Ludwigshafener Geschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Hobbyradler auf Tour durch die ganze Welt

 1984 führte eine Fernfahrt der Ludwigshafener Hobbyradler auch nach Bonn, wo Bundeskanzler Helmut Kohl eines der damaligen Tour
1984 führte eine Fernfahrt der Ludwigshafener Hobbyradler auch nach Bonn, wo Bundeskanzler Helmut Kohl eines der damaligen Tour-Trikots überreicht bekam.

Insgesamt 42 Freizeit-Radler verabschiedete Ludwigshafens Oberbürgermeister Werner Ludwig (SPD) am 23. Juli 1980 zur ersten zehntägigen Partnerschafts-Radfernfahrt nach Lorient am französischen Atlantik. Es war der Startschuss für eine völlig neue Form der Freizeitgestaltung in Deutschland.

Zwischen Flensburg und Friedrichshafen hatte es nie zuvor einen Radsportverein gegeben, der eine solche aufwendige und von gut trainierten Radamateuren als „unmöglich“ bezeichnete Etappenfahrt für Hobbyradler plante und organisierte. In Ludwigshafen nahm sich damals die Gesellschaft zur Förderung des Radsports (GFR) dieser Herauforderung an und plante eine Tour bei der zwischen Pfalz und Bretagne rund 1200 Kilometer bewältigt werden mussten. Zudem galt es, zu organisieren, dass die Teilnehmer an den Etappenzielen jeweils als geschlossene Gruppe und mitsamt ihren Rädern untergebracht werden.

Das Partnerschaftsbüro der Stadtverwaltung mit dem mitradelnden Hans-Peter Demmer half damals bei der Vorbereitung der Tour, die eigentlich als einmalige Veranstaltung geplant war. Am Ende wurde sie jedoch zur Vorlage für nahezu 100 weitere GFR-Fernfahrten im In- und Ausland, später auch Vorbild für ähnliche Touren anderer Radsportclubs in ganz Deutschland.

Pannen und fehlende Getränke

Mit ihren eigenen Rennrädern gingen die 42 Teilnehmer der Auftakt-Fernfahrt damals auf die Strecke, wurden von einem Fahrzeug für den Gepäcktransport begleitet. Bei einer „Vortour“ einige Wochen zuvor hatten Demmer, der GFR-Radamateur Heinz Hoecker und der spätere CDU-Stadtrat Hermann Wolf Unterkünfte an den Etappenzielen gebucht – nicht immer zur reinen Zufriedenheit der Tourteilnehmer, die einmal sogar aus hygienischen Gründen das angebotene Quartier verließen und auf eigene Rechnung in ein nahes Hotel umsiedelten.

Die Fernfahrt mit Etappenzielen unter anderem in Sarreguemines, Toul, Montargis, Orleans, Angers und Vannes sorgte für die 42 Hobbyradler aber auch in anderer Hinsicht für unvergessliche Momente: Da den Organisatoren damals noch jegliche Erfahrung fehlte, gab es auf der Fahrt Probleme mit der Verpflegung, insbesondere wegen fehlender Getränke unterwegs. Bei Fahrradpannen musste der gesamte Pulk irgendwo stehen bleiben und warten, bis alle Teilnehmer wieder fahrbereit waren – und bei manchen Stadtdurchfahrten gab es auch Differenzen mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Von der Polizei gelotst

Andererseits fühlten sich die Teilnehmer aber auch wie Starter bei der „Tour de France“. Zum Beispiel, als sie in Nancy von zwei Polizei-Motorrädern in Höllentempo durch den Feierabendverkehr gelotst wurden. Am Ziel in der bretonischen Partnerstadt Lorient wartete eine kleine Ludwigshafener Delegation mit OB Ludwig auf die Radler, die nach der 1200-Kilometer-Fahrt von der französischen Stadtverwaltung offiziell empfangen wurde. Dass es bis auf kleinere Blessuren keinen einzigen verletzungs- oder konditionsbedingten Ausfall bei den Teilnehmern gab, verblüffte die Skeptiker, die deshalb erst garnicht mitgefahren waren. Und animierte den damaligen Ludwigshafener Landrat Paul Schädler (CDU), die GFR-Verantwortlichen – nun mit dem Autor dieser Zeilen an der Spitze – zur Organisation einer zweiten Partnerschafts-Radtour. Sie startete am 8. Juni 1981 und endete fünf Tage später in den befreundeten Gemeinden des Landkreises Ludwigshafen in Südtirol.

