Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Heiligabend am Mannheimer Hauptbahnhof: Wer hilft, wenn am Gleis die Not groß wird?

Die Krippe als Hoffnungszeichen: Wer an Weihnachten am Hauptbahnhof strandet, findet Hilfe bei der Bahnhofsmission.
Die Krippe als Hoffnungszeichen: Wer an Weihnachten am Hauptbahnhof strandet, findet Hilfe bei der Bahnhofsmission.

Heiligabend an Gleis 1: Ein heißer Kaffee, gute Worte, Hilfe für Blinde, Ältere und Verlorene. Dem Trubel folgt Stille. Doch zwischen Ruhe und Not liegt oft nur ein Schritt.

Die Hektik weicht der Stille. Auf den letzten Trubel des Jahres, mit Reisenden voller Gepäck, kehrt eine leise und auf ihre Art besinnliche, ruhige Nacht ein. Heiligabend am Mannheimer Hauptbahnhof: Das ist für viele Fahrgäste ein kurzes Warten am Bahnsteig, eine Familienfahrt in vollen Zügen. Für andere Besucher aber ist der Umsteigeplatz ein letzter Zufluchtsort, ein Anker vor der Einsamkeit und Station der guten Hoffnung.

„Es liegt etwas in der Luft. Eine gewisse Vorfreude, man spürt es einfach. Die Leute fahren zu ihren Familien statt zur Arbeit“, sagt Ursula Baues über die Stimmung am Hauptbahnhof kurz vor Weihnachten. Die ganze Adventszeit über ist die Bahnhofsmission festlich geschmückt. Gibt es eine Andacht, Sternebasteln, ein gemeinsames Singen, ein Besuch vom Kinderchor, kleine Geschenke, einen Tannenbaum, eine große Holzkrippe in der Halle und einfach weit mehr als den sonst üblichen, wärmenden Kaffee für Menschen in Notlagen.

„Wir wissen nicht, wer kommt, aber wir sind da“, sagt Bahnhofsmissions-Koordinatorin Ursula Baues (rechts), hier mit Teamkollege
»Wir wissen nicht, wer kommt, aber wir sind da«, sagt Bahnhofsmissions-Koordinatorin Ursula Baues (rechts), hier mit Teamkollegen Torsten Töngi und Edeltraud Ley.

Die Koordinatorin der direkt am Gleis 1 gelegenen sozialen Einrichtung der Caritas weiß, dass ihre ehrenamtlichen Helfer in der Christnacht manchmal die einzigen Kontakte, dass die Präsente wie Thermobecher, Süßes und etwas zum Trinken oft die einzigen Geschenke sind. Die andere Hauptaufgabe sind Umsteigehilfen. Für Blinde, für Rollstuhlfahrer oder Senioren mit Rollator, die sich vor den hohen Tagen auf den Weg zu ihren Liebsten, zu Freunden und Verwandten machen.

Ein Gast aus Lettland steht ohne Papiere da

Manche Fahrgäste melden sich jedes Jahr zur gleichen Zeit an. „Wir müssen aber auch schauen, ob Menschen am Bahnhof verloren gegangen sind“, erklärt die Leiterin. Kurz vor Weihnachten haben sie und ihr Team alle Hände voll zu tun: Ein Gast aus Lettland steht ohne Papiere da und muss schnell zur Botschaft nach Frankfurt. Ein anderer Besucher ist aus einer Einrichtung in Luxemburg ausgebüxt, möchte wieder zurück, weiß aber nicht wie. „Zwei Telefonate, und er konnte im Zug sitzen. Es ist schön, wenn man die Menschen auf den richtigen Weg bringen kann“, sagt Baues.

In solchen Fällen wird die ebenfalls am Gleis 1 gelegene Bundespolizei gerufen. Auch die Bahnstreife ist an Weihnachten unterwegs. „Es ist ein Dienst wie sonst auch, mit Lagebesprechung, Rundgängen – doch die Stimmung ist anders“, sagt Sven Walter, der an Heiligabend Nachtschicht haben wird. „Tagsüber gibt es noch ein erhöhtes Reiseaufkommen, viele Familien mit Kindern.“ Statt Pendler mit Rucksäcken oder Geschäftstaschen warten vermehrt Gäste mit Trolleys und zum Teil auch mit Geschenken am Steig. Ein wachsames Auge hat der Polizist daher auf mögliche Gepäckdiebstähle.

Die Bundespolizei achtet zur Weihnachtszeit auf Gepäckdiebstähle. Es kam schon vor, dass Omas Geschenk am Gleis gestohlen wurde.
Die Bundespolizei achtet zur Weihnachtszeit auf Gepäckdiebstähle. Es kam schon vor, dass Omas Geschenk am Gleis gestohlen wurde.

