Ludwigshafener Geschichte(n)
Hauptbahnhof LU – vom Prestigeobjekt zum Schandfleck
Nur wenige Jahrzehnte später hatte der Bahnhof im Westen der Innenstadt an Bedeutung verloren. Der Euphorie war schnell die Ernüchterung gefolgt. Der desillusionierte frühere Oberbürgermeister Werner Ludwig (SPD) schrieb bereits 15 Jahre nach der Eröffnung 1984 in einem „Brandbrief“ an die Bahn-Oberen: „Der Bahnhof ist ungepflegt, unsauber, ungastlich und unattraktiv. Ganz gewiss kein Aushängeschild für die Stadt...“
Genau ausgerechnet hat es wohl noch keiner, aber die Verlegung des Hauptbahnhofs aus der Innenstadt an den Westrand der City dürfte mit allen Baumaßnahmen im Umfeld rund 300 Millionen Mark gekostet haben. Ums Jahr 1970 war das eine schier unglaubliche Summe. Geplant wurde beim Baubeginn 1962 mit Kosten von „etwa 90 Millionen Mark“, von denen die Bahn zwei Drittel, die Stadt ein Drittel tragen sollten. Doch die Baukosten liefen aus dem Ruder und als 1969 eine erste Bilanz gezogen wurde, hatten sie sich auf etwa 124 Millionen Euro erhöht.
Finanzielle Hilfe
Bund und Land übernahmen die Mehrkosten – aber rund um den Bahnhof und seinen ab 1972 endgültig verschwundenen Vorgänger auf dem Gelände des heutigen Rathaus-Centers hatten sich weitere Kosten für Straßen und Verkehrswege summiert, so dass am Ende die Stadt mit 190 Millionen Mark an dem Projekt beteiligt war. Schon damals schwante dem städtischen Oberbaudirektor Georg Ziegler: „Der neue Bahnhof hat eine nicht gerade ideale Lage.“ Und die Sprecher des Innenstadt-Einzelhandels brachten es auf den Punkt: „Wir befürchten eine Verödung der City.“
Zunächst konnten die Verantwortlichen trotz aller Kritik gut mit der Dreiecks-Konstruktion im Stadtwesten leben. Immerhin hielten 1969 noch 76 D-Züge in Ludwigshafen. Heute ist der einstige Hauptbahnhof als „Eingangstor“ in die Stadt verödet. Es hält dort kaum noch ein „wichtiger“ Zug. Die Bahn nahm 2003 gewissermaßen als Korrektur der einstigen Fehlplanung den Bahnhof Ludwigshafen-Mitte in Betrieb und schloss gleichzeitig die Fahrkartenschalter im alten Bahnhof, wo es ab 2006 nicht einmal mehr Toiletten gab.
Viele Gründe für den Bau
Wie kam es zu der gigantischen Fehlplanung? Als die Stadt 1962 den Bau der zweiten Rheinbrücke nach Mannheim, die Kurt-Schumacher-Brücke, plante, stand der alte Bahnhof im Weg – ein am 11. Juni 1847 eröffneter Kopfbahnhof. Der war schon längst auch verkehrstechnisch überholt und sollte nach ersten Plänen von 1915 durch einen Durchgangsbahnhof ersetzt werden, dessen Schienen über oder unter dem Rhein nach Mannheim weitergeführt werden sollten. Die beiden Weltkriege verhinderten jedoch ernsthafte Planungen .
Die Stadt wollte zunächst den Bahnhof mit einer Verkehrsrampe überbauen – doch die Bahn legte ein Veto ein: Die Stellwerke hätten dann keine Sicht mehr auf die Anlagen. Am 14. Februar 1962 wurde schließlich eine Vereinbarung getroffen – die Rechtsgrundlage für die Verlegung der Bahn nach Westen. Noch im selben Jahr begann der Bau – der statt fünf schließlich sieben Jahre dauerte und sich um 20 bis 30 Prozent gegenüber den Planungen verteuerte. Doch mit dem Mega-Projekt schienen viele Probleme gelöst: Die Bahn musste die Fernzüge nicht mehr in Ludwigshafen umkoppeln - die Stadt konnte die zwei getrennten Stadtteile Nord und Mitte miteinander verbinden, die ein Viadukt verband, das den Verkehr nicht mehr bewältigen konnte.
Probleme von Anfang an
Doch der „modernste Bahnhof Europas“ kämpfte schon von Beginn an mit massiven Problemen: Fahrgäste mussten für das Umsteigen oft mehrere hundert Meter zurücklegen und dabei Rolltreppen benutzen, die nicht immer funktionierten. Die vier Verkehrsebenen – zwei Gleisebenen, die Straße und die Straßenbahn – waren nicht optimal miteinander verbunden. Immerhin bekam Ludwigshafen ein neues Wahrzeichen: Die über 70 Meter hohe Pylon-Schrägseilbrücke über dem Hauptbahnhof wurde stadtbildprägend.
Über die Brückenkonstruktion floss der Verkehr auf der Bundesstraße 37. Doch die Hochstraße Süd ist heute ein Sanierungsfall. Das erste Teilstück, die Pilzhochstraße, wurde wegen Einsturzgefahr abgerissen. Die Erneuerung des Hochstraßensystems und der Abriss des Rathaus-Centers sind geplant. Ein Projekt, das nach jüngsten Schätzungen 1,5 Milliarden Euro kosten könnte. Den Stadtplanern könnte ein Blick ins Geschichtsbuch helfen: Mega-Projekte können aus dem Ruder laufen und eine Stadt negativ verändern.