Ein Bild und seine Geschichte
Grüne Exoten in der Stadt
Geschickt angelt sich ein Halsbandsittich mit seinem Fuß einen Meisenknödel. Mit seinem roten Schnabel pickt er auf das Netz ein, um an das Futter zu kommen. Seine Artgenossen sitzen auf den Ästen eines Baums und warten, dass sie auch drankommen. Dauert es zu lange, werden sie ungeduldig und machen sich lautstark mit schrillen „Tschilp“-Rufen bemerkbar.
Der Besuch der exotischen Vögel in Gärten in Ludwigshafen und Umgebung gehört mittlerweile zum Alltag. Vogelexperte Klaus Eisele schätzt die Population in Ludwigshafen auf etwa 2000 bis 2500 Tiere. Vor allem in Stadtteilen mit Gärten und Parklandschaften sind sie anzutreffen, etwa auf der Parkinsel in Süd oder in Friesenheim, wo es den größten Bestand geben soll. Aufgrund ihres Körperbaus fliegen sie keine weite Strecken und bleiben überwiegend ihrem Revier treu, wo sie in Schwärmen auf Schlafbäumen übernachten. In Friesenheim hat Eisele bis zu 300 Sittiche auf einem der sogenannten Schlafbäume gezählt.
Aus Afrika und Asien
Doch woher stammen die Exoten? Der Halsbandsittich ist eine weitverbreitete Papageienart, die sowohl in Afrika südlich der Sahara als auch in Asien, beginnend mit Pakistan und Indien, ursprünglich vorkommt. Naturforscher brachten sie nach Europa. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Sittiche mit dem namengebenden dunklen Band am Hals, als Volierenvögel in Zoos und privaten Käfigen beliebt. Und dort büxten sie irgendwann aus, um in die Freiheit zu fliegen. Seitdem breiten sie sich aus. In Deutschland sollen die ersten freilebenden Exemplare Ende der 1960er-Jahre in Köln aufgetaucht sein, heißt es in Fachmagazinen.
„Es gibt verschiedene Thesen, wie oder wann sich die Vögel ausgebreitet haben. Wahrscheinlich hat sie ein Züchter in Wiesbaden freigelassen“, sagt Ornithologe Eisele. Fest steht: Die Sittiche haben sich entlang des Rheins ausgebreitet – und sie sind mittlerweile in zahlreichen Großstädten entlang des Flusses zu finden. Neben Köln auch in Düsseldorf, Bonn, Wiesbaden, Mainz sowie im Rhein-Neckar-Raum, wo sie neben Ludwigshafen auch in Mannheim und Heidelberg leben. Eisele schätzt, dass die Sittiche in den 1990er-Jahren in der Kurpfalz heimisch geworden sind.
Städte als Lebensraum
Sie siedeln sich überwiegend in den Städten an, weil sie dort relativ milde Winter und ähnliche Lebensbedingungen wie in ihrer ursprünglichen Heimat finden: aufgelockerte Baumbestände in Parks, auf Friedhöfen und in Gärten. Dort haben sie die Lage besser Blick und haben weniger Feinde als etwa in einem Wald, erläutert Eisele. Denn die Sittiche stehen mittlerweile auf dem Speiseplan von Greifvögeln, wie dem Sperber oder Wanderfalken. Die Halsbandsittiche selbst sind Vegetarier und finden in Gärten und Parks ausreichend Nahrung, etwa Beeren, Knospen oder Obst. „Es sind Schwarmvögel, das heißt, sie leben in Gemeinschaften. Zu einem Schwarm gehören 20 bis 30 Tiere“, sagt Eisele. Die verspielten Vögel legten ein auffälliges Sozialverhalten an den Tag, kommunizierten miteinander und seien sehr intelligent.
„Viele Leuten glauben, die Sittiche pflanzen sich ungebremst fort und verdrängen heimische Arten. Aber das stimmt nicht. Die Population hier ist stabil. Wenn der Lebensraum nicht mehr für alle reicht, ziehen sie weiter. Mittlerweile sind die Sittiche bis ins Saarland nachweisbar“, berichtet Eisele. Nicht jeder Anwohner ist von den Exoten begeistert: Die schrillen Schreie und angefressenes Obst sorgen für Ärger.
Zahlreiche Gebäudeschäden
Zum finanziellen Problem sind Gebäudeschäden geworden. Denn die Halsbandsittiche sind Höhlenbrüter. Ursprünglich zogen sie ihre Brut in Baumhöhlen groß. „In der Stadt haben die Vögel von den Spechten gelernt und hacken große Löcher in die Dämmung von Häusern, um dort eine Nisthöhle zu schaffen“, sagt Eisele. Die Schäden seien enorm. Auch in der Fassade der Eberthalle sind die charakteristischen Löcher aufgetaucht. Der ornithologische Arbeitskreis Orbea arbeitet zur Schadensbegrenzung mit den beiden großen Wohnungsbaugesellschaften in Ludwigshafen zusammen: der kommunalen GAG sowie der BASF Wohnen und Bauen.
„Ein Sittichpaar schafft es, bis zu einem halben Kubikmeter Dämmmaterial aus einer Fassade zu picken“, hat Eisele beobachtet. Neben dem Verputzen und Verschließen der Nisthöhlen werden deshalb weitere Möglichkeiten geprüft, um die Gebäudeschäden zu reduzieren. So liefen derzeit Versuche mit einem Glattputz an der Außenfassade, der den Vögeln keinen Halt mehr bietet. Auch mit Farbanstrichen werde experimentiert, mit Farben, die den Vögeln unangenehm seien. Außerdem werden an den Häusern angelegte Nistmöglichkeiten geschaffen.
Weitere Exoten kommen
Zwei bis drei Eier legt ein Vogel. Bis zu zehn Jahre alt kann ein Sittich werden. Die Exoten werden in Zukunft auch weiter zum Stadtbild gehören. „Das ist eine erfolgreiche Neuansiedlung, die ich als Bereicherung der Vogelwelt empfinde“, sagt Eisele. Der grüne Halsbandsittich wird nicht der einzige Migrant bleiben, ist der Vogelexperte überzeugt. Weitere Vogel-Migranten wie der Bienenfresser sind bereits hier. „Es werden sich in den kommenden Jahren weitere Vögel und Insekten aus südlichen Gefilden bei uns ansiedeln, dafür sorgen die Globalisierung und der Klimawandel“, ist Eisele überzeugt.