Südtirol 1981: Pflanzung einer Eiche in Naturns.
Südtirol 1981: Pflanzung einer Eiche in Naturns.

Für die damals 50 Teilnehmer ging es in fünf Etappen über insgesamt 750 Kilometer sogar über die Alpen mit der Silvretta-Hochstraße und dem Reschenpass als sportliche Höhepunkte. In Schlanders, Naturns, im Schnalstal und im Martelltal wurden zur Erinnerung an diese Tour deutsche Eichen gepflanzt – zwei von ihnen stehen nach über 40 Jahren noch heute in inzwischen vollem, mächtigem Wuchs.

Empfang beim Kardinal

Die GFR Ludwigshafen hatte mit den beiden damaligen Etappen-Fernfahrten Neuland betreten und baute ihren Erfahrungsschatz in den folgenden 30 Jahren kontinuierlich aus. Allein sechsmal ging es zum „Städtele-Fest“ in Waldshut am Hochrhein, wo sich bei der Südtirolfahrt mit dem dortigen Veloclub eine Sportfreundschaft entwickelt hatte. Ebenfalls sechsmal waren das österreichische Burgenland mit Mörbisch am Neusiedler See und Wien das Ziel, fünfmal ging es quer durch Frankreich entlang der schlösserreichen Loire in die bretonische Partnerstadt Lorient.

Bei der ersten „Wien-Tour“ 1983 mit dem Motto „Von Dom zu Dom – Speyer-Wien“ gab es mit 84 Fahrern einen Teilnehmer-Rekord und einen Empfang durch den 78-jährigen damaligen österreichischen Kardinal Franz König in seiner Wiener Residenz. Die GFR-Radler fielen überall wegen ihrer meist einheitlichen Trikots auf, für die immer wieder Firmen als Sponsoren gefunden werden konnten.

Strecken bis 3500 Kilometer

Touristische Höhepunkte gab es in den rund 30 Jahren der GFR-Aktivitäten in diesem Bereich bei jeder Tour, denn Endziel und Etappenorte wurden auch unter diesem Blickwinkel ausgewählt. Das war bei mehreren Frankreich-Touren, die teilweise drei Wochen dauerten und Strecken bis zu 3500 Kilometern Länge umfassten, kein Problem. Ebensowenig bei einer über 3000 Kilometer langen Deutschland-Rundfahrt im Jahr 1985, einer Tour nach Budapest (1989), ins Salzkammergut (1991), nach Burgund (2001) oder entlang der Elbe (2004).

GFR-Radfernfahrt an die Ostsee im Jahr 2007.
GFR-Radfernfahrt an die Ostsee im Jahr 2007.

Zu den absoluten Höhepunkten gehörten indes der TV-begleitete Fünf-Tage-Besuch beim damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl mit 54 Teilnehmern in Bonn (1984), eine anspruchsvolle Alpenpässe-Fahrt von Bregenz nach Mörbisch mit dem fast 3800 Meter hohen Großglockner als Highlight (1986) und eine Drei-Wochen-Tour mit 42 Teilnehmern am Pazifik entlang von San Francisco in Kalifornien und Mexicali in Mexiko nach Arizona (1989). Weil schließlich der „harte Kern“ der GFR-Radfernfahrer immer kleiner und der verbliebene „Rest“ immer älter wurde, beendete die Gesellschaft zur Förderung des Radsports dieses Freizeitprogramm im Jahr 2010.

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