Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Hochstraßen: Blumen für die Anwohner statt Hiobsbotschaften für die Planer

Bagger in Stellung: 45 Stütztürme aus Holz, Beton und Stahl sowie sieben weitere aus 1500 sogenannten Baggermatratzen sollen ver
Bagger in Stellung: 45 Stütztürme aus Holz, Beton und Stahl sowie sieben weitere aus 1500 sogenannten Baggermatratzen sollen verhindern, dass die Trasse beim Abriss unkontrolliert einstürzt.

Gute Nachrichten für die Hochstraßensanierungen: Die Nordtrasse muss nach dem Altreifenbrand nicht gesperrt werden. Und beim Endspurt vor dem Abriss der Südtrasse geht’s zügig voran. Am Dienstag verteilte die Stadtspitze an der Baustelle Rosen an Anwohner. Die IHK Pfalz fordert unterdessen, die Arbeiten an den maroden Brücken zu beschleunigen.

Aufatmen im Rathaus: Die Hochstraße Nord (B 44) als zentrale Ausweichroute während der Sanierung der Pilzhochstraße muss nach dem Altreifenbrand vom vergangenen Mittwochabend nicht gesperrt werden. Das sagten Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) und Tiefbauspartenchef Björn Berlenbach am Dienstag bei einer Videokonferenz. Es seien lediglich Sicherheitsfangnetze verschmort. Die Stabilität der Trasse sei nicht gefährdet. Der Schaden belaufe sich auf rund 30.000 Euro.

Neue Netze müssen her

Die Beschaffung neuer Netze werde zwei bis vier Wochen dauern, die Montage durch eine Fremdfirma etwa zwei Tage, schätzte Berlenbach. Am Freitag habe ein Brückenprüfer „jeden Quadratzentimeter abgeklopft“. Sein Urteil: Die Konstruktion sei nur schwarz und verrußt, aber nicht instabil. Das aus Sicherheitsgründen auf 50 Stundenkilometer gedrosselte Tempo auf der Nordtrasse werde nun wieder auf 70 erhöht, so Berlenbach. Unbekannte hatten die Altreifen illegal angezündet. Die Kriminalpolizei ermittelt.

Erste Fräsarbeiten am Mittwoch beendet

Im ersten Abschnitt der maroden Pilzhochstraße – ein 500-Meter-Teilstück der Hochstraße Süd (B 37) – sollen die dem Abriss vorausgehenden Fräsarbeiten am Mittwoch abgeschlossen werden: im Bereich über der Mundenheimer Straße, der ab 11. Juni zurückgebaut werden soll. In den kommenden Tagen werde die ferngesteuerte Maschine weitere Bauwerke an der Auffahrt zur Konrad-Adenauer-Brücke sowie am Faktor-Haus vom Straßenbelag befreien. Insgesamt müssen 2500 Tonnen Asphalt entfernt werden.

Jetzt geht’s an die Brückenkappen

Im nächsten Schritt werden laut Berlenbach die Brückenkappen abgebrochen, also der Randbereich der Trasse mit den Leitplanken und dem Geländer, damit dem Abriss des ersten Teilstücks an Fronleichnam tatsächlich nichts mehr im Weg steht. „Wir beginnen mit dem Abriss, so schnell es geht“, deutete Steinruck an, dass die Bagger eventuell schon Anfang nächster Woche den ersten Beton „zerbeißen“. Die Abrissfirma Moß beherrsche ihr Handwerk und komme sehr rasch voran, bestätigte Berlenbach.

Es wird Tag und Nacht durchgearbeitet

Ursprünglichen Plänen zufolge sollte der etwa 120 Meter lange Brückenabschnitt an der Mundenheimer Straße bis Sonntag, 14. Juni, fallen. Ab Mittwoch, 10. Juni, 16 Uhr, soll die Auffahrt zur Adenauer-Brücke nach Mannheim bis Montag, 15. Juni, 6 Uhr, aus Sicherheitsgründen für den Verkehr gesperrt werden. Bis auf Fronleichnam (9 bis 17.30 Uhr) soll Tag und Nacht durchgearbeitet werden, so Berlenbach.

