Ludwigshafen „Ich bin eine Art Ministerpräsident“

Andreas Müss (39) ist neuer Bezirksvorsitzender der Region Vorderpfalz in der Vereinigung Badisch-pfälzischer Karnevalvereine. Mit dem in Ludwigshafen geborenen Unternehmer haben wir über den Reiz der ehrenamtlichen Aufgabe, Familie und Fasnacht gesprochen.
Das ist richtig. Darf man fragen, warum? Das Leben ist bisweilen so ernst, besonders das Geschäftsleben, dass ich in meiner Freizeit den Status der Hofnarren aus der Zeit der Ritter und alles was es früher so gab gerne weiterverfolge und einfach mit diesem Hobby ein bisschen abschalte. Geht das wirklich? Sie sind für 125 Vereine verantwortlich und führen nebenbei noch zwei Firmen – wie bekommen Sie das unter einen Hut, beziehungsweise unter eine Narrenkappe? Der große Vorteil als Selbstständiger ist, dass man keine geregelten Arbeitszeiten hat. Und wenn man mal länger arbeitet, kann man auch mal zwischendurch freimachen, falls Termine anstehen. Was macht der Bezirksvorsitzende eines Karneval-Dachverbands? Um einen Vergleich mit der Politik zu ziehen: Ich bin jetzt zu einer Art Ministerpräsident geworden (lacht). Das heißt? Ich muss mich um die Belange der Vereine des Bezirks in der Vereinigung kümmern, die übergeordneten Ehrungen verleihen und versuchen, jeden Verein mit meiner Anwesenheit und meinem Wissen zumindest im Rahmen meiner vorhandenen Möglichkeiten zu unterstützen. Das wären pro Saison 125 Termine. Minimum. Das kriegen Sie hin? Muss ich. Das Schöne ist ja, dass manche Veranstaltungen wie Sommerfeste oder Tagungen auch außerhalb der Kampagne stattfinden. Nicht alles konzentriert sich auf die aktive Phase. Manche Termine überschneiden sich. Sie sind mit 39 noch relativ jung, derweil viele die Fasnacht für altbacken halten – widersprechen Sie? Sowohl als auch. Es gibt Traditionen, die man aufrechterhalten sollte, auch wenn das nicht jedem gefällt. Andererseits hat sich die Fasnacht sehr verändert in den vergangenen Jahren. Es gibt zahlreiche Maskenbälle. Prunksitzungen werden anders aufgezogen, es ist alles nicht mehr so steif. Der Wandel der Zeit hat auch vor der Fasnacht nicht haltgemacht. Ausgebremst wurde die Fasnacht schon von so mancher Krise auf unserem Globus – beziehungsweise die Narren haben selbst die Notbremse gezogen. Die Welt ist nicht entspannter geworden, siehe Ukraine und Nahost. Ist ein erneuter Verzicht aus Rücksicht darauf aktuell ein Thema? Ich gehe davon aus, dass das immer so wäre, wenn im November oder im Januar, also in der Hauptphase der fünften Jahreszeit, irgendwelche schlimmen, unvorhersehbaren Kriege ausbrechen. Dann würden die Vereinigung und die Vereine reagieren, das war 1990 nicht anders. Da gab’s kurzfristige Treffen, und dann wurde beschlossen, wir müssen das absagen. Was die Vereine umtreibt, sind die Sicherheitsrichtlinien für Umzüge und Umzugswagen, die in den Vorjahren schärfer kontrolliert worden sind. Ist das nach wie vor ein Problem? Das ist ein sehr großes Problem – nicht nur in der Karnevalzeit, sondern auch bei Dorfkerwen oder Stadtteilumzügen. Die Kosten, die Wagen entsprechend zu präparieren, sind sehr hoch, und man findet keine Leute, die das machen. Außerhalb Deutschlands wird das alles nicht so zum Thema gemacht. Dort laufen Umzüge weiterhin ohne große Absperrungen, unverkleidete Traktoren werden einfach fahren gelassen. Hierzulande wird also genauer hingeschaut als es notwendig wäre? Es gibt da einen cleveren Spruch mit Blick auf die EU und ihre Gesetze: Der Spanier ignoriert sie, der Italiener wirft sie in den Mülleimer, der Franzose liest sie nur durch und der Deutsche erfüllt sie zu 150 Prozent. Eine Steilvorlage für eine Kampagne. (lacht) Ja, das wäre durchaus eine Narrenkampagne wert. Was machen Sie am 11.11.? Wahrscheinlich von morgens bis abends unterwegs sein – von Ludwigshafen bis nach Herxheim oder noch weiter. Sie haben drei Kinder. Bläst Ihnen Ihre Familie da nicht den Narhallamarsch? Zum Glück sind alle drei auch schon dem Karneval verfallen. So ist es kein Wunder, dass die jüngsten auch schon ins Training gehen und bei den Veranstaltungen die Uniformen der Prinzengarde tragen. Herr Müss, Helau oder Ahoi? Dem Seemannsbrauch entsprechend Ahoi, weil wir hier am Rhein sind und die politische Fasnacht nicht in der Dimension ausleben wie die Mainzer. Was kann die Politiker- denn von der Narrenzunft lernen? Eigentlich ist die Politik ja Narretei. Wenn man sieht, wie oft Wahlversprechen gemacht und hinterher gebrochen werden, weil sich keiner mehr daran erinnert, ist das so ähnlich wie eine Karnevalsitzung. Da wird gefeiert und auch mal etwas getrunken. Am nächsten Tag kann sich der eine oder andere auch nicht mehr daran erinnern.