Mannheim
„Ich kann keine Kunst mehr sehen“: die Ausstellung „Words for Sale“ in der Galerie Kasten
Ja, wir sind exklusiv vor Ort. Allein mit dem Galeristen und den Bildern an der Wand. Es ist still hier. Die Bedingungen der Kunstbetrachtung sind märchenhaft. Und damit das auch bei anderen Interessenten und Käufern so bleibt, ist das Prozedere auf der Einladung festgelegt. „Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Und gute Kunst!“. Das wird gern unterschrieben. Die Einschränkung: „Keine Vernissage! Keine Öffnungszeiten! Besichtigung und Verkauf nach telefonischer Vereinbarung!“
Mit dem Verkauf, sagt Friedrich W. Kasten, ist es eigentlich wie sonst. Der Kundenstamm weiß, was er will. Und da die Website der Galerie in ihren Angeboten sehr klar ist, wird mancher auf Vertrauen online ordern. Oder exklusiv vorbeikommen (siehe oben). Wer nicht so gut aufgestellt ist, schlecht gewirtschaftet oder als Anfänger keine Reserven hat, der hat schlechte Karten. Die „Kollateralschäden“ bei Transportunternehmen, Rahmenmachern und Mitarbeitern mag man sich erst gar nicht ausmalen.
Genaugenommen eine Doppelausstellung
Dass die Künstlersozialkasse dreißig Prozent ihrer Mitglieder verloren hat, erschreckt. Und die New York Times beziffert den Galerien-Schwund auf vierzig Prozent. Nun, Friedrich W. Kasten ist als ein im Onlinehandel versierter Kunstanbieter eine One-Man-Show, die sich aus eigenem Bestand speisen kann, und insofern weitgehend autark. Ein Transportopfer ist er aber doch. Barbara Krugers Hocker „Kiss“ fand keinen, der ihn nach Mannheim bringen konnte. Das für ihn vorgesehene Podest ist leer, ein Foto spielt den Stellvertreter.
Barbara Kruger ist einer der internationalen Stars, von denen in der mit viel Fingerspitzengefühl für die richtigen Nachbarschaften zusammengestellten Auswahl einige paradieren. Genaugenommen ist es eine Doppelausstellung mit der Galeristin Kim Behm, die sich seit ihrer Rückkehr aus Frankfurt die Galerieräume mit Kasten teilt, wobei die beiden Programme einander kaum in die Quere kommen: einerseits Behm mit ihrem Angebot streng reduzierter Kunst, andererseits der in die Kunst des Druckens geradezu vernarrte Kasten mit einem Händchen für den bunten Lärm von Comic und Street Art.
Fast wie aus dem Lehrbuch
Trotzdem passt alles zusammen. Wort, Schrift und Text sind der Kitt. Was von wem kommt, müsste erfragt werden. Aber wozu? In Auswahl: Die mit Schlagzeilen („Steinigen!“) aus der Zeitung mit den vier Buchstaben ätzenden Schilder von Ilse Ermen sind aus dem Hause Behm. Ottmar Hörl, der 2018 verstorbene David Spiller mit seinen zu Rarissima gewordenen Mickymaus-Paraphrasen, der US-Amerikaner Shepard Fairey, der inzwischen preislich enteilte David Shrigley oder heimische Altmeister vom Kaliber eines Timm Ulrichs sind Kasten-Künstler, der letztere mit dem berühmten Blatt, das ihn mit Blindenbrille, Stock und Armbinde zeigt, darunter ein nölendes : „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ Dem muss widersprochen werden. Die Mannheimer Sommerausstellung tut das, und sie tut es fast wie aus dem Lehrbuch.
Ebenfalls (fast) wie aus dem Lehrbuch scheint auch die laufende Renovierung des Mannheimer Kunstvereins im Positiven wie im Negativen zu verlaufen. Natürlich wurde die dank der Corona-Zwangspause etwas vorgezogene Erneuerung der Lichtanlage von 1966 (!) teurer und langwieriger, weil weitere Schäden erst während der Arbeiten entdeckt wurden. Für den immer schon auf Kante genähten Verein ein harter Brocken, für den die gesammelten 50.000 Euro-Spenden der Mitglieder wohl nicht ausreichen dürften. Im Klartext: Die Stadt Mannheim hat die denkmalgeschützte Immobilie seelenruhig verkommen lassen.
Aufzuräumen und zu ordnen gibt es genug
Friedrich W. Kasten ist als neuer Vorsitzender ganz vorne mit dabei. Er kennt das Haus und alle Hintergründe aus dem Effeff; schließlich war er vor seinem Schritt in die Selbständigkeit hier sieben Jahre lang Ausstellungsleiter. Man traut ihm zu, dass er für flache Hierarchien und einen guten Geist im Hause sorgen kann. Ein prima Zeichen dafür ist, dass keiner der ordentlich und geringfügig Beschäftigten „wg.Corona“ entlassen wurde. Aufzuräumen und zu ordnen gibt es genug. Bis der Betrieb wieder anläuft, erstmal mit den von den Ausstellern ungewohnt sehnlich erwarteten Galerientagen vom 18. bis 20. September, dann mit einer „Coronale“ vom 25. bis 27.September, die Kunstschaffenden aus der Rhein-Neckar-Region eine Plattform bieten und aus dem ökonomischen Loch helfen soll. Die Erlöse gehen zu hundert Prozent an die Künstler.