Ludwigshafen „Ich weiß, dass ich Mainstream bin“
Sascha Grammel ist Comedian, Puppenspieler, Bauchredner, Zauberer. Das blonde Multitalent aus Berlin präsentiert skurrile Figuren wie den großschnäbeligen Fasan Frederic oder den Ökotrophologen und Fast-Food-Experten Professor Dr. Hacke. „Ich find`s lustig“ heißt Grammels aktuelles Bühnenprogramm, mit dem er auch nach Ludwigshafen kommt. Olaf Neumann traf den Entertainer in Hannover.
Man kann schnell mal einen Gag machen über jemand anderes, man braucht bloß die Zeitung aufzuschlagen und schon hat man Millionen Angriffspunkte, um jemanden in die Pfanne zu hauen. Aber warum soll ich über andere öffentliche Personen Witze machen? Ich kenne die ja gar nicht, und sie haben mir auch nichts getan. Deswegen bin ich in meiner Show derjenige, der alles abkriegt. Im neuen Programm rieche ich (laut meinen Puppenfreunden) nach Tzatziki, kann keine Witze erzählen, bewege mich wie ein Nilpferd, habe ein Pferdegebiss, und natürlich machen sich alle über meine Haare lustig. Führen Ihre Puppen ein Eigenleben? Insbesondere Frederic Freiherr von Furchensumpf scheint seinen eigenen Kopf, seinen eigenen Charakter und auch seine eigene Meinung zu haben. Ich habe allen Puppen mal eine Art Biographie geschrieben, wie ein Lebenslauf, damit ich mich beim Erarbeiten neuer Texte und Gesten immer fragen kann: Was würde Frederic jetzt sagen, wie würde er reagieren? Gleichzeitig ist Frederic auch so etwas wie mein Alter Ego, er darf, was ich mich wohl nicht traue. So steckt in jeder Puppe immer auch ein Stück von mir. Vielleicht fühle ich mich ohne Puppenbegleitung darum manchmal etwas unsicher. Auf der Bühne bin ich dagegen sofort in der jeweiligen Puppenrolle. Habe ich zum Beispiel einen Texthänger, weiß ich sofort, welche Worte die jeweilige Puppe benutzen würde, und dann unterhalte ich mich quasi mit einer anderen Person. Klingt, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank, ich weiß. Über welches Thema kann man mit Frederic Freiherr von Furchensumpf so richtig schön streiten? Eigentlich über alles. Zwischen Frederic und mir besteht eine Hassliebe. Wir können nicht ohne, aber auch nicht miteinander. Im neuen Programm bekundet er zum ersten Mal, dass er mein Freund ist. Doch kurz danach würgt er mir schon wieder eins rein. Sind Sie von den Antworten Ihrer Puppen manchmal selbst überrascht? So weit ist es noch nicht gekommen, weil ich sie ja selber formuliere. Erstaunt bin ich aber schon, was mir da manchmal spontan einfällt. Neulich sind Professor Hacke die Augenlider zugefallen, da im Innern ein Kabel gerissen war, und dann sagte ich, äh also Professor Hacke: „Mich beschleicht plötzlich ein gewisses Gefühl der Müdigkeit“. Da muss ich dann tatsächlich selbst lachen. Wieviel Improvisation ist bei der Show mit im Spiel? Ich würde sagen zehn Prozent. Ich gehe immer auf die Bühne mit der Idee, die Show genauso zu spielen, wie ich sie vorbereitet habe. Aber ich bin auch nur ein Mensch, und manchmal passieren Fehler. Und dann ist man gezwungen zu improvisieren. Manchmal ist der Fehler dann sogar lustiger als das, was geplant war. Wohin entwickelt sich Ihr Humor? Ich bin sicher skurriler und verrückter geworden. Es bleibt aber immer FSK0, weil ich möchte, dass auch Kinder da sitzen können, ohne dass ihnen die Erwachsenen erklären müssen, was das eben sollte. Und die Erwachsenen sollen bei mir so frei und unbeschwert wie Kinder lachen können. Das