Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Hohe Hürden: Wie es Analphabeten bei der Corona-Impfung ergeht

Mitglieder der Selbsthilfegruppe am Infostand: von links Encarnacion Del Brio, Gudrun Völker, Sirikit Schorer, Karlheinz Maurer
Mitglieder der Selbsthilfegruppe am Infostand: von links Encarnacion Del Brio, Gudrun Völker, Sirikit Schorer, Karlheinz Maurer und Petra Kumpf.

Mehr als die Hälfte der Deutschen hat laut Studien große Probleme, Gesundheitsinformationen zu verstehen. Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sind ohne Unterstützung verloren. Die Selbsthilfegruppe Analphabeten Ludwigshafen-Mannheim hat sich deshalb mit dem Mehrgenerationenhaus ein besonderes Projekt einfallen lassen.

In der Pandemie hat das Thema Gesundheit deutlich an Bedeutung gewonnen. Eine Informationsflut aus Nachrichten zu neuen Corona-Verordnungen, ständig wechselnden Regeln, steigenden Hospitalisierungsquoten und Impfbus-Terminen überschwemmt fast täglich die Nachrichtenportale. Was selbst für jene immer schwieriger zu verstehen und zu bewerten wird, die sich regelmäßig damit befassen, stellt für sie ein schier unüberwindbares Hindernis dar, das sie häufig zum Rückzug und somit in die Isolation treibt: „funktionale Analphabeten“, Menschen, die höchstens einzelne Sätze lesen und schreiben können. Rund 6,2 Millionen „funktionale Analphabeten“ (16 bis 64 Jahre) leben laut der Leo-Studie (2018) in Deutschland.

Elfriede Haller, Alfa-Trainerin bei der Selbsthilfegruppe Analphabeten Ludwigshafen-Mannheim (Saluma), berichtet, dass das Thema Gesundheit den 2014 gegründeten Verein schon lange beschäftigt. „Menschen mit geringerer Bildung haben gesundheitlich mehr Probleme“, erklärt sie und verweist auf die gute Vernetzung von Saluma, etwa mit dem Gesundheitstreffpunkt Mannheim und dem Verein zur Förderung von Selbsthilfegruppen (Kiss Pfalz). „Für jede gesundheitliche Problematik brauchen unsere Leute Hilfe.“ Viele Betroffene seien chronisch krank, gingen jedoch nicht zum Arzt aus Angst und Scham, ihre Lese- und Schreibschwäche zu offenbaren.

Damit das Thema insbesondere in gesundheitsrelevanten Berufen mehr wahrgenommen wird, hat Saluma in Kooperation mit dem Mehrgenerationenhaus der Diakonie bereits 2019 – vor der Pandemie – ein Gesundheitsprojekt entwickelt. Finanziert wird dieses von der BASF in Zusammenhang mit dem Projektwettbewerb „Gemeinsam Neues schaffen“.

Fünf Tandems ausgebildet

Konkret richtet sich das Angebot dabei sowohl an Betroffene, die eingeladen werden, Unterstützung ohne Scham einzufordern, als auch an Menschen, die im Gesundheitssektor tätig sind – von Apothekengehilfen über Krankenhausmitarbeiter bis zu Ärzten. In Schulungen sollen diese für die Problematik des Analphabetismus sensibilisiert und befähigt werden, betroffene Patienten zu erkennen, um diese unterstützen zu können. Haller, die seit 30 Jahren an der Volkshochschule Ludwigshafen Menschen unterrichtet, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, verweist darauf, dass Betroffene aus Scham Profis in Sachen Ausreden sind. Vorgegebene Gründe, wie das Vergessen der Brille, gehörten zur Überlebensstrategie, um wegen ihrer Lese- und Schreibschwäche nicht aufzufliegen. „Auf der anderen Seite herrscht dabei aber auch oft Scham“, erzählt die Alfa-Trainerin. „Wie kann ich einen Betroffenen darauf ansprechen, ohne ihn zu verletzten?“, sei etwa eine Frage, die sich das Gegenüber häufig stelle.

Mitarbeiter in gesundheitsrelevanten Berufen können sich zu diesem Thema bei Saluma informieren. Haller appelliert außerdem, Betroffenen unauffällig bei allen Schriftsprachanforderungen zu helfen. Die Gruppe habe einmal sogar das Impfbus-Team angesprochen und ihr Anliegen vorgebracht. „Wenn beispielsweise Folgendes laut gesagt wird: ,Hier kann man sich impfen lassen, wir helfen auch beim Ausfüllen’, würde das schon helfen“, erklärt die Alfa-Trainerin.

