Ludwigshafen
Hitzetage in der City: Zu viel Beton, zu wenig Grün
Wer diese Woche in der Ludwigshafener Innenstadt unterwegs war, hat es am eigenen Leib gespürt: In der Sommersonne wird es unerträglich heiß. Der Theaterplatz, der Berliner Platz oder der Bürgerhof sind zugepflastert – Bäume spenden hier keinen Schatten. Nach Sonnenuntergang strahlt der erhitzte Beton in der City Wärme ab. Die Folge: Tropische Nächte mit über 20 Grad, die Innenstadtbewohner nur schlecht schlafen lassen.
Beim „Hitze-Check“ der Lobbyorganisation Deutsche Umwelthilfe hat Ludwigshafen zusammen mit insgesamt 24 Städten im Bundesgebiet die „Rote Karte“ bekommen. Ludwigshafen ist dabei laut Umwelthilfe im Deutschlandvergleich am stärksten versiegelt (57,7 Prozent). Die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation hat Satellitendaten ausgewertet und verglich Flächenversiegelung und Grünausstattung von 190 Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern. Der Begriff Flächenversiegelung bedeutet, dass der Boden abgeriegelt wird durch Beton, Asphalt, Steine. Mit negativen Folgen fürs Klima und die Versickerung von Regenwasser – sowie für die Gesundheit der Bewohner, die unter Hitze leiden.
Viele Industrieflächen
Ludwigshafen hat bereits in der Vergangenheit bei ähnlichen Rankings schlecht abgeschnitten, was auch daran liegt, dass das Stadtgebiet mit knapp 77 Quadratkilometern vergleichsweise klein ist – Mannheim verfügt über doppelt so viel Fläche. Hinzu kommt: Viele große Industriefirmen haben ihren Sitz in Ludwigshafen – unter anderem die weltgrößte Chemiefabrik. Die BASF nimmt alleine eine Fläche von rund zehn Quadratkilometern im Stadtgebiet ein.
Darauf bezieht sich auch die Stadtverwaltung, die das Ergebnis der Umwelthilfe-Studie so einordnet: „Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass in Ludwigshafen der Versiegelungsgrad in den Wohnsiedlungsbereichen nicht wesentlich anders ist als in anderen Städten. Ein wesentlicher Faktor ist der Anteil an Industrie und verarbeitendem Gewerbe in unserem Siedlungsgebiet, der sehr hohe Versiegelungsgrade aufweist.“ Die Stadt weist auf die Vorschriften für diese Betriebe hin, die ihre Fläche versiegeln müssten, um eine Belastung des Grundwassers durch Schadstoffe zu vermeiden – falls bei der Produktion, Lagerung oder Transport etwas austritt. Ähnliches gelte auch für Bereiche, wo sich Altlasten im Erdreich befinden und das Grundwasser geschützt werden müsse. Dort, wo eine Reduzierung der Flächenversiegelung möglich sei, werde dies auch gemacht, führt die Verwaltung an.
Kritik von Naturschützern
Der hohe Versiegelungsgrad des Stadtgebiets ist gleichwohl zu einem Politikum geworden: Zu viel Beton und zu wenig Grün, lässt sich die Position von Naturschützern zusammenfassen. Die örtlichen Natur- und Umweltschutzorganisationen BUND, Nabu, Orbea und Pollichia kritisieren: „Es passiert leider viel zu wenig!“ Dabei belegten immer mehr Studien, dass eine überhitzte Stadt nicht nur zu körperlichem Unwohlsein bei den Bewohnern führen, sondern auch mit einer erhöhten Sterblichkeit bei bestimmten Personengruppen einhergehen könne.
Ludwigshafen reagiere darauf nur zögerlich. „Zu sehr werden weiter viel zu viele große und kleine Grün- und Freiflächen bebaut oder für die Bebauung vorgesehen, als ob es keinen Klimawandel oder innenstädtischen Hitzestress geben würde“, kritisieren die örtlichen Naturschützer Sabine Laubner-Draheim (BUND), Michael Edinger (Naturschutzbund), Klaus Eisele (Orbea) und Johannes Mazomeit (Pollichia) in einer gemeinsamen Erklärung.
Konkrete Forderungen
Die Stadtplanung müsse mit einer Klimaanpassungstrategie auf die Entwicklung reagieren. So sei geplant, die klimasensible „Entwicklungsachse West“ mit der Heinrich-Pesch-Siedlung (West), einem neuen Gewerbegebiet sowie dem Neubaugebiet Paracelsusstraße-Süd (Oggersheim) durchgehend über fast zwei Kilometer Länge zu bebauen. Hinzu komme die geplante angrenzende Bebauung an der Bayreuther Straße.
