Ludwigshafen Hardbop und Buddhismus
Beim Mannheimer Jazzlabel Personality Records hat der in Los Angeles lebende Schlagzeuger Trevor Anderies sein Album „Samsara“ veröffentlicht. Der US-Musiker hat dafür ein „europäisches Quartett“ zusammengestellt. Dem gehört auch Saxophonist Johannes Müller an, der in Mannheim studiert hat. Herausgekommen ist eine exzellente Produktion mit zeitgenössischem Jazz.
Trevor Anderies ist kein Musiker, der sich schnell in einer Stilschublade unterbringen ließe. Mit seinen unterschiedlichen Ensembles bewegt er sich zwischen Hardbop, freier Improvisation, Folk und Rock. Die Vielfalt fand sich schon in seiner Ausbildung, da zählten nicht nur gestandene Jazzer wie Joe LaBarbera, Bennie Maupin und Art Lande zu seinen Lehrern, sondern auch der ghanesische Meistertrommler Alfred Ladzekpo und der nordindische Tabla-Virtuose Swapan Chaudhuri. Der junge Musiker, der mit den Lehren des Buddhismus aufgewachsen ist, geht offenbar gern die verschlungenen Wege, auch die Vorgeschichte seines neuen Quartetts reicht ein paar Jahre zurück. 2006 begegnete er im italienischen Siena dem aus dem Saarland stammenden Saxophonisten Johannes Müller. Man blieb in Kontakt, aber erst vor drei Jahren kam es zu einer gemeinsamen Tour, bei der auch der französische Kontrabassist Gautier Laurent und der deutsche, in Amsterdam lebende Pianist Christian Pabst mit von der Partie waren. Noch mal ein Jahr später ging man nach Darmstadt ins Studio und spielte die nun veröffentlichten Stücke ein. Dafür war dann aber noch mal eine Crowdfunding-Aktion nötig, bei der man Unterstützer fürs neue Album und die damit verbundene Promotion-Tour suchte. Dass man bei Thomas Sifflings Mannheimer Label landete, ging auf eine Empfehlung von Johannes Müller zurück, der dort schon ein Album produziert hat. Die mühevolle Vorbereitung hat sich gelohnt. Gleich das dem alten Schlagzeuglehrer von Anderies gewidmete Eröffnungsstück „Romaine’s Hang“ geht mächtig los, eine fast klassische Hardbop-Nummer mit Walking-Bass, einem Saxophon, das wie der Teufel durch die Akkordfolgen jagt, und einem Piano, das seine Improvisationen in raumgreifender Fülle platziert. Alles natürlich angetrieben von einem überraschend subtil, dabei mit höchster Präsenz arbeitenden Schlagzeug. Dass die vier Musiker einige Zeit auf Konzerttour zusammen verbracht haben, kann man hier gut hören. Das Zusammenspiel ist perfekt, jeder Rhythmuswechsel sitzt, der Sound ist griffig und rund. Die Hälfte der Stücke stammt von Anderies, eines von Müller, drei sind Standards. Aus Ornette Colemans „Broken Shadow“, im Original eine Kollektivimprovisation von vier Bläsern, wird eine gedankentiefe Ballade mit gestrichenem Kontrabass, einem nervös zirkulierenden Schlagzeug und Müllers Tenorsaxophon, das hier den kompletten Weltschmerz zu schultern scheint. Thelonious Monks „I Mean You“ klingt dagegen wie eine fröhliche Vaudeville-Nummer, und bei Gene de Pauls „You don’t Know What Love Is“ kann man sich das Quartett auch in einer mitternächtlichen Hotelbar vorstellen, wo liebeskranke Männer starke Drinks benötigen, um dunkle Gedanken über verflossenes Glück loszuwerden. Dass dies ein Schlagzeuger-Album ist, wird einem in keinem Augenblick mit Hammerschlägen eingebläut, trotzdem ist das verblüffend unauffällige, dabei fantasievoll komplexe Spiel von Anderies jederzeit im Zentrum des Geschehens. Ein fein geknüpfter Teppich aus Sounds und Beats wird da ausgebreitet, der den anderen sicheren Stand und fortwährende Inspiration bietet. Der Titel „Samsara“ stammt aus der Welt des Buddhismus und bezeichnet das beständige Werden und Vergehen. Das passt ganz gut zu diesem Album, dessen Musik so farben- und stimmungsreich ist wie das Leben selbst. CD-Tipp Trevor Anderies, „Samsara“, Personality Records in Mannheim.