Ludwigshafen Hoffnung auf „Das Stück mit dem Schiff“ von Pina Bausch am Pfalzbau
In nur wenigen Stunden hätte man ihn auf der großen Pfalzbau-Bühne gehört: Jenen ohrenbetäubenden Knall der Mauer aus Beton, die zu Beginn des Stückes „Palermo, Palermo“ von Pina Bausch aus dem Jahr 1989 nach vorne auf die Bühne fällt. Krönender Abschluss der Festspiele Ludwigshafen sollte das dreitägige Gastspiel des Tanztheater Wuppertal am Donnerstagabend werden. Zuletzt war die Kompanie vor acht Jahren mit „Ten Chi“ in Ludwigshafen, und seit Beginn seiner Intendanz hatte Tilman Gersch auf eine Wiederholung hingearbeitet, zuletzt mit Hilfe des gebürtigen Wuppertalers Marco Goecke. Dem Ballettchef der Staatsoper Hannover und als stilprägender Choreograf Stammgast im Theater im Pfalzbau war es schließlich gelungen, die Zusage für „Palermo, Palermo“ in Ludwigshafen zu erwirken.
Dann gerieten die Pläne durch die Pandemie ins Wanken. Statt „Palermo, Palermo“ wollte das Tanztheater Wuppertal lieber „Das Stück mit dem Schiff“ aus dem Jahr 1993 schicken, das es derzeit aufwendig rekonstruiert. Anstatt für den prominenten Besuch nun in den letzten Vorbereitungen zu stecken, sind Gersch und sein Team seit Wochen damit beschäftigt, beim Publikum die Vorstellungen abzusagen und Buchungen zu verschieben. „Das ist in diesen Tagen unsere Arbeit, und sie tut weh“, sagt Gersch auf Nachfrage.
„Wir fürchten eine existenzielle Bedrohung“
Nach aktuellem Stand geht er noch davon aus, dass statt „Palermo, Palermo“ „Das Stück mit dem Schiff“ im nächsten Jahr nach Ludwigshafen reisen wird. So steht es auch auf der Homepage des Tanztheater Wuppertal. Doch feste Vereinbarungen können noch nicht geschlossen werden, auch wenn Gersch viele Gespräche führt. Wichtige Gesprächspartner sind auch die Geldgeber und Förderer der Festspiele Ludwigshafen, zum Beispiel die BASF: „Wir hoffen alle, dass BASF und weitere Förderer an Bord bleiben und zu uns stehen“, so Gersch, denn „natürlich sollen sich die nächsten Festspiele Ludwigshafen wie ein leuchtender Phönix aus der Asche erheben“.
Dennoch müsse er vermehrt auf Fragen in Bezug auf Wert und Nutzen der Theaterarbeit eingehen. „Wir leben in einer Dualität von Hoffnung und Furcht. Wir warten, hoffen und glauben, dass wir die Theater wieder öffnen und vor großem Publikum spielen dürfen. Wir geben nicht auf. Aber wir fürchten gleichzeitig existenzielle Bedrohung. Wie sollen die Städte aussehen, wenn die Theater als Orte von Gemeinschaft und Gemeinwohl anfingen, nicht mehr zu existieren?“, fragt er sich besorgt. Ausfallende Vorstellungen im Internet zu streamen, kommt für ihn kaum in Frage. „Dafür haben wir gar keine Rechte“, erklärt er, „das kann nur das jeweilige Ensemble.“
Und in der Tat hat hier das Publikum, das gerne das Tanztheater Wuppertal im Pfalzbau erlebt hätte, Glück. Auf der Homepage der Pina-Bausch-Stiftung befindet sich eine über zwei Stunden lange Filmfassung von „Palermo, Palermo“ aus einer Aufführung im Jahr 1989, die aufwendig digitalisiert und restauriert worden sind. Klickt man sie an, vermag sie jenen Sog zu entwickeln, den man von den Stücken von Pina Bausch kennt: in Bildern von Männern und Frauen zu schwelgen, für die keine Sprache gefunden werden kann, die aber intuitiv als messerscharfe Gesellschaftsanalysen verstanden werden können. „Eigentlich wollte ich immer nur tanzen“, zitiert Tanja Webel heute Pina Bausch im Online-Adventskalender des Theaters im Pfalzbau. „Ich musste und musste tanzen. Das war die Sprache, mit der ich mich ausdrücken konnte.“