Die Naturschutzverbände fordern deshalb, dass Neubaugebiete von der Stadt nicht mehr ausgewiesen werden sollten, bis ein in Arbeit befindliches Klimagutachten vorliegt. Weiterhin müsse es ein ökologisches Prüfverfahren „vor der Vernichtung von Grün-, Gehölz- und Freiflächen“ geben. Weitere Forderungen sind ein systematisches Entsieglungskonzept der Stadt, eine Baumschutzverordnung sowie ein Begrünungskonzept unter Berücksichtigung von Dach- und Fassadenbegrünung.
Einiges in Planung
Die Verwaltung verweist auf eine Stadtklimaanalyse, an der für ein Klimaanpassungskonzept gerade gearbeitet werde. Schwerpunkt sei dabei die Überhitzung von Stadtgebieten. Bereits jetzt werde schon einiges für den Klimaschutz getan: So müssten Bauherren bei einer Neubebauung eine Reduzierung der an die Kanalisation angeschlossenen befestigten Fläche um mindestens 20 Prozent durch Dachbegrünung oder andere Versickerungsmöglichkeiten sicherstellen. Es gebe außerdem ein städtisches Baumpflanzprogramm. Ein Trinkbrunnen sowie zusätzliche Bepflanzungen mit schattenspendenden Bäumen seien an einem Spielplatz im Hemshof angedacht. Auch im Schulzentrum Mundenheim sollen Flächen entsiegelt und begrünt werden. Finanziert werde dies über das Kommunale Investitionsprogramm Klimaschutz und Innovation des Landes Rheinland-Pfalz (KIPKI).
Außerdem soll es ein Förderprogramm für Ludwigshafener Bürger geben, die Flächen auf ihren Privatgrundstücken entsiegeln und begrünen wollen. Bei den städtischen Plätzen plant die Verwaltung, mit gutem Beispiel voranzugehen: So solle es Trinkwasserbrunnen und Verschattungen auf dem Theaterplatz, Karl-Kornmann-Platz, Bürgerhof und dem Hans-Klüber-Platz geben – wenn es dafür Fördergelder gibt.
Mehr Grün durch City West
Die Stadt verweist ferner darauf, dass schon länger Klimaschutz bei Bauprojekten betrieben werde: So sei beispielsweise beim Bau des Gewerbegebiets Westlich B9 eine Dachbegrünung vorgeschrieben worden. Während der Stadtsanierung im Hemshof seien im großen Umfang Hinterhöfe entkernt und begrünt worden. Dabei sei auch der Hemshofpark mit rund einem Hektar Fläche entstanden. Aus einer ehemaligen Industriefläche wurde der Friedenspark mit einer Fläche von neun Hektar.
„Großflächige Entsiegelungen sind nur in größeren Sanierungsbereichen und ehemaligen Industriestandorten gut möglich“, führt ein Stadtsprecher an und verweist auf das Rheinufer Süd, wo auf dem ehemaligen Halberg-Gelände und am Luitpoldhafen im Stadtteil Süd Wohnhäuser gebaut wurden, was die vorherige Versiegelung um rund 50 Prozent reduziert habe. Die entsiegelte Fläche sei elf Hektar groß, was der Größe von elf Fußballfeldern entspricht. Auch in Rheingönheim seien bei der Renaturierung und Altlastensanierung am Brückweggraben rund 2,5 Hektar entsiegelt worden. Nach dem Abriss der Hochstraße Nord sollen im neu entstehenden Stadtviertel City West ebenfalls große Flächen von Beton befreit und begrünt werden – das wird allerdings erst in den 2030er-Jahren stattfinden.
Grau will Geld bereitstellen
Klimaschutz kostet auch Geld. Für die hochverschuldete Stadt Ludwigshafen stellt der grüne Bundestagsabgeordnete Armin Grau Bundesfördermittel in Aussicht: „Entsiegelung und Begrünung müssen konsequent fortgesetzt werden. Das ist teuer, und Bundesfördermittel müssen dafür auch nach der nächsten Bundestagswahl ausreichend zur Verfügung gestellt werden. Dafür müssen wir in Berlin sorgen.“ Der Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe bestätige, dass Ludwigshafen in Sachen Klimaanpassung nicht gut dastehe – trotz der bereits erfolgten Projekte. Matthias Jurczak von der Grünen-Stadtratsfraktion spricht von gravierenden Mängeln: „Wir müssen dringend handeln, um Ludwigshafen zu einer lebenswerten und hitzeresilienten Stadt zu machen.“