Bürgerdialog hat begonnen

Begleitet werden die Arbeiten von einem zweiwöchigen Online-Bürgerdialog, der am Dienstag gestartet ist. „Die Corona-Pandemie hat uns gezwungen, unsere Gesprächs- und Informationsangebote anzupassen, weil klassische Foren oder ein Nachbarschaftsmarkt zurzeit nicht möglich sind. Deshalb haben wir unsere bestehenden digitalen Kanäle ausgebaut“, sagte Steinruck.

Bürgersprechstunde live am 9. Juni

Im Mittelpunkt steht die Plattform www.ludwigshafen-diskutiert.de. „Hier haben wir einen Dialograum geöffnet, der es Bürgern ermöglicht, in den intensiven Abbruchwochen Fragen an die Verwaltung zu stellen, die dann schnellstmöglich online und öffentlich beantwortet werden“, so die OB. Für Dienstag, 9. Juni, 18 bis 20 Uhr, lädt die Verwaltung zu ihrer ersten digitalen Bürgersprechstunde ein.

Gemeinsam mit Kämmerer Andreas Schwarz (SPD), kommissarischer Baudezernent, dem künftigen Ressortchef Alexander Thewalt (parteilos) sowie Fachplanern aus den Bereichen Tiefbau und Verkehr steht Steinruck dann live Rede und Antwort. Vorab wird es einen kurzen Vortrag zum Gesamtprojekt geben, ebenfalls unter www.ludwigshafen-diskutiert.de. „Wir betreten damit auch ein Stück Neuland. Ich bin froh, dass es uns gelungen ist, Bürgern ein solches Format anzubieten. Wir werden uns danach fragen, was lief gut, wo können wir etwas verändern oder verbessern? Wir machen damit auch einen Schritt hin zur weiteren Digitalisierung von Verwaltungshandeln“, sagte die OB. Moderiert wird die Live-Sprechstunde von der Agentur Zebralog. Deren Sprecherin Sandra Desernot kündigte an, dass der Dialog via Youtube gestreamt werden wird.

Rosen als kleine Entschädigung

Parallel dazu setzt Steinruck nach wie vor auf den persönlichen Austausch. Anwohner, die nicht online mitmachen möchten oder können, dürfen Fragen schriftlich einreichen. Dieter Jung, der städtische Ansprechpartner vor Ort, hat in der Vorwoche bereits Flyer verteilt, in denen das Dialogverfahren erklärt wird. Sie sind mit einer Antwortkarte versehen. Ausgefüllte Karten nimmt er entgegen – wunschgemäß würden die Fragen dann online gestellt oder schriftlich beantwortet. „Wir suchen den Dialog, aber wir möchten uns bei den Anwohnern auch bedanken für deren Verständnis und deren Geduld“, betonte Steinruck. Bereits am Dienstagnachmittag waren die Beigeordneten Andreas Schwarz und Beate Steeg (SPD, Soziales) im Bereich des Hochhauses Yorckstraße, Thewalt und Steinruck am Mosch-Hochhaus und Markus Lemberger sowie Dieter Jung von der Stadtmarketinggesellschaft Lukom an der Dammstraße unterwegs, um mit einer kleinen Geste „Danke“ zu sagen. „Die Leute sollen auch mal Dampf ablassen können“, meinte die OB vor Ort. Als kleine Entschädigung wurden Rosensträuße verteilt.