Die Seminarinhalte hat Haller dabei gemeinsam mit betroffenen Vereinsmitgliedern entwickelt. Und sie im Rahmen des Projekts mit der Universität Mainz evaluiert. So habe die Gruppe etwa bei einer Fortbildung für Hausärzte am Uniklinikum Mannheim 50 Hausärzte mit ihrem Thema erreicht. Fünf Alltagsbegleiter (Mentoren/Tandems) seien überdies bereits ausgebildet worden, die Betroffene zu Arztbesuchen und Impfterminen begleiten, bei der Aufklärung einer OP-Narkose unterstützen oder beim Ausfüllen von Reha-Anträgen helfen.

Ohne Gruppe keine Impfung

„Ich war 15 Jahre nicht mehr beim Doktor“, erzählt ein Gruppenmitglied. „Ich kann mich nicht outen, wo fremde Menschen sind.“ Zu groß sei die Angst vor dem Ausfüllen des Aufnahmebogens gewesen, zu groß die Sorge, dass die Lese- und Schreibschwäche auffliegt. Beim Impfen sei er gleich mehrmals gewesen – jedes Mal jedoch ohne Piks nach Hause gegangen. Was dem Analphabeten entging: Der Termin, der ihm elektronisch zugesandt wurde, musste zunächst bestätigt werden, damit dieser auch gültig war. Notlügen wie „Ich kenne mich am Smartphone nicht aus“ halfen dem Mann nicht weiter. Ganz vorbei sei es dann gewesen, als die Empfangsdame – hörbar für die gesamte Schlange – den Mann schnippisch fragte: „Können Sie nicht schreiben?“ Für den Betroffenen das denkbar schlimmste Szenario. „Ich war geoutet, das war tiefpeinlich für mich“, erzählt er. Ein Dreivierteljahr habe das Gruppenmitglied gebraucht, um endlich den schützenden Piks zu erhalten. Er ist sich sicher: „Ohne die Gruppe wäre ich bis heute nicht geimpft.“

In eine solche Situation will sich der Teilnehmer nicht mehr begeben, wie er sagt. Außerdem wolle er nichts mehr unterschreiben, was er nicht lesen kann. „Als ich das Formular zur Impfung ausfüllen musste, habe ich geguckt, was der Nachbar angekreuzt hat“, erzählt er weiter. „Wenn bei den Nebenwirkungen irgendetwas passiert wäre, hätte ich mein eigenes Todesurteil unterschrieben.“ Für ihn steht fest: Er möchte richtig Lesen und Schreiben lernen. Und wenn er das geschafft hat, dann will er ein Buch schreiben – so wie Thorsten Böhler, Gründungsmitglied der Selbsthilfegruppe, der nach eigenen Angaben gemeinsam mit seiner Freundin bereits ein Buch geschrieben hat. Böhler ist überzeugt: „Gerade kranke Menschen, die nicht gut lesen können, brauchen Hilfe, brauchen Menschen, mit denen sie über alles reden können.“

Bewegungsangebot ausbauen

Ein weiterer Bestandteil des Projekts sind betreute Bewegungsangebote zur Unterstützung der psychischen und physischen Gesundheit. So habe die Gruppe im Sommer nach dem Lernen im Zielcafé im Mehrgenerationenhaus der Diakonie regelmäßig Runden im Ebertpark gedreht und Bewegungsübungen gemacht – unter Anleitung eines Mitglieds der Selbsthilfegruppe, das sich als früherer Fußballtrainer gut mit Sport auskennt. In Kooperation mit der Landeszentrale für Gesundheitsförderung (LZG) war er bei der Bewegungswoche im November zudem einer der Bewegungstrainer im virtuellen Trainingsprogramm. Er ist nun regulärer Trainer im Projekt der LZG für arbeitslose Menschen. „Das ist das Besondere“, sagt Alfa-Trainerin Haller. „Wer nicht lesen kann, hat andere Qualitäten und kann seine Kenntnisse weitergeben.“ Das Ziel: Das Bewegungsangebot im Freien ausbauen und der Öffentlichkeit anbieten.

Noch Fragen?

Kontakt: Saluma, Dessauer Straße 49, 67063 Ludwigshafen, E-Mail: saluma.ev@web.de, Telefon: 0157 31 46 25 21. Infos im Netz unter www.alpha.rlp.de sowie www.vhs-lu.de.

Beim Bewegungsprogramm im Ebertpark: Karlheinz Maurer und Sirikit Schorer.
Beim Bewegungsprogramm im Ebertpark: Karlheinz Maurer und Sirikit Schorer.
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