Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Großartiges Akademiekonzert trotz kurzfristiger Absage des Solisten

Die südkoreanische Geigerin Soyoung Yoon.
Die südkoreanische Geigerin Soyoung Yoon.

Es sind unruhige Zeiten, nicht nur für die Kultur, aber die trifft es zum Teil besonders hart. Veranstaltungen müssen kurzfristig abgesagt werden, andere können zwar stattfinden, allerdings unter Bedingungen, die mit Normalität wenig zu tun haben. Und manchmal sagen auch ganz kurzfristig Künstler ab – so, wie beim jüngsten Akademiekonzert des Mannheimer Nationaltheaterorchesters im Rosengarten.

Eigentlich sollte der polnische Ausnahmepianist Rafal Blechacz in Mannheim gastieren. Der Sieger des legendären Chopin-Wettbewerbs war als Solist im ersten Klavierkonzert seines polnischen Landsmannes Chopin vorgesehen. Doch am Tag vor dem Konzert erreichte die musikalische Akademie die Absage. Ganz kurzfristig sprang nun die Südkoreanerin Soyoung Yoon ein. Die ist allerdings Geigerin, weshalb auch das Programm geändert werden musste. Statt des e-Moll-Klavierkonzerts von Chopin gab es nun das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Absage des Solisten 24 Stunden vor dem Konzert

Fritjof von Gagern, der Vorsitzende der musikalischen Akademie, berichtete vor dem Konzert, dass man in Corona-Zeiten zwar gelernt habe, flexibel zu reagieren, dies sei aber eine Ausnahmesituation gewesen: „Dass ein Solist 24 Stunden vor dem Konzert und nachdem wir eine wunderbare Hauptprobe gespielt haben, krankheitsbedingt absagen muss, habe ich so noch nicht erlebt.“ Es sei ein Glücksfall, dass die mit dem Gastdirigenten Michal Nesterowicz befreundete Soyoung Yoon bereit war, in den beiden Konzerten am Montag und Dienstag aufzutreten, nachdem man erfolglos nach einem Ersatz für das Chopin-Konzert gesucht habe. „Immerhin stehen aber beide Konzerte in derselben Tonart e-Moll.“

Geboren wurde Soyoung Yoon 1984 in Seoul. Studiert hat sie an den Hochschulen in Köln und Zürich, in der Galerie ihrer Auszeichnungen finden sich Preise bei so renommierten Wettbewerben wie dem Yehudi-Menuhin- oder dem Tschaikowsky-Wettbewerb. Sie spielt gleich zwei besonders wertvolle Instrumente: eine Stradivari-Geige aus dem Jahr 1710, die den Namen „King George“ bekommen hat, und eine Guadagnini-Geige von 1773 mit dem Beinamen „Ex-Bückeburg“. Letztere kam in Mannheim zum Einsatz.

Lyrischer Ton

„Die Musik ist für mich das Natürlichste der Welt“, sagt die junge Geigerin über sich selbst. Das spürt man auch im Mannheimer Rosengarten, und zwar von den ersten Takten an. Schließlich beginnt das Mendelssohn-Konzert anders als die meisten anderen großen Violinkonzerte des Repertoires gleich mit dem Solo-Part. Man muss von der ersten Sekunde an voll da sein, gibt zugleich auch mit seinem Einsatz die Richtung vor, in die sich der Abend entwickeln wird.

Und er entwickelte sich in eine eher unerwartete Richtung. Schon bei ihrem ersten Einsatz verzichtete Yoon auf jede Pose, auf jedes solistische Auftrumpfen. Ihr Ton blieb in allen drei Sätzen eher lyrisch, wirkte manchmal gar fragil und verletzlich und ließ an wenigen Stellen auch etwas an Glanz vermissen. Dies aber wohl bewusst, denn die technischen Voraussetzungen für ein virtuoses Spiel bringt die Geigerin allesamt mit.

Klassischer Romantiker, romantischer Klassiker

Aber sie gestaltete stattdessen lieber die Übergangspassagen in einem hauchzarten Piano, animierte so auch das Nationaltheaterorchester unter der Leitung von Michal Nesterowicz, sich immer wieder zurückzunehmen, quasi mehr in das Werk hineinzuhören als es emphatisch oder triumphal auszustellen. Und wer nach dem ersten Satz geglaubt hatte, es ginge nicht noch lyrischer, noch zurückhaltender, vor allem aber noch romantischer, der sah sich im langsamen Andante eines Besseren belehrt. Yoons Spiel war nun Empfindsamkeit in Reinkultur, machte aus Mendelssohn nachgerade einen klassischen Romantiker. Oder eben einen romantischen Klassiker. Und an dieser Grundstimmung änderte sich auch im Finale nichts mehr, das eigentlich ja ein Fest für jeden Virtuosen ist.

Am Ende viel Emphase und großer Jubel

Begonnen hatte der Abend mit der „Kleinen Suite“ des polnischen Komponisten Witold Lutoslawski, er endete mit Mendelssohns „Schottischer“. Man braucht gar keine außermusikalischen Inhalte zu bemühen, um den Titel zu rechtfertigen. Diese großartige Sinfonie ist ein musikalisches Stimmungsbild, das uns von Schottland erzählt – was Mendelssohn ja auch in seiner „Italienischen“ gelungen ist. Nesterowicz und das Nationaltheaterorchester machten daraus eine durch und durch romantische Sinfonie, voller geheimnisvoller Spannungen, mit viel Pathos und packender Dramatik. Am eindrucksvollsten vielleicht die wenigen Takte, bevor im Finale kurz vor Schluss das letzte Thema zum Durchbruch kommt. Nesterowicz nahm Tempo und Lautstärke zurück, ehe dann zunächst die Hörner, schließlich das ganze Orchester zum triumphalen Schlussgesang ansetzen. Großes Kino. Großer Jubel – auch im Publikum.

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