„Finanzierung klären“

Derweil fordert die Industrie- und Handelskammer (IHK) für die Pfalz, die Hochstraßensanierungen zu forcieren. Der Altreifenbrand unter der Nordtrasse habe gezeigt, wie fragil und anfällig für Störungen die Verkehrssituation in Ludwigshafen und in der Region sei. Die IHK drängt darauf, die Sanierung der Rheinquerungen mit Hochdruck voranzutreiben. Die Wirtschaft sei zwar erleichtert, dass die Hochstraße Nord weiter für den Verkehr genutzt werden könne. Die aktuelle Corona-Krise dürfe aber nicht dazu führen, dass die Lösung der Infrastrukturprobleme aufgeschoben werde.

„Finanzierung muss geklärt werden“

„Dieses Mal sind wir von einer Sperrung der Hochstraße Nord gerade noch verschont geblieben. Von Glück darf jedoch das Schicksal der Verkehrsadern hier nicht abhängen“, mahnt Nicole Rabold, Leiterin des IHK-Geschäftsbereichs Digitale Wirtschaft. „Jetzt muss alles getan werden, um die Sanierung beider Rheinquerungen zu beschleunigen. Und die Frage der Finanzierung muss endlich geklärt werden.“

Obwohl das Verkehrsaufkommen coronabedingt gesunken sei, bleibe die Lösung der Infrastrukturprobleme eine zentrale Aufgabe. „Das Verkehrsaufkommen wird wieder zunehmen, sobald sich die Konjunktur erholt. Wir dürfen die Wirtschaft in dieser schwierigen Phase nicht noch zusätzlich durch einen jederzeit möglichen Verkehrskollaps belasten“, verdeutlicht Rabold die angespannte Lage regionaler Unternehmen. „Wir werden unsere Straßen weiter als unverzichtbaren Teil eines breit angelegten Verkehrsmixes brauchen“, so Rabold.

Kommentar: Fass ohne Boden

Zum Glück muss die Nordtrasse nicht gesperrt werden. Das hätte den Rückbau der Südtrasse einmal mehr verzögert – und verteuert.

Täglich überqueren die Nordtrasse derzeit 52.500 Fahrzeuge – das sind zwar 6500 weniger als zu Vor-Corona-Zeiten, aber dennoch sehr viele. Wohin damit bei einer Sperrung? Zum Glück muss sich die Stadt dieser Frage nach dem Altreifenbrand nicht stellen. Aber der Vorfall zeigt, auf welch tönernen Füßen der Abrisszeitplan steht. Jeder Tag Verzögerung kostet eine Stange Geld. Ein Thema, über das angesichts des näher rückenden Südrückbaus zuletzt kaum gesprochen wurde. 530 Millionen Euro waren mal für das Nordprojekt im Gespräch. 85 Prozent der förderfähigen Summe (260 Millionen) wollen Bund und Land übernehmen. Nachdem die Probleme bei der Südschwester aufgetaucht sind, sollen beide Vorhaben möglichst zusammen verhandelt, sprich: in einen Topf geworfen werden. Als ob das so einfach wäre. Außer den angeblich positiven Signalen aus den Ministerien liegt nichts Verbindliches vor. Und die Weiße Hochstraße soll ja 2022 ebenfalls saniert werden. In finanzieller Hinsicht ist und bleibt das Ganze ein Fass ohne Boden.

Ortstermin am Dienstagabend an der Hochstraße Süd (von links): die Beigeordneten Schwarz und Steeg, OB Steinruck und der künftig
Ortstermin am Dienstagabend an der Hochstraße Süd (von links): die Beigeordneten Schwarz und Steeg, OB Steinruck und der künftige Baudezernent Thewalt.
Plakat am Bauzaun zum zweiwöchigen Online-Dialog.
Plakat am Bauzaun zum zweiwöchigen Online-Dialog.
Die Lukom-Mitarbeiter Markus Lemberger (links) und Dieter Jung karren die Rosen an, die als kleine Entschädigung an Anwohner ver
Die Lukom-Mitarbeiter Markus Lemberger (links) und Dieter Jung karren die Rosen an, die als kleine Entschädigung an Anwohner verteilt werden.
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