„Es ist schon passiert, dass Omas Geschenk für den Enkel gestohlen wurde. Das kann einen ideellen, aber auch einen materiellen Wert haben, wenn es sich dabei um ein I-Pad handelt“, sagt er und rät dazu, auf Koffer und Co. zu achten. „Auch für Diebe ist Weihnachten lukrativ“, meint Walter. Gerade rund um das Fest würden erwärmte Herzen und Nächstenliebe durch sogenannte Traveler Scams ausgenutzt. „Das sind Leute, die verzweifelt nach Geld für das Zugticket fragen und versprechen, sie würden es überweisen, was natürlich nicht passiert“, warnt er vor Trickbetrügern.

Auch auf den Schienen ist noch mal viel los. „Alles, was rollen kann, ist unterwegs. Aber es entzerrt sich in diesem Jahr, es ist nicht so gebündelt wie sonst“, sagt Bahnhofsmanagerin Andrea Kadenbach über das hohe Reiseaufkommen vor den Festtagen. Schon ein paar Tage zuvor wirken die Schritte gemächlicher, erreicht der Hauptbahnhof zum ersten und letzten Mal im Jahr seinen Ruhepuls. „Die Anspannung löst sich an Weihnachten spürbar. Kolleginnen und Kollegen, die im Einsatz sind, bekommen häufiger ein Lächeln oder auch mal Plätzchen von Stammkunden geschenkt“, verrät Kadenbach.

Das ist niemand, der wartet und die Einsamkeit groß

Im Bahnhofsbuchhandel in der unteren Etage hingegen werden noch auf den letzten Drücker Geschenke gekauft. „Noch am Vortag trudeln Bestellungen ein, wir haben bis zum Schluss viel zu tun, mit Einpacken und frohe Weihnachten wünschen, es wird mehr gekauft als nur geguckt“, sagt eine Verkäuferin. Auch bei fehlenden Lebensmitteln fürs Weihnachtsmenü sind die Läden am Hauptbahnhof aufgrund längerer Öffnungszeiten manchmal der Notnagel.

Abends aber flacht das Aufkommen stark ab, kehrt wirklich eine stille Nacht in der großen Halle ein. Selbst die kleinen Tabakläden und Bäckereien schließen, der Bahnhof wird zum schlafenden Riesen aus Stein und Glas. Ursula Baues hat an Feiertagen eigentlich keine Rufbereitschaft, über die Weihnachtstage aber schon. „Am Bahnhof stranden auch Menschen, die einsam und verlassen sind, die nicht wissen, wohin. Der Hauptbahnhof ist so ein Pflaster, ein letzter Zufluchtsort, die Hoffnung auf etwas Besseres. Manche Leute steigen in Ulm ein und denken in Mannheim wird alles gut. Aber da steht niemand, der auf sie wartet“, erklärt sie.

Obwohl auch das ehrenamtliche Personal gerne Weihnachten feiern möchte, ist die Bahnhofsmission an Heiligabend gut besetzt. „Wir müssen vermehrt schauen, wie es den Leuten draußen geht. Die Tage von Weihnachten bis Silvester sind die Tage, an denen man gerne bei der Familie wäre. Wenn man die nicht hat, ist das Gleis ziemlich nah. Es ist nicht für jeden nur eine Freude, dass Weihnachten kommt“, sagt Baues über die psychische Belastung, über eine Einsamkeit und Gefühle der Verlassenheit, die Ende Dezember besonders schmerzen.

Gerade diesen Menschen möchte man über die stillen Tage ein kleines Fest bereiten, den viel zitierten Geist der Weihnacht mit Leben füllen. Doch die Stimmung ist auch im Team getrübt. „Eigentlich geben wir direkt an Heiligabend Geschenke aus. Aber letztes Jahr bin ich deprimiert nach Hause gegangen. Menschen, die wir noch nie gesehen haben, sind durch die Stadt gezogen und haben in den sozialen Einrichtungen Adventsgeschenke abgegriffen. Was sie nicht gebrauchen konnten, landete in den Mülltonnen“, verrät sie.

Daher zog man die Bescherung diesmal vor. Nach einem gemeinsamen Basteln von Sternen, frischen Waffeln und einer Weihnachtsgeschichte wurden die regelmäßig kommenden Gäste schon am 18. Dezember mit Geschenken überrascht. An Heiligabend sind die Türen dennoch geöffnet. „Es kann total ruhig, friedlich und entspannt sein. Die Not kann aber auch sehr groß sein, wenn etwa das Frauenhaus kontaktiert werden muss, wenn ein tragisches Ereignis den ganzen Tag überschattet“, sagt Baues, die sich auf alles einstellt. „Wir wissen nicht, wer kommt, aber wir sind da.“

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