Ludwigshafener Geschichte(n)
Glaser und Brunck: Zwei Garanten für den guten Ruf der BASF
Ihr vom Beruf geprägter Lebensweg verlief nach der schulischen Ausbildung in der Heimat nahezu parallel: Sowohl der 1841 in Kirchheimbolanden geborene Arztsohn Carl Andreas Glaser als auch Heinrich von Brunck, der am 1847 als Sohn eines Landwirts auf einem Hofgut in Winterborn (Donnersbergkreis) zur Welt kam, fanden als Studenten bei August Kekulé, dem prominenten Schüler des legendären Wissenschaftlers und Begründers der Agrochemie Justus von Liebig, den Weg zur Chemie. Und das, obwohl das Fach damals noch als eine Art Ausnahmewissenschaft galt. „Ein Chemiestudium ist brotlose Kunst für Sonderlinge,“ hieß es Mitte des 19. Jahrhunderts ziemlich geringschätzig.
Doch die beiden Nordpfälzer, die bis an Bruncks Lebensende 1911 eng miteinander befreundet waren, ließen sich von dieser negativen Prognose nicht schrecken. Sie promovierten jeweils in Tübingen, folgten am 1. November 1869 gemeinsam dem Ruf des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn und traten in das erst vier Jahre alte Ludwigshafener Chemieunternehmen ein. Dort gab es zu diesem Zeitpunkt gerade mal drei andere Chemiker: die Brüder Carl und August Clemm sowie seit 1868 den genialen Heinrich Caro. Das Quintett begründete das Zeitalter der Chemiker an der Spitze der BASF, die mit wissenschaftlicher Kompetenz, Pragmatismus und systematischer Erfolgsplanung das Unternehmen an die internationale Spitze im beginnenden „Farbenzeitalter“ führten.
Gewaltige Verkaufszahlen
Heinrich von Brunck arbeitete anfangs auf dem Gebiet der Alizarinfarbstoffe und baute 1874 für die BASF im fernen Duisburg eine Fabrik für die Reinigung von Anthrazen auf, einem Vorprodukt für Alizarin. Sein Freund Carl Glaser hatte dank seiner wissenschaftlichen Qualifikation derweil in Ludwigshafen mit aussichtsreichen Alizarinversuchen begonnen und mit einem speziellen Verfahren Erfolg: Die technische Ausgestaltung der Alizarinsynthese zu einer Großproduktion bescherte dem jungen Unternehmen weltweit einen überragenden Ruf, gewaltige Verkaufszahlen und – für die damalige Zeit – ungewöhnliche Gewinne. Der BASF-Vorsprung gegenüber der Konkurrenz in Deutschland, vor allem bei der Produktqualität, war weitgehend das Verdienst von Glaser.
Die beiden befreundeten Pfälzer, die später auch als führende Mitarbeiter der BASF mit ihren Familien gemeinsam eine prächtige Villa an der Friesenheimer Straße (mit Palmenhaus und Orchideenzucht) bewohnten, arbeiteten von Beginn an Hand in Hand – und das sollte ihrer Karriere zugutekommen. Beide wurden am 11. Februar 1879 stellvertretende Direktoren mit Prokura.
Sie profitierten in diesen Jahren auch vom erbitterten „Zoff“ an der Unternehmensspitze zwischen den Firmengründern und den beiden mittlerweile verfeindeten Clemm-Brüdern: Auf der einen Seite August Clemm als „graue Eminenz“, der von Beginn an Brunck und Glaser (er war seit 1879 Leiter der Farbenfabrik der BASF) aufgebaut hatte.
Auf der anderen Seite der alternde Engelhorn, Carl Clemm und Heinrich Caro. Am 1. Januar 1884 war der Streit durch die Demission einiger Widersacher im Aufsichtsrat entschieden: Brunck, Glaser, der mittlerweile „befriedete“ Caro und der Stuttgarter Unternehmenspartner und „Verkaufschef“ Gustav Siegle bildeten gemeinsam den BASF-Vorstand.
„Griff in die Luft“
Im Sommer 1885 schieden Engelhorn und Carl Clemm aus dem Aufsichtsrat aus, der „Technische Direktor“ Brunck mit seinem ungewöhnlichen Organisationstalent und die beiden fantasiereichen Chemiker Glaser und Caro hatten freie Hand. Siegle war im fernen Stuttgart für insgesamt 15 Jahre ebenfalls im Spiel, schied dann aber nach der Verlegung der BASF-Verkaufszentrale von Stuttgart nach Ludwigshafen 1889 aus. Zu diesem Zeitpunkt – im Jahr 1884 – hatte die BASF mit 61 Chemikern und 2500 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 18 Millionen Mark.
Brunck, unter dessen Leitung das Schwefelsäure-Kontaktverfahren (1888), die Chlorverflüssigung (1888) und die Indigo-Synthese (1897) entwickelt wurden, trat dann 1907 in den mächtigen Aufsichtsrat über, den er bis zu seinem Tod am 4. Dezember 1911 leitete. 1908 gab er auch den Anstoß für den „Griff in die Luft“ – die Ammoniak-Synthese, für deren Hochdruckverfahren sein kongenialer Nachfolger Carl Bosch 1931 den Nobelpreis erhielt.
Glaser hatte in diesen Jahren die Aufnahme der Azofarbstoffe in das Arbeitsprogramm der BASF initiiert und war 1895 aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat gewechselt. Als Nachfolger seines verstorbenen Freundes Heinrich von Brunck führte er dieses Gremium von 1912 bis 1919 als Vorsitzender. Glaser wurde 94 Jahre alt und starb am 25. Juli 1935
Soziale Verdienste
Brunck und seine Mitstreiter haben sich auch auf sozialem Gebiet unvergessliche Meriten erworben. Um die Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, baute die BASF in Werksnähe im Hemshof eine Arbeitersiedlung mit 400 Wohnungen – später ab 1900 auch in Limburgerhof. Schon 1866 gab es bei dem Unternehmen den weltweit ersten Werksarzt und zeitgleich vier Wohnheime für unverheiratete Mitarbeiter.
Aus einem Pensionsfonds (1871) und einer Krankenunterstützungskasse (1875) gingen einige Jahre später die Betriebskrankenkasse (1884) und die Pensionskasse (1885) hervor. Betriebs- und Familienbäder, eine Werks- und Milchküche, ein Schwesternhaus und sogar eine Entbindungsstation waren ebenfalls vielbestaunte soziale Taten.
Kein Wunder, dass schließlich auch die Öffentlichkeit diese ungewöhnlichen Aktivitäten würdigte. Brunck, nach dem ebenso wie nach Glaser in Ludwigshafen eine Straße benannt wurde, wurde 1905 in den persönlichen Adel erhoben und erhielt 1907 den Titel eines Geheimen Kommerzienrates. Glaser wurde Ehrenbürger von Kirchheimbolanden, Kommerzienrat und Geheimer Hofrat.