ist das Ziel. Solche Unterhaltung haben wir ja kaum noch im deutschen Fernsehen. Ich wollte immer eine Mischung haben aus kindlich, skurril, niedlich, laut und leise. Und ans Herz soll es auch mal gehen. Und ich finde es wichtig, dass man eine Nummer mit nur einem Satz erklären kann. Verrückt ja, kompliziert nein. Ich weiß, dass ich Mainstream bin. Eignen sich Ihre Figuren auch, um aktuelle gesellschaftliche Probleme zu diskutieren? Theoretisch schon. Ich habe mich aber bereits am Anfang dazu entschieden, das nicht zu tun. Weil ich genau das Gegenteil möchte. Erstens gibt es bereits bessere Kabarettisten, als ich es je werden könnte. Man muss immer gucken, was man kann. Und ich kann den Menschen eine Auszeit schenken. Ich möchte eben nicht die Dinge ansprechen, die sie bewegen oder vor denen sie Angst haben. Beim Kabarett bleibt einem oft das Lachen im Halse stecken. Das will ich bei mir bewusst nicht haben, auch wenn ich privat ein politischer Mensch bin. Wollen Sie auf der Bühne eine ganz eigene Welt erschaffen? Ja, die Grammel-Welt! Eine Mischung aus Schlumpfhausen und Spandauer Disneyland. Wo alles rund und bunt ist und wo keinem etwas weh tut. Ich bin von den Disney-Figuren meiner Kindheit geprägt. Natürlich ist Disney heute auch eine große Maschinerie, vielleicht auch mit einigen nicht nur lustigen Dingen im Hintergrund, aber die Welt, die sie dort erzeugen, ist einfach eine rundum schöne, perfekte. Überall läuft Musik, alle lächeln, es gibt keine Probleme und nirgendwo liegt Müll rum. Sowas braucht man zwischendurch mal. Was macht das Quatschmachen mit Ihnen? Es ist Teil meiner Person. Ich bin echt albern. Und ehrlich gesagt, lebt es sich damit richtig gut. Auch ich bin natürlich auch mal traurig oder sauer, aber ich versuche trotzdem, die Welt positiv zu sehen. Dann kriegt man unglaublich viel Positives zurück. Kann man Witzigkeit erlernen? Ja und nein. Ich habe inzwischen zwei Autoren, die mich wunderbar ergänzen. Wenn man auf Tour ist, ist es fast unmöglich, parallel alleine ein neues Programm zu entwickeln. Die eine Autorin geht analytisch vor, kann genau erklären, warum der Witz funktioniert. Der andere ist einfach irre. Er kann nicht unbedingt erklären, warum es witzig ist, schreibt aber Sätze, bei denen man sich totlacht. Ich selbst bin wohl irgendwo dazwischen. Will sagen: man kann Lustiges sowohl erarbeiten, wie auch einfach spontan entstehen lassen. Am Ende zählt allein, dass es witzig ist. Ihre Auftrittsorte werden immer größer, haben Sie sich dafür ein spezielles Konzept überlegt? Mein Konzept war einmal, Auftritt-Locations nicht so groß werden zu lassen. Ich komme mir allerdings inzwischen vor wie ein Politiker, der immer allen erzählt, was er vorhat und es dann nicht umsetzt. Ich nutze mal die Gelegenheit um mich kurz zu erklären. Mein Wunsch ist: ich möchte weiterhin selbst Spaß haben und echt auf der Bühne lachen, deswegen spiele ich nicht 200 Auftritte pro Jahr, sondern nur ungefähr 70. Da mich aber immer mehr Zuschauer sehen wollen und ich nicht aufhören kann, mich für diese sogar weiter wachsende Unterstützung zu bedanken, ist für mich die einzige Stellschraube die Zuschaueranzahl pro Show. Das heißt: ich muss in größere Hallen. Ich versuche es aber nicht zu übertreiben. Termin Sascha Grammel gastiert mit seiner Show „Ich find’s lustig“ heute um 20 Uhr in der Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen. Die Veranstaltung ist ausverkauft.