Interview
„Glück ist etwas ganz Individuelles“
Frau Pieper, wann haben Sie zuletzt richtig Glück gehabt?
Im Grunde teile ich mein Leben nicht danach ein, aber ich empfinde es als Glück, dass ich bei guter Gesundheit bin und mich das Corona-Virus bisher nicht erwischt hat.
Was bedeutet für Sie Glück? Wie würden Sie den Begriff definieren?
Es gibt sehr unterschiedliche Glücksarten. Da wäre zum eine das spontane Glück, die Freude, wenn man erfolgreich war oder in einer brenzligen Situation nochmal gut davon gekommen ist, das Glück im Unglück. Das ist eine hochschießende Freude für den Moment, die aber auch schnell wieder verpufft. Dann gibt es das längerfristige Glück, das würde ich mit Zufriedenheit umschreiben. Es hält das Leben in einem gewissen Gleichmaß und ist vielleicht nicht so anstrengend wie das Warten darauf, dass etwas Unglaubliches passiert.
Welche Ansichten gibt es in der Philosophie zum Thema Glück?
Da gibt es ganz verschiedene Ansätze. Die Hedonisten verbinden die Lust mit Glück. Moralisten wie Kant sagen, man muss sich um das Glück verdient machen. Die Utilitaristen sehen Glück als das, was mir nützt. Und die Existenzialisten machen sich ihr eigenes Glück. Das sind ganz verschiedene Zugänge, die ich alle sehr spannend finde, da keine dieser Positionen den Glücksbegriff allein für sich beanspruchen kann. Jeder kann sich im Grunde selbst seine Vorstellungen vom Glück aus diesen ganzen Versatzstücken bilden.
Was hat Sie dazu bewogen, das Glück aus der Sicht der Geisteswissenschaften einmal genauer unter die Lupe zu nehmen?
Das kam durch Existenzphilosophen wie Albert Camus, aber auch über die Ethik. Da kommt man an der Glücksthematik eigentlich gar nicht vorbei, da es ein zentraler Begriff ist, der zum guten Handeln wichtig ist. Glück ist etwas ganz Individuelles, es gibt so viele Glücksvorstellungen wie es Menschen gibt. Man kann darüber im Grunde nur erzählen, so wie bei Märchen, die von unglücklichen Menschen berichten, die am Ende glücklich werden oder auch nicht.
Warum streben wir nach Glück?
Das liegt daran, dass wir keine reinen Geistwesen sind, sondern einen Körper haben. Dieser hat Bedürfnisse, und es gibt einen ständigen Anspruch an uns, diese auch zu erfüllen. Wenn ich Hunger habe und etwas esse, was mir gut schmeckt, dann habe ich auch ein besonders gutes Gefühl. Also streben wir danach, das zu wiederholen. Dann gilt es, darauf zu achten, wo ein Zuviel ist, wo ein Zuwenig, wo muss ich einen Ausgleich schaffen.
Wenn Sie frühere Gesellschaften mit der Moderne vergleichen, wie hat sich das Streben nach Glück verändert? Ist es in all seinen Auswüchsen, in Spielcasinos oder Lotto-Scheinen tatsächlich zu finden?
Früher war es vielleicht einfacher und bescheidener. Man war autonomer in dem, was man dachte, was einem guttut. Heute gibt es viele Glücksangebote, von Influencern bis zu Heilsversprechen in der Werbung. Dadurch entstehen auch Konflikte und Beeinflussungen. Beim Lottospiel fällt mir der alte Fortuna-Mythos ein: Die römische Göttin geht nicht nach Verdienst vor, sie schüttet ihr Glücksfüllhorn aus, wo es ihr beliebt. Wer da steht, hat eben Glück gehabt, aber eigentlich ist es ein Glücksstreben, von dem man hinterher nur enttäuscht ist.
Macht die wissenschaftliche Glücksforschung glücklich?
Das finde ich nicht. Vor allem, wenn ich ökonomische Statistiken lese, welche Gesellschaften besonders glücklich sind und warum. Da wird das Glück quantifiziert, als könne man es messen und mit Punkten belegen. Die Schweizer gelten als besonders glücklich, aber ich lebe in Basel, und das ist etwas unterhalb dessen, was ich mit Glück verstanden wissen will. (lacht)
1972 in München waren Sie erst die zweite habilitierte Philosophin. Haben Sie Glück gehabt, oder mussten sie sich eher in einer Männerwelt durchschlagen?
Kampf war nie meine Spielart. Ich hatte die Universitätskarriere gar nicht so auf dem Radar und verschiedene Vorstellungen, was ich nach der Promotion mache. Im Grunde war es Zufall, dass ich die Möglichkeit zur Habilitation bekam. Als Frau war es schwierig, ich konnte das männliche Netzwerk sabotieren oder mich so einklinken, dass ich mich wohlfühle. In München haben die Philosophen keinen Unterschied gemacht. Mir wurde auf Augenhöhe begegnet, ich war quasi der 30. Mann da. (lacht)
Ihr Vortrag fragt „Glücklich bis ans Ende aller Tage?“ Lässt sich das Glück dauerhaft erhalten, oder ist es eher als flüchtiger Moment zu akzeptieren?
Ein ewiges Leben im Glück wäre meiner Meinung nach etwas Furchtbares. Es braucht den Gegenpart. Man muss wissen, was Unglück bedeutet, um das Glück überhaupt schätzen zu können.
Termin
Am Dienstag, 12. Oktober, ist Annemarie Pieper um 18 Uhr mit ihrem Vortrag „Glücklich bis ans Ende aller Tage?“ im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen (Walzmühlstraße 63) zu Gast.
Zur Person
Annemarie Pieper
Annemarie Pieper wurde 1941 in Düsseldorf geboren. Sie studierte in Saarbrücken und München und war die erste Professorin für Philosophie an der Universität Basel als Nachfolgerin auf dem Lehrstuhl von Karl Jaspers. Von 1981 bis 2001 setzte sie sich in ihrer Forschung vor allem mit der Existenzphilosophie und der philosophischen Ethik auseinander. Mit 60 Jahren verließ sie die Universität, um als freie Schriftstellerin tätig zu werden. In der Schweiz ist Pieper einem größeren Publikum durch Rundfunk- und Fernsehsendungen („Sternstunde Philosophie“) bekannt.