Leute in Lu
Hans Peter Kaub ist auf dem Wasser zu Hause
Schon immer engagiert sich der 65-Jährige ehrenamtlich, sei es bis zu seiner Rente gewerkschaftlich als Vorsitzender der Vertrauensleute bei der BASF oder nach wie vor politisch in der SPD Altrip als Co-Vorsitzender. Auf tausend Hochzeiten tanzen, das ist und war von jeher allerdings nie sein Ding. Eines nach dem anderem. „Ich habe immer geschaut, dass mich das Ehrenamt nicht auffrisst und genug Zeit für die Familie bleibt“, erklärt der zweifache Familienvater. Die Tochter und der Sohn sind mittlerweile jenseits der 30.
Kaub machte zunächst eine Ausbildung zum Physiklaboranten, arbeitete jahrzehntelang in einem physikalischen Forschungslabor bei der Anilin, dessen Leitung er im Laufe der Zeit übernahm. „Was machst du jetzt, wenn du zuhause bist?“, fragte er sich vor rund vier Jahren. Als sich Harald Kempf nach elfjähriger Tätigkeit als Vorsitzender der Paddler-Gilde entschied, den Posten abzugeben und in die zweite Reihe zu rücken, da war Kaub da. Ob er sich das Amt vorstellen könne, wurde der Altriper gefragt. Die Antwort: Ja.
Über 200 Mitglieder
„Ich wusste, dass ich einen hervorragend geführten Verein übernehme“, sagt der 65-Jährige, wohlwissend, dass er den Job nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag machen wird. „Zehn Jahre im Vorstand ist, glaube ich, eine ganz gute Zahl. Ansonsten entwickelt sich ein Verein nicht weiter und es gibt keinen Fortschritt mehr“, unterstreicht der gebürtige Ludwigshafener, der in der Ernst-Reuter-Siedlung aufwuchs. Über 200 Mitglieder hat die Paddler-Gilde Ludwigshafen derzeit. Die Corona-Pandemie konnte dem Verein nichts anhaben. „Unsere Mitgliederzahl ist stabil geblieben“, betont der neue Vorsitzende. Wer hier Mitglied wird, bleibt meist lange, ziemlich lange.
Kaub und seine Frau Katharina beispielsweise sind seit vier Jahrzehnten Teil der Gemeinschaft. Als sie seinerzeit auf der Suche nach einem Klub waren, in der sie ihre Leidenschaft fürs Kanufahren ausleben können, landeten sie bei der Paddler-Gilde, dem Traditionsverein, der 1933 gegründet und nur wenige Monate später von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet wurde und heute am Kief’schen Weiher, bei Rheinkilometer 418,3, sein Gelände hat. Ein Areal, auf das Kaub stolz ist. Nur ein paar Kilometer weg vom pulsierenden Leben der Stadt ist hier eine Oase der Ruhe. Die Paddler-Gilde versteht sich als Anlaufpunkt für breitensportorientierte Kanuten.
Viele Jugendliche
Der Jugendbereich brummt. Meist um die 15 Kinder und Jugendliche kommen mittwochs ins Training. „Mir war es immer wichtig, dass der Jugendbereich autark ist“, untermauert Kaub, der in seiner Anfangszeit bei der Paddler-Gilde selbst drei Jahre lang Jugendwart war. Viele Vereine würden sich allerdings zu sehr auf die Nachwuchsarbeit fixieren, merkt er an. „Dabei ist gerade Kanufahren eine Sportart für alle Altersklassen.“ Ihr ältester Paddler ist immerhin schon jenseits der 80. „Offensichtlich hält der Sport jung“, meint Kaub, selbst ein leidenschaftlicher Kanute, der allerdings momentan mittwochs, dem Haupttrainingstag, kaum noch dazu kommt, selbst ins Boot zu steigen. „Meistens sind dann so viele Sachen zu klären.“ Lachend erzählt er von einem Sportangebot des Vereins, das sie gerne auch mal umgangssprachlich „betreutes Paddeln“ nennen. Das sind dann die „alten Hasen“, in der Regel 70 Jahre alt und darüber, die sich im Laufe des Tages zum gemeinsamen Sporteln auf dem Wasser verabreden.
Auf dem weitläufigen Gelände lässt sich so einiges treiben: Tischtennis, Seniorengymnastik und mehr. Aber natürlich ist der Fokus aufs Kanufahren gerichtet: Mal geht es auf den Wildwasserkanal nach Hüningen, nach Sault Brenaz oder an die Ardèche. Und auch die angrenzenden Flüsse sind vor der Paddler-Gilde nicht sicher.
Soziales Engagement
Zwei Mal im Jahr steht zudem ein sogenannter Ökotag auf der Agenda. Dann wird nicht nur gemeinsam das Vereinsgelände gereinigt, sondern auch das Flussufer des Rheins und des Kief’schen Weihers. Der selbstzubereitete Erbseneintopf schmeckt dann nach getaner Arbeit gleich doppelt so gut. „Wie kaum eine andere Veranstaltung fördern die Ökotage das soziale Miteinander im Verein“, macht Kaub deutlich.
Überhaupt spielt der soziale Aspekt bei der Paddler-Gilde eine große Rolle. Die Angebote für Schulklassen und Organisationen sind eine Herzensangelegenheit des 65-Jährigen. Gerade Kinder, die nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens stehen, genießen die Auszeit auf dem Wasser. Kinder vom Ludwigshafener Zentrum für individuelle Erziehungshilfen (Luzie) durften unter Anleitung von Kaub ebenso schon ins Kanu steigen wie auch Schüler der Schlossschule. Mit einer Jugendgruppe des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim pflegt der Klub eine Kooperation. Die Paddler-Gilde verstehe sich als egalitärer Verein über Grenzen hinweg, betont Kaub. Unabhängig von Alter, Bildungsstand oder Herkunft – in einem 7er-Canadier sitzen schließlich alle in einem Boot. Wasser mit seiner Unberechenbarkeit mache demütig, unterstreicht er. Egal wen.