Ludwigshafen „Ich möchte die Erfahrung nicht missen“

Für Hannelore Hoger war es der zweite Besuch beim Filmfestival in Ludwigshafen. 2012 war die Schauspielerin schon einmal auf der Parkinsel, um „Unter den Linden“ aus der Krimi-Reihe „Bella Block“ vorzustellen. In der Komödie „Frau Roggenschaubs Reise“ spielt sie jetzt eine kratzbürstige und engstirnige Seniorin, die wider Willen in die Welt der Sinti eintauchen muss.
Die von Hannelore Hoger verkörperte Rosemarie Roggenschaub ist keine einfache Frau. Macher würde sagen, sie hat Haare auf den Zähnen und dazu jede Menge Vorurteile – zum Beispiel über Sinti und Roma, die sie abfällig „Zigeuner“ nennt. Aber sie hat es auch nicht einfach: Jahrzehntelang hat sie die Kundenbetreuung einer Reederei gemanagt. Jetzt wird sie gefeuert, weil es viel billiger ist, die Aufgabe an ein Call-Center in Indien zu vergeben. Ein paar warme Worte und ein mickriger Blumenstrauß sind der Dank. Auch ihr Ehemann (Christian Redl) hat sich von ihr getrennt und will jetzt mit seiner jüngeren Freundin Carola (Michaela May) in einer Mehrgenerationen-WG leben. Deshalb kann der Zuschauer ihre Beweggründe durchaus nachempfinden, als Rosemarie die Angelpokale und die alte E-Gitarre ihre Mannes kurzerhand verkauft. Sie täuscht einen Einbruch vor und überredet den Sinti Sascha („Ihr Zigeuner kennt euch doch mit Plunder aus“) die Sachen zu kaufen. Der macht gute Miene zum bösen Spiel, weil er die Gitarre haben möchte. Doch dann erklärt ihr Mann, die Gitarre sei wertvoll, weil schon Jimi Hendrix auf ihr gespielt und sie sogar angekokelt habe. Also muss Rosemarie Roggenschaub das gute Stück zurückholen. Die Geschichte, die in dem Film erzählt wird, liegt Hannelore Hoger am Herzen: „Jeder Mensch hat Vorurteile, und wenn wir mit unserer Arbeit dazu beitragen können, etwas zu ändern, dann ist das eine gute Sache.“ Natürlich befinde sich ihr Charakter privat in einer schwierigen Situation: „Sie ist frustriert und einsam, aber das entschuldigt natürlich nicht ihr Verhalten.“ Denn das ist gegenüber Sascha und seiner Familie nicht gerade vorbildlich. Doch je mehr Frau Roggenschaub das Leben der Sinti-Familie kennenlernt, umso mehr taut sie auf. „Ihre Neugier wird geweckt, und ihre Abenteuerlust“, erzählte Hannelore Hoger. „Sie findet einen Ersatz für ihren Verlust.“ Ein kleines Abenteuer waren auch die Dreharbeiten. Denn außer Rahul Chakraborty, der den Sascha spielt, sind alle Sinti-Charaktere im Film mit Laiendarstellern besetzt. „Das war ein Wagnis, aber es hat sich gelohnt“, betonte Regisseur Kai Wessel, der genau wie Drehbuchautorin Beate Langmaack und die Schauspieler Christian Redl, Michaela May und Rahul Chakraborty zum Filmfestival gekommen war, um die Premiere des Films mitzuerleben, der im ZDF zu sehen sein wird. Ein Ausstrahlungstermin steht allerdings noch nicht fest. Man habe die Rollen nicht mit bekannten kroatischen oder türkischen Schauspielern besetzen wollen, sagte Wessel. Aus Mangel an professionellen Sinti-Schauspielern, sei die Idee aufgekommen, die Rollen mit Laien zu besetzen. Sie sind alle Mitglieder der Familie Weiss aus Hamburg-Wilhelmsburg. Auch die Musiker der Band Django Deluxe, die im Film zu sehen sind, gehören zu dem in Hamburg alteingesessenen Sinti-Clan. Die größte Sprechrolle hat Rigoletta Weiss. Sie spielt Saschas Mutter und hatte einige Szenen mit Hannelore Hoger. „Ich war sehr aufgeregt, aber alle waren so nett zu mir“, erzählte sie. „Es war eine tolle Erfahrung, vor allem die Chance Hannelore Hoger kennenlernen zu dürfen.“ Auf der Parkinsel gefiel es der Hanseatin ausnehmend gut: „Es ist sehr schön hier, vor allem mit dem Fluss.“ Auch Hannelore Hoger fühlte sich wohl. „Es ist immer nur so kalt, wenn ich komme“, bedauerte sie. „Aber die Atmosphäre und das wunderbare Publikum sind schon großartig.“ Als erfahrene Schauspielerin sei die Arbeit mit Laien eine willkommene Abwechslung gewesen: „Ich möchte die Erfahrung nicht missen, und durch die Laiendarsteller erhält der Film etwas Unmittelbares.“ Termin Mittwoch, 24. Juni, 21 Uhr, Kino 2