Ludwigshafen Hölzer hacken mit Gefühl

An die Grenze der Belastbarkeit haben mehrere hundert Besucher den Musikverein Otterstadt beim 35. Stickelspitzerfest vergangene Woche gebracht. Die rund 40 Helfer meisterten den Kraftakt allerdings letztendlich souverän, genauso wie die 18 Teilnehmer beim Stickelspitzen. Sieger wurde Michael Böhm.
. Fünf, sechs Schläge mit der Axt, mehr brauchen Thomas Berthold und Werner Böhm nicht. Mit Schwung rammen sie synchron ihre Stickel in die Vorrichtung, das angespitzte Stück Holz lässt das Markierungsfähnchen klirrend gegen das Metall schlagen, während Kontrahent Michael Wolf – immer noch am Hackklotz – nur tatenlos zusehen kann. Zu dessen Verteidigung muss gesagt werden, dass er in dieser ersten Vorrunde beim 35. Otterstadter Stickelspitzerfest gegen zwei bereits mehrfache Stickelspitzerkönige anzutreten hatte. Das Aus ist für Wolf zu verschmerzen. Schließlich verspricht Wettkampfkommentator und Schiedsrichter Detlef Schreider dem Verlierer ein Glas Bier umsonst. Und dann ist da noch die gute Stimmung auf dem Fest des Musikvereins Otterstadt. Die ist vor allem auf die vielen Besucher zurückzuführen. Brechend voll sind die Bierbänke, mühsam versucht sich der eine oder andere mit beladenen Tellern einen Weg durch die Menge zu bahnen. Allein rund 100 Portionen Wellfleisch landen an diesem Tag in den Mägen hungriger Besucher, wird Vorsitzender Daniel Herrmann später berichten. „Wir sind ja einiges gewohnt, aber am Donnerstag sind wir regelrecht überrannt worden“, sagt Herrmann. Die vielen Helfer an der Essensausgabe – insgesamt sind mit Auf- und Abbau rund 40 Mitglieder im Einsatz – tun ihr bestes. Um dem Andrang gerecht zu werden, ist das gesamte Mobiliar des Vereinsheim nach draußen gewandert. Trotzdem braucht auch ein Leberknödel seine Zeit, zu Hochzeiten reicht die Schlange bis zur Bonkasse. Die Besucher nehmen es gelassen. Zum einen scheint die Sonne. Zum anderen klingt die Musik der Otterstädter Musikanten auch im Stehen gut. Und als sich das Elementar- und das Generationenorchester für seinen Auftritt vorbereitet hat, sind auch schon die 18 Teilnehmer des Stickelspitzens gegeneinander gelost. Neugieriges Spickeln nach den Teilnehmern von der Warteschlange aus ist erlaubt. Detlef Schreider macht eine Kampfansage an den Stickelspitzer mit dem Kunstnamen „Don Krawallo“ aus Ketsch. Der Pokal werde auch in diesem Jahr nicht über den Rhein gehen, erklärt er mit einem Schmunzeln. Etwas dagegen haben die mitgereisten Anhänger der „Ketscher Hewwlguggler“, die ihr Mitglied lautstark anfeuern. „Flintstones, meet the Flintstones“, spielen die Orchestermusiker. Was gar nicht so schlecht zu dem Traditionswettbewerb passt, sieht man von den Kunststoff-Schutzbrillen ab, die vor Spänen schützen sollen. Dass Schnelligkeit und Kraft beim Spitzen der Stickel nicht alles ist, wird schon nach wenigen Runden deutlich. Ein ums andere Mal landen zu kurz angespitzte Hölzer in den Hülsen, die Teilnehmer müssen am Hackklotz mühevoll mit der Axt nachbearbeiten, nachdem sie mit roher Gewalt versucht haben, die zehn Zentimeter dicken Hölzer einzurammen. Wertvolle Zeit, die den Sieg kosten kann. Einen Vorteil hat, wer sich vorab die Höhe der Hülse angesehen hat. Auch eine kleine Kerbe vorab im Holz lässt Detlef Schreider durchgehen. Aber auch das ist keine Garantie, beweisen Teilnehmer, deren Stickel so stark angespitzt sind, dass sie brechen. Am Ende stehen sich wieder einmal geübte Stickelspitzer gegenüber. Allesamt aus Otterstadt. Werner Böhm unterliegt im Finale seinem Sohn Michael Böhm, der 35. Stickelspitzerkönig wird. Auf den nachfolgenden Plätzen landen Thomas Berthold und Stefan Löffel. Und der Musikverein Otterstadt wird dank Mitgliedern und Besuchern mit einem Rekordergebnis belohnt. „Mehr als 6000 Euro “, bilanziert Daniel Herrmann.