Ludwigshafen Glitzerstaub auf dem Parkett
Die Fastenzeit dauert bereits eine Woche, die letzten Konfetti sind zusammengekehrt. Ein Bild der vergangenen Tage bleibt aber vor meinem inneren Auge haften: Das Kostüm meines vier Jahre alten Sohns. Feuerwehrmann, Pirat, Cowboy, Indianer: Was hatte ich in den vergangenen zwei Jahren nicht alles an Vorschlägen für Kostüme gemacht. War mit ihm durch die Fasnachtsabteilung im Kaufhaus gelaufen. Hatte den eigenen Fundus durchforstet. Alles mit der immer gleichen Wirkung: Völliges Desinteresse. Und während der Kindergarten sich in den Tagen vor Altweiberfasnacht Schritt für Schritt in ein Piratennest verwandelte, Seeräuberlieder gesungen und Pappsäbel geschwungen wurden, ließ die Frage der Kostümierung meinen Sohn kalt. Innerlich freute ich mich einerseits, konnte ich doch Fasnachtsveranstaltungen nie so viel abgewinnen. Andererseits hatte ich mich in den zehn Jahren, in denen ich in Köln lebte, zum Karneval immer gern verkleidet. Und meinem Schwiegervater zuliebe sogar eine Fasnachtssitzung über mich ergehen lassen. Aber Kinderfasnacht im Kindergarten – war das nicht wichtiger Teil der Sozialisierung?, mahnte die Vater-Stimme in mir. Würde es meinem Sohn nicht schlecht bekommen, wenn er so ganz ohne Kostüm an den tollen Tagen am Basteltisch sitzen würde? Gerade er, der doch sonst jedes Rollenspiel aufnahm und sich in Sekundenschnelle von einer Katze über einen Adler in eine Schlange verwandelte. Oder sollte ich eher stolz auf ihn sein, dass er selbstbewusst so war, wie er eben war? Die Bedenken zerstreuten sich, als ich ihn nach der ersten Fasnacht im Kindergarten befragte. „Er sei als Jakob verkleidet“, habe er Fragen nach dem Kostüm beantwortet. Damit war die Sache erledigt. Und das war mir lieber, als der unglückliche Clown, als der er auf Bildern einer Fasnachtsveranstaltung im vergangenen Jahr in die Kamera blickt. So war ich regelrecht irritiert, welche Begeisterung er vor wenigen Wochen entwickelte. Er würde sich verkleiden, so viel stand fest. Und als ich eines Tages nach Hause kam, war das Kostüm gekauft. Was ich sah, als er sich dann schließlich im Geheimen umgezogen hatte, war ein Traum in blau-türkis. Ein Glanzkleid mit verzierten Trägern und Tüll, dazu Feenflügel auf dem Rücken, die Glitzerstaub auf das Parkett regnen ließen. Nun muss der Wahrheit willen gesagt werden, dass mich das nicht so überraschte, wie es hätte tun können. Spätestens seit der Geburt seiner Schwester im vergangenen Herbst, als rosa Strampler, Söckchen und Mützen in Geschenkpaketen eintrudelten, war das Thema Mädchenkleidung für meinen Sohn zur fixen Idee geworden. Traurig erklärte er mir, dass ihm Röcke und Farben wie Rosa oder Lila zwar gefielen, er aber sicher sei, in ihnen gehänselt zu werden. Da half auch nicht, dass ich beteuerte, selbst Männer gingen im lila Pullover oder rosa Hemd zur Arbeit. Wirklich ausreden, gebe ich zu, wollte ich ihm im Kindergartenalltag nur das Kleid. Jetzt in der Fasnacht war ich stolz, dass er sich traute, sich dem gängigen Rollenklischee zu widersetzen. Andere Väter beeilten sich, mich zu beruhigen – was mir wiederum viel darüber verriet, welchen Stellenwert frühkindliche Kostümprägung in den Köpfen doch hat. Unsicher, ob er deshalb gehänselt würde, spazierten meine Frau und ich mit unseren drei Kindern zur Kinderfasnacht. Das Ergebnis: Einige irritierte Blicke von Jungs, einige interessierte Blicke von Mädchen. Und der Sohn, dem ich beim Kleid ausziehen im Jungs-Klo helfen musste. Ähnlich unspektakulär ging offensichtlich die Fasnacht im Kindergarten über die Bühne. „Das ist doch für Mädchen“, hätten lediglich zwei Jungs gesagt, erklärte mir mein Sohn abends. Das Kleid hatte er da schon wieder ausgezogen. Aber nicht der Jungs wegen, nein. Offensichtlich hatte er innerhalb kürzester Zeit die Tücken der Damenmode kennengelernt, klärte mich meine Frau auf: „Die Träger rutschen.“ Die Kolumne Einmal im Monat macht sich die Marktplatz-Redaktion – nicht immer ganz ernst gemeinte – Gedanken über das Leben und die Liebe. Was gefällt und was nicht, finden wir, ist „Ansichtssache“.