong auch im Gespräch. „Zu Beginn meiner Konzertlaufbahn im Kindesalter und als Jugendlicher war ich sehr glücklich, vor einem Publikum spielen zu dürfen. Inzwischen hat sich meine Einstellung geändert. Heute fühle ich Verantwortung der Musik gegenüber. Früher hat sie mir viel gegeben, jetzt möchte ich etwas für die Musik tun und dabei Entdeckungen machen.“ Zurück zu seiner CD. Armstrongs Fantasie über B-A-C-H stellt eine gehaltvolle, inspirierte Synthese aus Tradition und Moderne dar, ohne radikale Avantgarde-Impulse. Die technische Umsetzung lässt bei eigenen wie fremden Stücken keinen Wunsch offen. So bestechen bei Bach ganz besonders die Klarheit der mehrstimmigen Linienführung und die äußerst plastische Artikulation. Überdies prägen Spannung, Intensität und virtuose Anschlagskunst das gesamte Programm. Die Aussage seines Mentors Alfred Brendel, selbst einer der bedeutendsten Vertreter des Instruments in den letzten 50 Jahren, Armstrong sei das größte pianistische Talent, das er in seinem Leben kennengelernt habe, könnte zutreffen. Brendel, so Armstrong seinerseits, verdanke er sehr viel. Er habe ihn anders zu hören gelehrt, ihm beigebracht, Ideen und Emotionen auf dem Instrument zu verwirklichen. Auch die verlorene Kunst des Deklamierens auf dem Klavier hat er von Brendel gelernt. Mit diesem Interesse am Deklamieren hängt auch die Vorliebe des Pianisten für die Synthese von Text und Musik im Kunstlied und der Oper zusammen, für eine Musik also, die den Text vertieft. Zu Verdi und Wagner spüre er ausgeprägte Affinität. Wobei er Wagners Partituren immer gern lese und dabei von der Instrumentierung, seiner Orchestersprache, beeindruckt sei, Verdi ihm aber letztlich näher stehe, nicht nur mit seinen späten Meisterwerken, sondern auch mit der „Traviata“. Eine weitere Leidenschaft Armstrongs gilt der Kammermusik. Die Kommunikation mit Gleichgesinnten bietet ihm hier einen Ausgleich für die einsame Arbeitsweise des Solisten. „Meine Kammermusikpartner sind meine besten Freunde“, sagt der Pianist, der mit Andrej Bjelow (Violine) und Alfred Brendels Sohn Adrian (Cello) ein festes Trio hat. Am BASF-Angebot der kommenden Saison ist Armstrong mit insgesamt sieben Auftritten viel stärker beteiligt als seine Vorgänger als Artist in Residence: „Ich will den Zuhörern ein attraktives Programm bieten mit vielen Stücken und Partnern“, sagt er. Zu diesen gehört mit dem Pianisten Michael Wollny auch ein Jazzmusiker. Und was tut ein junger Musiker, wenn er nicht gerade eines seiner 70 Konzerte im Jahr bestreitet, vorbereitet oder komponiert? „Ich will jeden Tag mehr wissen als am Vortag“, lautet die Antwort, „ich lese, besichtige gern Städte, die Konzertreisen sind daher auch ein wenig Freizeitbeschäftigung.“ Zu London, wo er studierte, empfindet er eine nostalgische Bindung, in Paris hat er einen weiteren Wohnsitz. Außerdem hat er eine Jugendstilkirche in Nordfrankreich mit großem Musiksaal erworben.